Saodat Ismailova, When the Water Turns to Wind, Installationsansicht, Portikus, Frankfurt am Main, 2026.
Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin. Fotos: Günzel/Rademacher.

Wenn Wasser zu Wind wird

02.04.2026

5 min Lesezeit

Saodat Ismailova

Im Frankfurter Portikus ist bis zum 10. Mai die Ausstellung „When the Water Turns to Wind“ von Saodat Ismailova zu sehen. In ruhigen, eindringlichen Bildern nimmt die Künstlerin das Schrumpfen des Aralsees zum Thema. Was zunächst wie eine Landschaftsstudie anmutet, entfaltet sich als vielschichtige Reflexion über Umwelt, Geschichte und Lebensräume.

Eine überdimensionale Leinwand spannt sich über die Decke im Frankfurter Portikus, auf der die Arbeit „When The Water Turns To Wind“ der usbekischen Künstlerin Saodat Ismailova zu sehen ist. Darunter liegen im abgedunkelten Raum verteilt einige Steppmatratzen, die zum Verweilen einladen. Videokunst in der Horizontalen.

Was sich über den Köpfen der Besucher*innen auftut, sind scheinbar endlose Kamerafahrten in der Vogelperspektive über weite Landschaften. Trockene Steppe, zerklüftetes Land, über das ein böiger Wind hinwegfegt, endlose Dünen und monumentale Gebirgsketten. Begleitet werden diese Aufnahmen vom stetigen Rauschen des Windes, hin und wieder unterbrochen von kreischenden Möwen. In der Monumentalität der Leinwand erhalten die Landschaftsansichten einen gewissen Grad an Abstraktion. Die Distanzen und Größenverhältnisse werden unmessbar, das Gelände selbst erscheint endlos. Die Kamerafahrten werden unterbrochen von Aufnahmen auf Grund gelaufener Boote, die bereits rot und braun von Rost zwischen vertrockneten Gräsern in der Sonne liegen, sowie farbigen Zeichnungen unterschiedlicher Fische, die aus einem Lehrbuch entnommen zu sein scheinen. Doch wo ist das Wasser, in dem sie einst lebten?

Zwei klassisch illustrierte Fische: oben ein Stör, unten ein weiterer Fisch mit schuppigem Körper.
Saodat Ismailova, When the Water Turns to Wind, 2026, Filmstills.
Courtesy the artist.
Minimalistischer Raum mit grünen Wänden, gefalteten Decken und einem blau-grünen, beleuchteten Deckengemälde.
Saodat Ismailova, When the Water Turns to Wind, Installationsansicht, Portikus, Frankfurt am Main, 2026.
Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin. Fotos: Günzel/Rademacher.
Zweigeteiltes Bild: links eine raue, graue Fläche, rechts ein sanfter Sonnenuntergang über stiller Wasseroberfläche.
Saodat Ismailova, When the Water Turns to Wind, 2026, Filmstills.
Courtesy the artist.

Das schwinndende Gewässer

„When the Water Turns to Wind“ erzählt vom langsamen Verschwinden des Aralsees, einem der größten und artenreichsten Binnengewässer unseres Planeten. Auf der Grenze zwischen Kasachstan und Usbekistan gelegen, bedeckte der See einst eine Fläche von 68.000 km² – in etwa so groß wie Bayern. Wegen der seit etwa 1960 zunehmenden Austrocknung ist der Aralsee auf circa 10 % seiner ursprünglichen Größe geschrumpft. Der Grund dieser Entwicklung ist menschengemacht: Seit den 1930er-Jahren werden den größten Zuflüssen des Aralsees, Amudarja und Syrdarja, große Wassermengen für die lokale Baumwollwirtschaft in Kasachstan und Usbekistan entnommen. Die einst wasserreichen Flüsse münden nun nur noch als Rinnsale im Aralsee. Verschiedene Ansätze zur Rettung des Sees scheiterten aus geopolitischen Gründen.

Ismailovas Arbeit ist wie eine ferne Erinnerung oder ein melancholisches Abbild von etwas, das verloren gegangen ist. Zentral ist das Motiv der Abwesenheit. Die Künstlerin erkundet eine Landschaft, in der einst Wasser das Leben bestimmte. Der Aralsee war Lebensraum für zahlreiche Arten und zugleich die Lebensgrundlage für die Menschen der Region. Wo einst Wasser war, breitet sich heute die Wüste Aralkum aus – eine der jüngsten Wüsten der Erde. Das Wasser hat sich so weit zurückgezogen, dass ehemalige Küstenorte, wie Aral oder Moynaq, heute kilometerweit vom Wasser entfernt liegen.

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Fishing in an Invisible Sea

Ergänzt wird die Installation durch den Film „Aral. Fishing in an Invisible Sea“, den Ismailova gemeinsam mit Carlos Casas realisiert hat. Während die Filminstallation im Erdgeschoss aus der Distanz auf dieses veränderte Ökosystem blickt, rückt der Film im Obergeschoss näher an die Menschen heran, die noch immer am ehemaligen Ufer des Sees leben. Der Film zeigt drei Generationen einer Fischer-Familie – ihre Rituale und Gewohnheiten, ihren Alltag in einer Landschaft, deren zentrales Element längst verschwunden ist.

Ismailova zieht den Aralsee als eindrückliches Beispiel für die Folgen extraktivistischer Eingriffe in natürliche Systeme heran. Die ausgetrocknete Landschaft wird zum Schauplatz eines menschgemachten Umbruchs, dessen Konsequenzen Tiere, Ökosysteme und ganze Lebensweisen betreffen. Zugleich macht „When the Water Turns to Wind“ deutlich, dass Überlegungen zu Ressourcenknappheit und geteiltem Lebensraum nie eindimensional – etwa rein ökologisch oder politisch – betrachtet werden können, sondern sich aus einem Geflecht aus Ritualen, Träumen, kulturellen Praktiken und überliefertem Wissen zusammensetzen. Mithilfe der poetisch anmutenden Landschaftsaufnahmen verbindet Ismailova ökologische, soziale und kulturelle Fragen zu einem vielschichtigen Bild einer Region, deren Geschichte weit über ihre geografischen Grenzen hinausweist. So entsteht ein geschlossenes und eindringliches Ausstellungserlebnis, das die Thematik auf eindringliche Weise erfahrbar macht.

Kunstinstallation mit Fernseher, der ein Video zeigt, und einem Tisch mit Kopfhörern in einem minimalistischen Raum.
Saodat Ismailova, When the Water Turns to Wind, Installationsansicht, Portikus, Frankfurt am Main, 2026.
Mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin. Fotos: Günzel/Rademacher.
Weitläufiges Meer mit glitzernder Oberfläche, silhouettierten Personen am Horizont und klarem, blauem Himmel.
Saodat Ismailova & Carlos Casas, Aral. Fishing in an Invisible Sea, 2004, Filmstill.
Courtesy the artists.

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Begleitend zur Ausstellung veranstaltet der Portikus ein Filmprogramm, das die globalen Herausforderungen im Zusammenhang mit Ressourcenknappheit und ungleich verteilten ökologischen Belastungen thematisiert. Jeden 2. Donnerstag um 19 Uhr, alle Details finden sich auf der Webseite des Portikus.

Saodat Ismailova
„When the Water Turns to Wind“

Portikus, Frankfurt
21. Februar bis 10. Mai 2026