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Und was war nochmal vor 1968?

29.04.2018

5 min Lesezeit

Das Museum Giersch holt mit "Freiraum der Kunst" einige lĂ€ngst vergessene und noch heute prominente KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler ans Licht, deren Werke 1967 im damaligen Studenten- und heutigen Studierendenhaus der Goethe-Uni prominent ausgestellt wurden.

Andy Warhols pinke Kuh-Tapete, Sol LeWitts modulare Holzstrukturen, Dan Flavins Leuchtstoffröhren und Yayoi Kusamas silbrige Phallusformen, sie alle kamen hier einst zusammen: 1967, im heutigen Studierendenhauses der Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt, zwischen grĂ€ulichem Linol und bescheidener Deckenhöhe, erster Stock. „Serielle Formationen“ lautete der programmatische Titel der damaligen Ausstellung, in der neben der amerikanischen Avantgarde auch KĂŒnstlerInnen wie Charlotte Posenenske, Thomas Bayrle oder Peter Roehr (mit Paul Maenz außerdem als Co-Kurator) vertreten waren.

Im allgemeinen Raunen um „50 Jahre 1968“ geraten die Jahre unmittelbar davor leicht ins Vergessen. KĂŒnstlerisch kamen sie in Frankfurt einem Beben gleich: In vier Jahren holte die „Studiogalerie“ an der Frankfurter Goethe-Uni heute bisweilen weltberĂŒhmte Kunststars, KĂŒnstlerkollektive oder – Gruppen in ihre bescheidenen FlurrĂ€ume, deren Gemeinsamkeit vor allem im Bruch mit dem Informel liegen dĂŒrfte: Weg vom Symbolischen, vom romantischen VerstĂ€ndnis einer Ausdruckskunst, fort auch von der Geometrie-Verachtung der Nachkriegsjahre. Mit „Freiraum der Kunst“ rekonstruiert das Museum Giersch nun alle dort realisierten Ausstellungen in einer umfangreichen Schau, die von den noch leicht zugĂ€nglichen Neuen Grafiken im Jahr 1964 bis zur Systematischen Kunst im Juli 1968 reicht.

Weiß auf weiß und rote FarbverlĂ€ufe 

Viel Op-Art, grelle Rot-Pink-FarbverlĂ€ufe, Vexierbilder mit harten Kanten und Weiß auf Weiß fordern ihren Tribut – unmittelbare körperliche Reaktionen, SinnestĂ€uschungen, SinnesĂŒberforderung lassen Kopf und Augen dröhnen. Das hĂ€tte den KĂŒnstlerInnen, wenn man ihre Gedanken zu Kunst und ihrer Rezeption liest, sicherlich gefallen. Zumindest einige wollten ihre Arbeiten nicht im Sinne einer heiligen Autorenschaft verstanden wissen, sondern als ergebnisoffene Angelegenheit, die erst im Auge des Betrachters zum Kunstwerk wird – konstruktivistische AnsĂ€tze, wie sie heute lĂ€ngst als selbstverstĂ€ndlich angenommen, aber wiederum kaum noch hinterfragt werden.

Victor Vasarely: CTA 102, 1966, Leihgabe der Daimler Art Collection, Stuttgart/Berlin Foto: Uwe Seyl, Stuttgart © VG Bild-Kunst, Bonn 2018
Peter Roehr: Ohne Titel (OB–122), 1966 Sammlung Gerd de Vries, Berlin, Foto: Archiv Paul Maenz, Berlin © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Neben der gezeigten Kunst fordert einen aber auch ihre PrĂ€sentation in den RĂ€umen selbst und in den begleitenden Medien heraus: Jede hier re-inszenierte Ausstellung der Studiogalerie wird durch eine FĂŒlle an Texten begleitet, die von der grĂŒndlichen Auseinandersetzung ihrer Kuratoren zeugen (und noch grĂŒndlicher wird es im Ausstellungskatalog). Anders wĂ€re es kaum gegangen, ohne der Schau einen vielleicht schillernden Appeal von Avantgarde-Kunst-in-Frankfurt, aber kaum historischen Kontext und Einordnung zu verschaffen.

AmĂŒsante Randnotizen

In jedem Fall kann man so neben durchaus weitreichenden Theorien und Überlegungen zur Kunst und ihrem demokratischen Potential, zum Prinzip der Serie in Zeiten der zweiten, dritten, vierten Industrialisierung auch amĂŒsante Randnotizen nachlesen: Warum es Happenings irgendwie immer schon schwer hatten, wirklich partizipativ zu werden, wie die ZEIT ĂŒber Wolf Vostells De-Collage im Rahmen der Frankfurter Buchmesse beschreibt, oder auch: wie unbeeindruckt bis respektlos ein junger Autor die Neue Musik-Darbietung von Charlotte Moorman und Nam June Paik („ein fetter Koreaner“) in der Studentenzeitung „Diskus“ rezensiert.

Ferdinand Kriwet: Yeahoneyouth, 1967, Privatbesitz, Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt a. M. © KRIWET / BQ, Berlin

Neben den Kunstwerken und ihrer Zusammenstellung selbst – kaum eines wirkt heute weniger beeindruckend als vor 50 Jahren – lohnt „Freiraum der Kunst“ seiner Details wegen einen Besuch. En passant erfĂ€hrt man einiges ĂŒber Ausstellungspraxis und – Politik und nimmt noch ein paar Ideen mit, die so simpel wie fantastisch sind, aber nie im grĂ¶ĂŸeren Umfang Schule gemacht haben: Wie das Skulpturen-Set „A 2 Winkel asymmetrisch 6-teilig“ der Frankfurter Gruppe X, die ihre Arbeiten grundsĂ€tzlich ohne individuellen KĂŒnstlernamen versahen und als offene Edition fĂŒr Jedermann zu Hause nachbaubar anboten. Mit Kunst leben, wie es so schön und gern heißt: WĂ€re so auch ohne Geld problemlos möglich! An dieser Stelle hĂ€tte man aber vielleicht doch den entsprechenden Bauplan bereitstellen können – als kleiner Gruß aus den 1960er Jahren an die Zukunft?

Gegen den Strom

Auch die Studiogalerie-Betreiber praktizierten eine fortschrittliche Haltung: Als eine Werkschau tschechischer KĂŒnstler anstand, entschied man sich fĂŒr Vertreter einer konstruktivistischen Kunstauffassung und somit gegen jene Strömungen, die von der aktuellen Regierung im Sinne der ost-westlichen Tauwetter-Freundschaft gern gesehen worden wĂ€ren: Statt expressiv-gestischer Abstraktion hier also im Westen völlig unbekannte Werke wie Karl Malichs „Gelbes Relief“ oder Zdenek SĂœkoras „Farbige Struktur“, die der KĂŒnstler dank eines befreundeten Physikers bereits 1967 mit Hilfe eines Computers zusammenstellen konnte. Dieser Bruch mit den Erwartungen des Publikums (viele Ausstellungsbesucher sollen nicht begeistert gewesen sein) war damals genauso wenig selbstverstĂ€ndlich, wie es das heute noch ist.

Jan KubĂ­cek: Konkrete Kombination I, 1967 Acryl auf Leinwand, 135 x 135 cm, Privatbesitz, Foto: Martin PolĂĄk

Zdenek SĂœkoras, Farbige Struktur, 1967/2009, Image via: zdeneksykora.cz

1968 endet die außergewöhnliche Geschichte der Studiogalerie schlagartig: Gegen die immer aggressiver vorgetragenen politischen Parolen haben die dort gezeigten Kunstwerke offenbar keine Chance. Ziele, die a priori feststehen, vertragen sich schlecht mit AmbiguitĂ€ten (da spielt es keine Rolle, dass die studentischen Galeristen ihre Arbeit durchaus im Sinne gesellschaftspolitischer Partizipation verstanden wissen wollten.)

„Dieselbe Ausstellung wĂ€re nur ein Jahr spĂ€ter an dieser Stelle der UniversitĂ€t Frankfurt kaum mehr möglich gewesen, “ erinnert sich Paul Maenz 2012 an die ‚Serielle Formationen‘. Zu rabiat seien das politische Klima und auch „die Unduldsamkeit gegenĂŒber den angeblich ‚politik-ignoranten‘ FreirĂ€umen der Kunst“ gewesen. So blieb die Studiogalerie als studentisch verwalteter Ort ein recht einmaliges Beispiel in der Stadt: Die gerade erst von ihrer Funktion als SymboltrĂ€ger befreite Kunst sollte zumindest hier nur ein Jahr nach jener Schau keinen Raum mehr haben.

Thomas Lenk: Relief 18, 1965, Kunstsammlung Hessischer Rundfunk Foto: Uwe Dettmar, Frankfurt a. M. © VG Bild-Kunst, Bonn 2018