Vom Atelier an den Esstisch: Donald Judd
26.11.2020
8 min Lesezeit
Sind Künstlerinnen und Künstler besonders kreativ, wenn es ums Kochen geht? Ein Blick in die Küchen der Kunstwelt. Diesmal mit dem US-amerikanischen Künstler Donald Judd und seiner Spezialität: Verbranntes Steak.
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Alice Waters, Köchin und Mitgründerin des berühmten kalifornischen Slow-Food-Restaurants Chez Panisse, hat die enge Verbindung zwischen Kunst und Kochen auf den Punkt gebracht: „…sie sind beide reaktiv und kreativ, sie imitieren sich gegenseitig und passen sich einander an.“ Existiert demnach eine Verbindung zwischen dem, was in den Ateliers von Künstler*innen passiert, und dem, was in ihren jeweiligen Küchen vor sich geht? Finden sich Bezüge zu ihrem Werk und ihrer Persönlichkeit wieder? Sind Künstler*innen besonders kreativ, wenn es um den alltäglichen Akt des Kochens geht? Anhand von Anekdoten und Fotos rund um ihre Küchen und Essgewohnheiten geben wir Einblicke in die kulinarischen Lebenswelten bekannter Künstler*innen.
Als Donald Judd Anfang der 1960er Jahre die ersten seiner wegweisenden geometrischen Objekte anfertigte, lag es vollkommen außerhalb seiner Vorstellungskraft, dass er mit seiner Kunst jemals viel Geld verdienen würde. Er hoffte lediglich, genug einzunehmen, um sich hochwertige Möbel, guten Scotch und großartige Mahlzeiten leisten zu können.
Doch schon 1968, weniger als ein Jahrzehnt später, widmete das Whitney Museum of American Art in New York seinen Kuben und Quadern aus Holz, Stahl und Plexiglas eine Einzelausstellung. Diese ermöglichte es ihm, sich noch im selben Jahr das zu seiner wachsenden Sammlung an Alvar Aalto und Gerrit Rietvelt-Möbeln passende fünfstöckige Gebäude im New Yorker Stadtteil SoHo zu kaufen. Zwar war die Gegend um 101 Spring Street damals noch ein heruntergekommenes Industrieviertel und das gusseiserne Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert voll mit Abfall und extrem renovierungsbedürftig, dennoch war der Kauf für Judd ein großer Sprung nach vorne. Es kam seiner lebenslangen Vision näher, einen Ort zu schaffen, an dem seine Werke und die anderer Künstler, die er bewunderte – wie John Chamberlain, Dan Flavin, David Novros, Claes Oldenburg oder Frank Stella – permanent und unter den bestmöglichen Bedingungen ausgestellt würden.
„Das Leben in einem alten Industriebau war zu der Zeit eine unkonventionelle und wenig komfortable Angelegenheit.“
„Messer, Messer, Messer, Gabel, Gabel, Gabel – die serielle Wiederholung der Küchenutensilien erinnert stark an die Anordnung seiner Kunstwerke.“
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In Anbetracht der professionellen Ausstattung seiner Küche erscheint es überraschend, dass Judd eigentlich kaum kochte. Seine Spezialität waren Rohkostplatten und Steaks, die er beim Metzger außerordentlich dick bestellte, auf hohem Feuer fast verkohlen ließ und mit Bier ablöschte. Das Resultat war außen knusprig und innen zart, die Reste wurden am nächsten Tag mit Salz und Pfeffer gewürzt und kalt gegessen.
Judd liebte gutes Essen und hochwertige Lebensmittel, doch SoHo war Anfang der 1970er eine kulinarische Wüste und bot kaum Einkaufsmöglichkeiten. Im nahe gelegenen Little Italy kauften die Judds frischen Fisch, in der „Vesuvio Bakery“ von Anthony Dapolito Brot, und Käse im „The Cheese Store“ von Giorgio DeLuca. 1977 öffnete DeLuca zusammen mit Joel Dean und Jack Ceglic den ikonischen Delikatessenladen „Dean & DeLuca“, nur eine Minute Fußweg von 101 Spring Street entfernt. Judd wurde sofort Stammkunde und kaufte dort jahrelang alles Mögliche ein, von hochwertigem Olivenöl über Aufschnitt, exotische Gewürze bis hin zu Kupfertöpfen. Der Laden importierte Spezialitäten aus der ganzen Welt und wurde schnell zu einem Treffpunkt für Künstler*innen und Galerist*innen aus der Nachbarschaft auf der Suche nach außergewöhnlichen Produkten.
Restaurants besuchte Donald Judd eher selten – die Auswahl war beschränkt und bestand hauptsächlich aus Mittagsangeboten für die dort tätigen Fabrikarbeiter. Er lud lieber zu sich nach Hause ein und organisierte regelmäßig Dinnerparties und „Schwedische Frühstücke“, bei denen er bis zu fünfzig Gäste mit Schinken, Käse, Fladenbrot und Lachs bewirtete (eine passende Gelegenheit, um die Aufschnittmaschine zu nutzen).
1971 eröffnete der Künstler Gordon Matta-Clark zusammen mit seiner Freundin, der Tänzerin Carol Goodden und einigen anderen an der Ecke Wooster und Prince „FOOD“, ein experimentelles Restaurant, das gänzlich von Künstler*innen geführt wurde und eine kleine kulinarische Revolution im Viertel darstellte. Sie servierten gesundes, nachhaltiges und günstiges Essen im Selbstbedienungsformat, organisierten Performances und luden jede Woche eine*n andere*n Künstler*in als Gastkoch ein. Darunter war auch Judd, der das Lokal oft besuchte. Das Konzept von „FOOD“ stimmte in vielerlei Hinsicht mit Judds persönlicher Essensphilosophie überein: Simpel und unprätentiös sollte es sein, ohne unnötige Verzierungen und mit absolutem Fokus auf die Qualität der Zutaten. Ein bisschen so, wie er auch seine Umgebung gestaltete.
