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Vordenker einer neuen Menschheit

04.06.2015

5 min Lesezeit

Der KĂŒnstler und Prophet Gusto GrĂ€ser wurde von seinen Zeitgenossen belĂ€chelt, aber auch fĂŒr seine Entschlossenheit bewundert. Er grĂŒndete eine der ersten Kommunen, lebte in einer Grotte und inspirierte Hermann Hesse.

Schon als SchĂŒler tut sich der 1879 in Kronstadt im damaligen Königreich Österreich-Ungarn geborene GrĂ€ser schwer mit gesellschaftlichen Konventionen, gerĂ€t mit seinen Lehrern aneinander, wird schließlich vorzeitig des Gymnasiums verwiesen. Seine Zeit verbringt er fortan mit ausgedehnten StreifzĂŒgen durch die Natur und ersten Versuchen als Maler und Bildhauer. FrĂŒh zeigt sich sein ĂŒberdurchschnittliches kĂŒnstlerisches Talent und es verwundert nicht, dass GrĂ€ser zunĂ€chst eine klassische, durchaus erfolgversprechende KĂŒnstlerkarriere einschlĂ€gt. 1896 gewinnt er mit einer Skulptur den ersten Preis der Budapester Weltausstellung und geht, ermutigt durch diesen Erfolg, im Alter von 18 Jahren nach Wien, um an der dortigen Kunstgewerbeschule zu studieren. Dort kommt es zur ersten entscheidenden Begegnung im Leben des jungen GrĂ€ser: Er lernt den knapp 30 Jahre Ă€lteren Karl Wilhelm Diefenbach kennen, der sich zu diesem Zeitpunkt als VorkĂ€mpfer der Lebensreform und erster KĂŒnstlerprophet Deutschlands bereits einen Namen gemacht hat.

Fasziniert von dessen kompromissloser ökologischer Lebensweise sowie seinen radikalen, die Gesellschaft und ihre Konventionen ablehnenden Ansichten, erkennt GrĂ€ser in Diefenbach seinen Meister und schließt sich der von ihm gegrĂŒndeten Landkommune "Himmelhof" bei Wien an. Doch ist sein Aufenthalt in der Kommune nur von kurzer Dauer. EnttĂ€uscht von Diefenbachs autoritĂ€rem FĂŒhrungsstil, der seinen AnhĂ€ngern unbedingten Gehorsam abverlangt, verlĂ€sst GrĂ€ser die Lebensgemeinschaft und kehrt in seine Heimat SiebenbĂŒrgen zurĂŒck, wo er sich weiter dem Malen widmet.

Hier ereignet sich, was Hermann MĂŒller, WeggefĂ€hrte und Biograf GrĂ€sers, als "visionĂ€res Initiationserlebnis" seines Freundes beschreibt: Dem jungen KĂŒnstler erscheint, einer göttlichen Eingebung gleich, ein Engel, der ihn mit dem Schwert hinausweist in die Welt. Dieser Vision folgend, vernichtet GrĂ€ser fast all seine Bilder; erhalten geblieben ist lediglich das monumentale GemĂ€lde "Der Liebe Macht" (1898/99), in dem GrĂ€sers Zivilisationskritik auf geradezu exemplarische Weise zum Ausdruck kommt: Es zeigt eine Landschaft, deren rechte HĂ€lfte in ein höllenartiges Licht getaucht ist und von rauchenden Fabrikschloten und sich bekriegenden Menschen dominiert wird; linkerhand ist unberĂŒhrte Natur zu sehen, Mensch und Tier sind in friedlichem Einklang dargestellt.

