Andy Warhols pinke Kuh-Tapete, Sol LeWitts modulare Holzstrukturen, Dan Flavins Leuchtstoffröhren und Yayoi Kusamas silbrige Phallusformen, sie alle kamen hier einst zusammen: 1967, im heutigen Studierendenhauses der Goethe-UniversitĂ€t Frankfurt, zwischen grĂ€ulichem Linol und bescheidener Deckenhöhe, erster Stock. âSerielle Formationenâ lautete der programmatische Titel der damaligen Ausstellung, in der neben der amerikanischen Avantgarde auch KĂŒnstlerInnen wie Charlotte Posenenske, Thomas Bayrle oder Peter Roehr (mit Paul Maenz auĂerdem als Co-Kurator) vertreten waren.
Im allgemeinen Raunen um â50 Jahre 1968â geraten die Jahre unmittelbar davor leicht ins Vergessen. KĂŒnstlerisch kamen sie in Frankfurt einem Beben gleich: In vier Jahren holte die âStudiogalerieâ an der Frankfurter Goethe-Uni heute bisweilen weltberĂŒhmte Kunststars, KĂŒnstlerkollektive oder â Gruppen in ihre bescheidenen FlurrĂ€ume, deren Gemeinsamkeit vor allem im Bruch mit dem Informel liegen dĂŒrfte: Weg vom Symbolischen, vom romantischen VerstĂ€ndnis einer Ausdruckskunst, fort auch von der Geometrie-Verachtung der Nachkriegsjahre. Mit âFreiraum der Kunstâ rekonstruiert das Museum Giersch nun alle dort realisierten Ausstellungen in einer umfangreichen Schau, die von den noch leicht zugĂ€nglichen Neuen Grafiken im Jahr 1964 bis zur Systematischen Kunst im Juli 1968 reicht.
WeiĂ auf weiĂ und rote FarbverlĂ€ufeÂ
Viel Op-Art, grelle Rot-Pink-FarbverlĂ€ufe, Vexierbilder mit harten Kanten und WeiĂ auf WeiĂ fordern ihren Tribut â unmittelbare körperliche Reaktionen, SinnestĂ€uschungen, SinnesĂŒberforderung lassen Kopf und Augen dröhnen. Das hĂ€tte den KĂŒnstlerInnen, wenn man ihre Gedanken zu Kunst und ihrer Rezeption liest, sicherlich gefallen. Zumindest einige wollten ihre Arbeiten nicht im Sinne einer heiligen Autorenschaft verstanden wissen, sondern als ergebnisoffene Angelegenheit, die erst im Auge des Betrachters zum Kunstwerk wird â konstruktivistische AnsĂ€tze, wie sie heute lĂ€ngst als selbstverstĂ€ndlich angenommen, aber wiederum kaum noch hinterfragt werden.
Neben der gezeigten Kunst fordert einen aber auch ihre PrĂ€sentation in den RĂ€umen selbst und in den begleitenden Medien heraus: Jede hier re-inszenierte Ausstellung der Studiogalerie wird durch eine FĂŒlle an Texten begleitet, die von der grĂŒndlichen Auseinandersetzung ihrer Kuratoren zeugen (und noch grĂŒndlicher wird es im Ausstellungskatalog). Anders wĂ€re es kaum gegangen, ohne der Schau einen vielleicht schillernden Appeal von Avantgarde-Kunst-in-Frankfurt, aber kaum historischen Kontext und Einordnung zu verschaffen.
AmĂŒsante Randnotizen
In jedem Fall kann man so neben durchaus weitreichenden Theorien und Ăberlegungen zur Kunst und ihrem demokratischen Potential, zum Prinzip der Serie in Zeiten der zweiten, dritten, vierten Industrialisierung auch amĂŒsante Randnotizen nachlesen: Warum es Happenings irgendwie immer schon schwer hatten, wirklich partizipativ zu werden, wie die ZEIT ĂŒber Wolf Vostells De-Collage im Rahmen der Frankfurter Buchmesse beschreibt, oder auch: wie unbeeindruckt bis respektlos ein junger Autor die Neue Musik-Darbietung von Charlotte Moorman und Nam June Paik (âein fetter Koreanerâ) in der Studentenzeitung âDiskusâ rezensiert.
Neben den Kunstwerken und ihrer Zusammenstellung selbst â kaum eines wirkt heute weniger beeindruckend als vor 50 Jahren â lohnt âFreiraum der Kunstâ seiner Details wegen einen Besuch. En passant erfĂ€hrt man einiges ĂŒber Ausstellungspraxis und â Politik und nimmt noch ein paar Ideen mit, die so simpel wie fantastisch sind, aber nie im gröĂeren Umfang Schule gemacht haben: Wie das Skulpturen-Set âA 2 Winkel asymmetrisch 6-teiligâ der Frankfurter Gruppe X, die ihre Arbeiten grundsĂ€tzlich ohne individuellen KĂŒnstlernamen versahen und als offene Edition fĂŒr Jedermann zu Hause nachbaubar anboten. Mit Kunst leben, wie es so schön und gern heiĂt: WĂ€re so auch ohne Geld problemlos möglich! An dieser Stelle hĂ€tte man aber vielleicht doch den entsprechenden Bauplan bereitstellen können â als kleiner GruĂ aus den 1960er Jahren an die Zukunft?
Gegen den Strom
Auch die Studiogalerie-Betreiber praktizierten eine fortschrittliche Haltung: Als eine Werkschau tschechischer KĂŒnstler anstand, entschied man sich fĂŒr Vertreter einer konstruktivistischen Kunstauffassung und somit gegen jene Strömungen, die von der aktuellen Regierung im Sinne der ost-westlichen Tauwetter-Freundschaft gern gesehen worden wĂ€ren: Statt expressiv-gestischer Abstraktion hier also im Westen völlig unbekannte Werke wie Karl Malichs âGelbes Reliefâ oder Zdenek SĂœkoras âFarbige Strukturâ, die der KĂŒnstler dank eines befreundeten Physikers bereits 1967 mit Hilfe eines Computers zusammenstellen konnte. Dieser Bruch mit den Erwartungen des Publikums (viele Ausstellungsbesucher sollen nicht begeistert gewesen sein) war damals genauso wenig selbstverstĂ€ndlich, wie es das heute noch ist.
Zdenek SĂœkoras, Farbige Struktur, 1967/2009, Image via: zdeneksykora.cz
1968 endet die auĂergewöhnliche Geschichte der Studiogalerie schlagartig: Gegen die immer aggressiver vorgetragenen politischen Parolen haben die dort gezeigten Kunstwerke offenbar keine Chance. Ziele, die a priori feststehen, vertragen sich schlecht mit AmbiguitĂ€ten (da spielt es keine Rolle, dass die studentischen Galeristen ihre Arbeit durchaus im Sinne gesellschaftspolitischer Partizipation verstanden wissen wollten.)
âDieselbe Ausstellung wĂ€re nur ein Jahr spĂ€ter an dieser Stelle der UniversitĂ€t Frankfurt kaum mehr möglich gewesen, â erinnert sich Paul Maenz 2012 an die âSerielle Formationenâ. Zu rabiat seien das politische Klima und auch âdie Unduldsamkeit gegenĂŒber den angeblich âpolitik-ignorantenâ FreirĂ€umen der Kunstâ gewesen. So blieb die Studiogalerie als studentisch verwalteter Ort ein recht einmaliges Beispiel in der Stadt: Die gerade erst von ihrer Funktion als SymboltrĂ€ger befreite Kunst sollte zumindest hier nur ein Jahr nach jener Schau keinen Raum mehr haben.