Vom Atelier an den Esstisch: Rirkrit Tiravanija
20.01.2021
7 min Lesezeit
Sind Künstlerinnen und Künstler besonders kreativ, wenn es ums Kochen geht? Dieses Mal mit Rirkrit Tiravanija, dem Pad Thai seiner Großmutter und warum er manchmal gerne eine Fruchtfliege wäre.
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Die handgeschriebenen Rezepte seiner Oma begleiteten ihn bis nach Toronto, wo er Anfang der Achtzigerjahre Kunst studierte und jeden Sonntag einen großen Topf Curry kochte, um ihn mit Freunden und Bekannten zu teilen. Nach einer Station in Chicago landete er in New York, wo er ebenfalls nach den Anweisungen Suwannabols Essen im großen Stil zubereitete, diesmal jedoch als Teil einer Gruppenausstellung in der Paula Allen Gallery. Er kochte mitten im Ausstellungsraum Pad Thai und verteilte es kostenlos an die Besucher, was manche als Cateringservice missverstanden. Das Publikum wurde durch die Interaktion mit dem Essen und den Austausch untereinander – bewusst oder unbewusst – zu einem zentralen Teil des Kunstwerks. Die Aktion brach mit den Erwartungen und Konventionen der Kunstwelt und markierte einen wichtigen Meilenstein in der vielfältigen und multidisziplinären Laufbahn Tiravanijas, dessen Arbeiten darauf abzielen, Situationen zu kreieren, die aus passiven Zuschauern aktive Teilnehmer machen und die Trennlinie zwischen Kunst und Leben verwischen.
Hinter den vermeintlich simplen Kochaktionen verstecken sich zudem komplexe Fragestellungen, etwa nach der eigenen kulturellen Identität – als Thailänder, der in einem von westlichen Werten geprägten System ausgebildet wurde – oder nach der „Authentizität“ von Gerichten wie Pad Thai, das Ende der 1930er-Jahre von Premierminister Plaek Phibunsongkhram eingeführt wurde, um den Konsum proteinreicher Reisnudeln zu fördern und den Nationalstolz der Thailänder zu stärken. Nur wer genau hinschaut, entdeckt die Vielzahl an Bedeutungsebenen, die sich hinter Tiravanijas Aktionen verstecken: Die Nutzung eines elektrischen Woks der Marke „West Bend“ in „pad thai (1990)“ bezog sich auf Martha Roslers Videoperformance „The East is Red, The West is Bending“ (1977), in der die Künstlerin über kulturelle Aneignung reflektiert, und stand beispielhaft für die Vereinnahmung östlicher Kulturgüter durch den Westen und ihre Verwandlung in Konsumgüter.
In seiner Laufbahn als kochender Künstler weicht Tiravanija immer wieder von den klassischen Rezepten der thailändischen Küche ab und integriert Elemente der Esskultur aus seiner unmittelbaren Umgebung. Im Stockholmer Moderna Museet kochte er schwedische Fleischbällchen mit grüner Currypaste, im Hamburger Kunstverein „Flädlesuppe“ – ein „typisch deutsches Gericht“, das in Hamburg jedoch seltsam deplatziert erscheint und durch die Zugabe von Cayenne Chili erst recht mit den Erwartungen des Publikums brach. Traditionelle Gerichte durch die hemmungslose Mischung von Zutaten unterschiedlicher Herkunft auf den Kopf zu stellen, sieht Tiravanija als glaubhaftere Alternative zur omnipräsenten „Fusionsküche“, die oft nicht mehr ist als eine Reproduktion von Klischees über landestypische Essgewohnheiten.
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In seinem Haus in Chiang Mai im Norden Thailands kombiniert Tiravanija ebenfalls geschickt westliche und östliche Kultureinflüsse: Elemente traditioneller thailändischer Architektur treffen hier auf die Ideen der europäischen Moderne im Stil Mies van der Rohes. In der geräumigen Wohnküche wird klar, dass die Ideen des Künstlers rund um das Kochen und Essen als „sozialer Klebstoff“ auch in seinem Alltag fest verankert sind. Alleine am Esstisch können vierzehn Leute bequem sitzen, und Tiravanija beschreibt sein ganzes Haus als ein einziges großes Sofa, auf dem Freund*innen, Familie, Mitarbeiter*innen und Student*innen regelmäßig zusammenkommen, um gemeinsam zu essen und sich auszutauschen.
Während Tiravanija am Anfang seiner Karriere immer selbst am Wok stand, kocht er mittlerweile oft nur noch bei Eröffnungen, für seine Ausstellung „Who’s afraid of red, yellow, and green“ (2019) im Hirshhorn Museum in Washington übertrug er die Verantwortung gänzlich einem lokalen Thai-Restaurant. Auch die Ausführung der Zeichnungen diverser Protestbewegungen, die in Washington an den Wänden prangten, lagerte er an Kunststudent*innen aus. Damit erklärt sich die Identifikation mit der Fruchtfliege: Tiravanija hat eigentlich kein Interesse daran, im Mittelpunkt seiner Aktionen zu stehen, er überlässt die Bühne lieber den Ausstellungsbesucher*innen. Als Fliege könnte er sich ganz unauffällig an die Wand setzen und in Ruhe beobachten, welche Eigendynamik seine Ideen entwickeln, sobald das Publikum davon Besitz ergreift. Und wenn das Curry ausgelöffelt ist, würde er einfach weiterfliegen.