Nachdem er sich des Ballasts seines bisherigen Schaffens entledigt hat, beginnt GrĂ€ser seine erste große Wanderung gen SĂŒden. Sein Weg fĂŒhrt ihn ins schweizerische Tessin, wo er westlich von Ascona den HĂŒgel Monescia entdeckt, dessen Anblick ihn sofort verzaubert. Hier möchte er seine Utopie eines naturnahen Lebens in hierarchieloser Gemeinschaft verwirklichen und grĂŒndet im Herbst des Jahres 1900 zusammen mit Gleichgesinnten die Kommune Monte VeritĂ  (dt. Wahrheitsberg). Jedoch endet das Experiment bereits wenige Monate spĂ€ter, da GrĂ€ser am ursprĂŒnglichen Konzept einer Liebeskommune festhĂ€lt, wĂ€hrend der Fabrikantensohn und Hauptgeldgeber des Projekts, Henri Oedenkoven, ein kommerzielles Sanatorium fĂŒr eine internationale Kundschaft anstrebt. Oedenkoven und seine AnhĂ€nger setzen sich schließlich durch, es kommt zum Bruch mit GrĂ€ser, der sich von nun an in unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden zwar weiterhin auf dem Monte VeritĂ  aufhĂ€lt, von der ĂŒbrigen Gemeinschaft allerdings weitgehend isoliert lebt. Zeitweilig haust er als halbnackter Eremit und buchstĂ€blicher Naturmensch in einer Felshöhle unweit von Ascona, ernĂ€hrt sich von Wurzeln und WaldfrĂŒchten. GrĂ€ser verweilt nie lange an einem Ort. Immer wieder begibt er sich auf Wanderung, verteilt dabei eigenhĂ€ndig hergestellte BlĂ€tter mit Aphorismen: "Ich kam, ein Feuer zu zĂŒnden in diesem Erdenland. Was wollt' ich mehr, es stĂŒnden die Herzen schon in Brand. Was ich bin -- das weiß ich nicht, sicherlich kein Wichtigwicht! Was ich bin, frag nur nit' lang. Eins bin ich wohl: Bin in Gang", so GrĂ€ser in einem seiner SinnsprĂŒche.

Auf seinen Wanderungen erregt GrĂ€ser mit Bart, Stirnband, wallenden Haaren und Kutte Aufsehen. Rasch erlangt er Bekanntheit, besonders Intellektuelle und KĂŒnstler fĂŒhlen sich von ihm angezogen, unter ihnen auch der junge Schriftsteller Hermann Hesse. Dieser hĂ€lt sich 1906 und 1907 auf dem Monte VeritĂ  auf, besucht GrĂ€ser in seiner Grotte und fĂŒhrt ausgiebige GesprĂ€che mit ihm. Hesse sieht in GrĂ€ser die Verkörperung von Nietzsches Zarathustra und nimmt ihn zum Vorbild fĂŒr die Figuren des Demian, Protagonist seines gleichnamigen Romans, sowie des Dieners Leo in der mystischen ErzĂ€hlung "Die Morgenlandfahrt". Letztere schildert die Geschichte eines geheimnisvollen Bundes, dessen Mitglieder sich gemeinsam auf eine geistige Reise begeben und, "indem sie auf alle die banalen Hilfsmittel moderner Dutzendreisen, auf Eisenbahnen, Dampfschiffe, Telegraph, Auto, Flugzeug und so weiter verzichteten, wirklich ins Heroische und Magische durchgestoßen sind" (Hesse in der "Morgenlandfahrt"). Diese ErzĂ€hlung inspirierte Mitte der 1960er-Jahre unter anderem die Hippie-Gruppe "The Merry Pranksters", deren Initiator, der Schriftsteller Ken Kesey ("Einer flog ĂŒber das Kuckucksnest") das kleine BĂ€ndchen stets mit sich fĂŒhrte. Überhaupt gilt GrĂ€ser, der Vegetarier und Kriegsgegner, Vordenker einer neuen Menschheit ohne Herrn und Knecht und Zerstörung der Natur, heute als Prototyp der kĂŒnftigen Hippies.

Nachdem GrĂ€ser ab 1910 einige Jahre mit seiner Frau Elisabeth Dörr und den sechs Kindern in einem selbstgebauten Wohnwagen durch Deutschland und die Schweiz zog, wird er kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum MilitĂ€r einberufen. Als Naturmensch und bekennender Pazifist verweigert er den Dienst, wird daraufhin von einem MilitĂ€rgericht zum Tode verurteilt. Nach drei Tagen in der Todeszelle wird er als mit "entarteten Ideen behaftetes Individuum" entlassen. In den folgenden Jahren setzt GrĂ€ser sein unstetes Wanderleben fort, verbringt zwischendurch einige Jahre im Kreise seiner Familie in Ascona. Nach der Trennung von seiner Frau wird es still um GrĂ€ser. Infolge mehrerer Verhaftungen und eines Schreibverbots durch die Nationalsozialisten zieht er sich nach MĂŒnchen zurĂŒck. Dort lebt er bis zuletzt vereinsamt und vergessen in einer Dachkammer. Eine der wenigen Fotografien aus dieser Zeit zeigt ihn 1945, hoch betagt vor den Ruinen des MĂŒnchner Marienhofs.

Mehr ĂŒber "KĂŒnstler und Propheten" erfahren mit dem Film zur Ausstellung: