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Vom Verschwinden des Internets

12.02.2018

5 min Lesezeit

Beim alljĂ€hrlichen Digitalfestival Transmediale im Berliner Haus der Kulturen der Welt werden Debatten zur Kunst und Gesellschaft der Zukunft gefĂŒhrt – und gelegentlich nostalgisch zurĂŒckgeblickt.

Wenn etwas ganz neu ist, muss erst einmal ein Wort dafĂŒr erfunden werden. Und dieses Wort dient hĂ€ufig als Metapher. Ein Bild also, damit man das Neue versteht, zum Beispiel: Das Internet konnte man sich zunĂ€chst als weltweit verbundenes Netz von Computern vorstellen, beinahe wie ein Spinnennetz. Deshalb World Wide Web. Andere Metaphern klingen nach ein paar Jahren ziemlich alt: „Datenhighway“ oder „Cyberspace“. Wieder andere passen sich neuen Technologien an, wie das Bild der Wolke. 

Die Cloud lĂ€sst verstehen, wie unsere Daten an jedem Ort abrufbar sind - weil sie dezentral verteilt sind und dabei auch noch irgendwie immateriell. Nach einer Weile vergessen wir, dass wir Metaphern benutzen. Die ursprĂŒngliche Bedeutung rĂŒckt in den Hintergrund, wie die PrĂ€gung einer abgegriffenen MĂŒnze.

Alte Romantik und verschĂ€rfte WidersprĂŒche

Die Transmediale fand dieses Jahr vom 31. Januar bis 4. Februar schon zum 31. Mal statt. Bei dem Festival im Haus der Kulturen der Welt in Berlin geht es um das Internet, genauer: darum, dass das Internet, wie wir es kennen, nicht immer so war. Dass es eine Zeit vor den digitalen HegemonialmĂ€chten Google und Facebook gab, weiß jeder. Nur kann sich kaum jemand an diese graue Vorgeschichte der weltweiten Vernetzung erinnern. Ein wenig von dieser Romantik haftet dem Festival dennoch an. Es geht um Kunst, um Bilder, um IdentitĂ€tspolitik im Internet, es geht um KryptowĂ€hrung, um Memes und um all das, was Ungerechtigkeit im Netz erzeugt.

Kristoffer Gansing bei der opening rally der Transmediale 2018 face value, Photo: Adam Berry, transmediale, CC BY-SA 4.0

Das Motto der diesjĂ€hrigen Transmediale heißt „Face Value“. Das ist der Nominalwert einer MĂŒnze. “To take something at face value” bedeutet ĂŒbertragen aber auch „etwas fĂŒr bare MĂŒnze nehmen“. Das Digitalfestival beginnt mit einer „rally“, also einer politischen Versammlung, bei der die Teilnehmer in meist zornigen FĂŒnf-Minuten-VortrĂ€gen aussprechen, was im und am Internet falsch lĂ€uft. Dabei bricht sich EnttĂ€uschung Bahn, wenn die britische Kulturkritikerin Nina Power fragt: Warum mĂŒssen wir immer noch acht Stunden am Tag mit Leuten zusammenarbeiten, mit denen wir auf einer Party nicht einmal reden wĂŒrden? Warum leben wir nicht schon lĂ€ngst in einer „post work society“?

Heather Dewey-Hagborg und Chelsea Manning, A Becoming Resemblance, Courtesy of the artists and Fridman Gallery, New York, Photo: Paula Abreu Pia

Die einstigen Utopien vom freien Netz seien gescheitert, heißt es, und anstatt Befreiung zu bringen, habe sich das Internet schnell in einen Raum verwandelt, wo die WidersprĂŒche der analogen Welt noch verschĂ€rft sind: Rasse, Klasse, Gender.

Post-Internet Art von gestern

Nun ist die Transmediale nicht nur ein Festival fĂŒr Zukunftsprognosen und politische Forderungen, sondern auch fĂŒr digitale Kultur. Sicherlich taugen Begriffe wie Post-Internet oder Vaporwave nur noch bedingt, um prĂ€zise Aussagen ĂŒber Kunstwerke zu treffen. Letzteres war ein Hype, der ungefĂ€hr 2011 begann und sich schnell verbreitete: Elektronische Musik aus Samples von Fahrstuhlmusik und Italo-Disco. Langsam waberten die melancholischen KlĂ€nge bei Soundcloud, YouTube und in progressiven Kunstgalerien. Schließlich wanderte Vaporwave ins Archiv der untergegangenen Pop-Trends.

James Ferraro, Far Side Virtual
Neue Metaphern

Ein Veteran dieser Bewegung ist James Ferraro, und wahrscheinlich das deutlichste Zeichen dafĂŒr, dass Post-Internet Art in ihre barocke Phase eintritt. Im Haus der Kulturen der Welt inszeniert Ferraro eine Art Oper zur Transmediale, Titel: „Plague“. Die Ă€sthetische Vorlage dazu liefern Bertolt Brecht und sein Bruch mit dem illusionistischen Theater. Ein Schauspieler tritt als untoter Steve Jobs auf, der die Geister, die er rief, nicht mehr kontrollieren kann. Es gibt einen Chor und Musik. Auf einem Triptychon aus drei Screens lĂ€uft ein gerenderter Film: Es beginnt alles mit einer Wurzel, die ein wenig aussieht wie eine Ingwerknolle. Sie wĂ€chst und vernetzt sich. Und die Zuschauer lernen eine neue Metapher fĂŒr das Internet kennen. Das neuronale Netzwerk, oder besser gesagt, die selbstlernende kĂŒnstliche Intelligenz.

James Ferraro presents: Plague, Artwork by Nate Boyce

Warum, fragt der KĂŒnstler Zach Blas am dritten Tag des Festivals, wird das Internet als Weltkugel dargestellt? Er weiß die Antwort: Weil es derart totalisiert ist. Weil die Digitalisierung lĂ€ngst alle Lebensbereiche berĂŒhrt, und es eigentlich keinen Sinn mehr ergibt, vom Internet als solches zu sprechen. Es gibt nĂ€mlich nichts mehr, was nicht damit zusammenhĂ€ngt.

Eric Schmidt leitet den Google-Mutterkonzern Alphabet. Google ist einer der großen Kolonisatoren dieses globalisierten Internet — aber auch er hat Recht, wenn er sagt: „The Internet will disappear“. Aber nicht irgendwohin. Es verschwindet in die GerĂ€te, bis jedes Objekt eine IP-Adresse hat, bis wir es nicht mehr wahrnehmen — die Idee vom Internet der Dinge ist geboren. Die Cloud ist nicht immateriell, sondern hat reale politische und soziale Auswirkungen. Die Metaphern tĂ€uschen, das Internet ist schon lĂ€ngst nicht mehr von der RealitĂ€t zu unterscheiden.

Femke Herregraven, Screen capture "Sprawling Swamps" (2016–ongoing), courtesy of the artist