Was genau unterscheidet ein Lebewesen von einem Ding? Dass es aus Zellen besteht, die von der AuĂenwelt durch Biomembranen abgetrennt sind? Die FĂ€higkeit zur Selbstreproduktion? Stoffwechsel und genetische VariabilitĂ€t? Intelligenz? Man kann gerne exklusiver (Bewusstsein!) oder inklusiver (ein Wesen, das sich irgendwie bewegt) werden und landet schlieĂlich unversehens bei Fragen wie jenen, ob Viren Lebewesen sind oder kĂŒnstliche Intelligenzen jemals solche sein können.
Ăber FĂ€higkeiten, welcher Art auch immer, ist damit indes noch ĂŒberhaupt nichts gesagt: Dass etwas Hochkomplexes wie ein Roboter im wahrsten Sinne des Wortes doch noch meilenweit hinter so etwas Unscheinbarem wie einer Stabheuschrecke hinterherhinkt, zeigt beispielsweise die Arbeitsgruppe Biologische Kybernetik in Bielefeld. Die Forscher analysieren akribisch die trittsichere wie galante Fortbewegungsweise des Insekts und hoffen, die Funktionsprinzipien auf die BewegungsablĂ€ufe der Maschine ĂŒbertragen zu können. In Paul Spengemanns âWalking Stickâ bekommt der Zuschauer nun eine Stabheuschrecke prĂ€sentiert â oder doch eher einen Roboter?
13 Ăste an der Zahl
Zu Beginn sind in Spengemanns Arbeit lediglich ein sonnendurchflutetes Zimmer und einige Pflanzen zu sehen. Raschelt da etwas im GeĂ€st? Es folgt eine subjektive Kamerafahrt hindurch die VerĂ€stelungen der Pflanze, ohne dass man genau weiĂ, welche Perspektive da eigentlich genau eingenommen wird. Schlussendlich scheint die Kamera unterhalb der Heizung im Zimmer etwas ausgemacht zu haben, behutsam zoomt sie immer nĂ€her und macht schlieĂlich eine Stabheuschrecke ausfindig. Diese verharrt zunĂ€chst wie ertappt still, klettert sodann aber unternehmungslustig auf die Linse der Kamera. SpĂ€testens hier wird deutlich, dass es sich nicht um eine âechteâ Stabheuschrecke handelt.
Die Beine sind wie von unsichtbarer Hand am Rumpf gehalten, ein Gesicht oder einen FĂŒhler hat das Wesen nicht. Spengemann hat die einzelnen Bestandteile der Heuschrecke der Pflanze in seinem Zimmer entnommen, 13 Ăste an der Zahl, und diesen toten Teilen des Lebewesens Pflanze digital erneut Leben eingehaucht. Gleich den unzĂ€hligen YouTube-Amateur-Tierfilmern versucht die Kamera immer wieder, das tote und doch quicklebendige Wesen einzufangen, bei Tag und bei Nacht, samt lauten Kamera-ZoomgerĂ€uschen auf der Tonspur, sowie den Ăchz- und KrĂ€chzlauten der Wohnung.
Das Universum, die eigenen vier WĂ€nde
âWalking Stickâ könnte man als Formstudie eines Filmgenres, namentlich des (Amateur-) Naturdokumentarfilmes, sehen. Allein: Natur und Dokumentation kommen hier ĂŒberhaupt nicht vor. Die von Spengemann digital zum Leben erweckten toten Ăste mutieren zum doppeldeutigen titelgebenden âwalking stickâ im Sinne eines Spazierstockes und durchwandern sorgfĂ€ltig geplant und programmiert das gesetzte Universum, die eigenen vier WĂ€nde.
In der Arbeit fĂ€llt der immer wieder in der Umgebung untertauchende Protagonist einmal in Slow-Motion auf den Dielenboden und fĂŒhrt dort eine Buchstaben-Choreographie auf: âOh dearâ formt die Stabheuschrecke, die im Tierreich der Ordnung der Gespensterschrecken zugeteilt wird, mit ihrem Körper. Wird sich hier ein Wesen seiner Dinghaftigkeit bewusst oder eher ein Ding seiner Wesenhaftigkeit? Am Ende ist das Tier von der Kamera nicht mehr zu finden und der Blick fĂ€llt auf den wiederum hölzernen Schreibtisch, wĂ€hrend das Ticken einer Uhr immer lauter wird.
Das ganze normale Leben
Das eigene Universum zeigen, und vielleicht gar das anderer, begann auch beim israelischen Filmemacher David Perlov (1930-2003) im eigenen Wohnzimmer. âYomanâ (zu engl. âDiaryâ) ist eine Art Tagebuch, in dem Perlov zunĂ€chst den Zeitraum von 1973 bis 1983 filmisch dokumentierte, das in weiteren Fortsetzungen noch bis 2002 fortgefĂŒhrt wurde. Der Regisseur erklingt zu Beginn selbst auf der Tonspur: âI want to start filming, by myself and for myself. Professional cinema does no longer attract me. To look for something else. I want to approach the everyday. Above all in anonymity.â Perlov startet in der eigenen Wohnung: filmt seine Familie, filmt aus dem Fenster heraus hinaus in die Stadt, das ganze normale Leben. Stetig kommentiert er das Bild, erzĂ€hlt lakonisch, dass er sich von nun an entscheiden mĂŒsse, ob er die Suppe filmen oder lieber selbst essen wolle. Er hadert mit seiner herausgenommenen Position, begibt sich mit der Kamera schlieĂlich doch in die Welt hinaus.
Insgesamt 330 Minuten Laufzeit umfasst das Filmtagebuch der Jahre 1973 bis 1983. Eingerahmt wird es durch zwei kriegerische Konflikte: den Jom-Kippur-Krieg 1973 und den Libanon-Krieg 1982. So sehr Perlov auch das Private, OrdinĂ€re und AlltĂ€gliche in den Fokus rĂŒckt, dem Krieg ist nicht zu entkommen, er dringt in den Alltag ein und wird zum Alltag. Via Fernsehen ragt er in die Wohnzimmer, und Perlov hĂ€lt das Fenster zur Welt mit seiner Kamera im Wohnzimmer fest.
Gleichzeitig arbeitet der Filmemacher seine eigene Geschichte auf, begleitet seine Töchter beim Heranwachsen, trifft auf Claude Lanzmann und Klaus Kinski, beobachtet den Alltag in Tel Aviv, reist nach Paris, wo er lange Zeit lebte, nach London und schlieĂlich nach Brasilien, seinem Geburtsland. âYomanâ ist ein erstaunliches Filmwerk, in LĂ€nge wie in IntensitĂ€t, in der SpontanitĂ€t der SchnappschĂŒsse wie in der einordnenden und ĂŒberlegten Kommentarspur. Perlov portrĂ€tiert im Kleinen das eigene Leben, privat wie auch politisch, und erschafft so zugleich eine Zeitgeschichte der krisengeschĂŒttelten Demokratie im Nahen Osten.
David Perlov, Yoman, Image via filmfesthamburg.de