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Was bewegt euch?

15.09.2022

7 min Lesezeit

Ugo Rondinone beobachtet unsere Beziehung zur Welt und wirft Fragen auf, die bis in die Romantik zurĂŒckreichen.

Vereinzelt am Boden sitzend, wenden 13 junge Frauen und MĂ€nner ihren Blick nach innen, von ihren Kolleg*innen und den Besucher*innen ab. Jede*r bleibt fĂŒr sich, aber sie gehören zusammen, soviel wird beim Betreten des Raumes sofort klar. Ihre langen, schlanken, durchtrainierten Glieder und die anmutige Körperhaltung geben sie als TĂ€nzer*innen zu erkennen, die sich offenbar erschöpft ausruhen. Ob die „nudes“ (2010/11) demnĂ€chst ihre imaginĂ€re Choreografie wieder aufnehmen oder fĂŒr immer bewegungslos verharren, bleibt unklar. 

Die Haare der Figuren sind unter an Badekappen erinnernden Hauben verschwunden, und ihre Körper wurden zwar bis in die Hautporen hinein lebensecht nachgebildet, weisen aber ĂŒberall NĂ€hte und sogar LĂŒcken auf, wo ihre ExtremitĂ€ten oder der Torso nur unvollstĂ€ndig zusammengefĂŒgt wurden. DarĂŒber hinaus macht die Gruppe einen orientierungslosen Eindruck, ihr fehlt die Richtung oder ein Zentrum, eine Regie, die das Zeichen zum Weitermachen gibt und aus den verstreuten Individuen (wieder?) eine funktionierende Gemeinschaft formt.

Ein Fraktal zur Geschichte zusammensetzen

Der Kontrast zwischen Detailtreue und Unvollkommenheit hat praktische GrĂŒnde, erklĂ€rt der KĂŒnstler: Jeder Körper wurde mithilfe von Formschalen im Detail abgenommen (deswegen die Kappen und die fehlende Kleidung), anschließend in mit unterschiedlichen Erdpigmenten vermischtem Paraffinwachs abschnittweise nachgebildet und erst am Ende millimetergenau wieder vervollstĂ€ndigt. Die Ästhetik der Bruchstellen habe ihm einfach gefallen, erklĂ€rt er im GesprĂ€ch mit Schirn-Kurator Matthias Ulrich, also behielt er sie. Wenn er um Aussagen zur (Be-)Deutung seiner Arbeit gebeten wird, beschreibt Rondinone lieber, was er tut, und einerseits spiegeln seine Werke diese Offenheit. Aber zugleich hat jede Material-, GrĂ¶ĂŸen- oder Formentscheidung, jede rĂ€umliche Setzung, jeder Titel eine prĂ€zise kalkulierte Funktion. Insofern bleibt es Besucher*innen wie mir ĂŒberlassen, die ausgelegten Hinweise zu sammeln und wie ein Fraktal zu Geschichten zusammenzusetzen, die sich aus großen thematischen Bögen bis in kleinste Details hinein verĂ€steln und gefĂŒhlt endlos weiter ausdifferenziert werden könnten.

Ugo Rondinone. LIFE TIME, Ausstellungsansicht, nude (XXXXXXXXXXXXX), 2010, Wachs, Erde, Pigmente, 77 x 87 x 85,5 cm, © Ugo Rondinone, Schirn Kunsthalle Frankfurt 2022, Foto: Norbert Miguletz
Alle gemeinsam, aber jede*r fĂŒr sich

Ungeachtet ihrer jugendlichen Kraft prĂ€sentiert Rondinone die „Nackten“ sich aufstĂŒtzend oder anlehnend, bis auf die Scham entblĂ¶ĂŸt, zerstĂŒckelt, ‚wachsweich‘. Neben einer riesigen vertikalen Erdlandschaft („curved standing landscape“, 2020) und drei zeigerlosen, die Ewigkeit beziffernden Uhren („blue/red/yellow clock“, 2016) sitzen sie in der Schirn zwar alle gemeinsam, aber jede*r fĂŒr sich.

Im Sinne ihrer gezielten Ambivalenz lĂ€sst sich die Installation so wahlweise als kunsthistorisches Zitat, als Kommentar auf die Leistungsgesellschaft und/oder als Allegorie auf die Endlichkeit der menschlichen Existenz (vgl. auch die titelgebende Leuchtschrift „Life Time“, 2019) lesen; zweifellos wĂ€ren weitere InterpretationsansĂ€tze möglich.

Kunstimmanent betrachtet, beschwört die Darstellung nackter TĂ€nzer*innen ein ganzes Arsenal historischer Vorbilder, besonders aus dem 18. und 19. Jahrhundert – vom Motiv der Badenden (Fragonard, Courbet, CĂ©zanne, Munch), ĂŒber Landschaftsakte bis zu bekleideten wie nackten TĂ€nzerinnen (Renoir, Degas, Rodin) –, mit dem Unterschied, dass dort die Menschen und ihre Körper im Einklang mit ihrer Umgebung stehen.

PAUL CÉZANNE, SEPT BAIGNEURS, CA. 1900, Öl auf Leinwand, 38.0 x 46.0 cm, Fondation Beyeler, Riehen/Basel, Sammlung Beyeler © Foto: Robert Bayer Image via fondationbeyeler.ch

Ein Kommentar auf die Leistungsgesellschaft

Auf einer zweiten Ebene rĂŒckt der Entstehungskontext der Arbeit in den Blick, denn in den 2010er Jahren wurde das „erschöpfte Selbst“, welches sein Mandat zur Selbstverwirklichung (Alain Ehrenberg) loszuwerden beziehungsweise seine „MĂŒdigkeit“ als bewussten RĂŒckzug vom westlichen Leistungsmodell produktiv zu wenden suchte (Buyung-Chul Han), öffentlich ausgiebig diskutiert. Die normalerweise auf uneingeschrĂ€nkten Einsatz, maximale Körperbeherrschung und Konkurrenzdruck fokussierte Berufsgruppe der TĂ€nzer*innen, die körperliche und seelische Grenzen auf der Suche nach einem vermeintlich verlorenen Selbstausdruck ĂŒberschreitet, vermittelt aus dieser Perspektive den vergeblichen Widerstand gegen Vereinzelung und Überforderung kapitalistischer Gesellschaften. Burnout oder Depression als subjektive RĂŒckzugsstrategie.

Edgar Degas (1834 –1917), Kleine 14-jĂ€hrige TĂ€nzerin, 1878/79–1881
Bronze, H. 98 cm, EuropÀische Privatsammlung © StÀdel Museum, Foto: Horst Ziegenfusz. image via kultur-online.net

Und schließlich schiebt sich, in einer dritten Variante, nach zweieinhalb Jahren Pandemie unser Alltag ĂŒber die prĂ€sentierte Szene. Es wurde viel darĂŒber geschrieben, wie das Coronavirus den Tod von den verdrĂ€ngten RĂ€ndern des kollektiven Bewusstseins wieder in die Mitte unseres Lebens zurĂŒckgebracht hat, und dass diese Erfahrung nicht nur negative Folgen fĂŒr den gesellschaftlichen Dialog zeitigt; eine Einsicht, die Rondinone bekanntermaßen durch den frĂŒhen, tragischen Aids-Tod seines Lebenspartners den meisten von uns um Jahrzehnte voraus hat. So gesehen nimmt diese Installation das ĂŒbergeordnete Ausstellungsmotto von der „Lebenszeit“ und damit eine der großen Fragen des Daseins unmittelbar auf, nĂ€mlich wie wir uns zu dem Wissen um unsere Sterblichkeit verhalten.

Endlichkeit als Bedingung und Geschenk

Vielleicht wĂ€re deshalb auf dieser Makroebene die „lange Weile“ eine passendere Beschreibung des Zustands der dargestellten Figuren, denn „Langeweile“, schreibt Martin Heidegger, „zeigt fast handgreiflich, und besonders in unserem deutschen Wort, ein VerhĂ€ltnis zur Zeit, eine Art, wie wir zur Zeit stehen, ein ZeitgefĂŒhl“. Die Endlichkeit wĂ€re dabei Bedingung und Geschenk gleichermaßen, denn sie gibt einen Rahmen fĂŒr das ZeitgefĂŒhl vor und ermöglicht so, dass wir uns zu ihr verhalten und bewusst darĂŒber entscheiden können, wie wir sie verbringen (zum Beispiel in einer Kunsthalle). Diese Deutungsoption hat weniger beschreibenden als auffordernden Charakter: Fast möchte man den Figuren die Hand reichen und sie vom Boden wieder hochziehen. Selbstsorge und -verantwortung statt RĂŒckzug.

Endlichkeit ist keine Eigenschaft, die uns nur anhĂ€ngt, sondern die Grundart unseres Seins. Wenn wir werden wollen, was wir sind, können wir diese Endlichkeit nicht verlassen oder uns darĂŒber tĂ€uschen, sondern wir mĂŒssen sie behĂŒten.

Martin Heidegger, Die Grundbegriffe der Metaphysik, 1929/30

Ohne dass der Begriff „Romantik“ bislang gefallen wĂ€re, scheint er, unserem AlltagsverstĂ€ndnis nach, durch alle oben exemplarisch beschriebenen Variationen hindurch. Die Motivwahl (Natur, Vereinzelung, Tod), die formale Inszenierung von GegensĂ€tzen (Material, GrĂ¶ĂŸe, Farbe), wie auch das Sujet, die alle(s) ĂŒberfordernde Frage nach dem „ich“, scheinen wie riesige ZaunpfĂ€hle auf diese so einflussreiche Epoche hinzuweisen. Und unbestritten sind wir bis heute von den Fragen geprĂ€gt, die uns die Romantik allererst ermöglicht hat zu stellen. Aber um es mit dem FrĂŒhromantiker Friedrich Schlegel zu sagen: „Es gibt Klassifikationen, die als Klassifikationen schlecht genug sind, aber ganze Nationen und Zeitalter beherrschen.“ Will heißen: Rondinone verweigert sich aus gutem Grund allzu direkter Zuschreibungen. Denn so sehr er Wert auf die ZugĂ€nglichkeit seiner Projekte legt, so wenig lĂ€sst sich deren Wirkungsweise in Schachteln verstauen, die mit im tĂ€glichen Sprachgebrauch abgeschliffenen Begriffen gekennzeichnet sind. Die Anstrengung, sich auf die Begegnungen, die er uns anbietet, einzulassen, dĂŒrfen Sie, liebe Leser*innen, genauso wie ich, selbst unternehmen. Lange-Weile bedeutet eben nicht Nichts-tun.

UGO RONDINONE. LIFE TIME

24. Juni – 18. Septem­ber 2022

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