„Du brauchst keine Bühne, um zu tanzen. Noch nicht einmal Musik“

20.08.2026

5 min Lesezeit

Autor*in:
Markus Wölfelschneider
Wen Hui
Porträt einer Frau in gestreiftem Kleid, lässig an einem Fenster mit grünem Hintergrund gelehnt.

Wen Hui gilt als Pionierin des unabhängigen Tanztheaters in China. Seit rund fünf Jahren lebt sie in Frankfurt. Im September feiert ihr neues Stück „wir/us“ am Mousonturm Premiere.

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„Es geht nicht darum, mit Technik und Athletik ein Publikum zu beindrucken“, sagt die Tänzerin und Choreografin Wen Hui. Beim Tanzen drücken sich sowohl persönliche als auch kollektive Erinnerungen aus, die tief in jeden Menschen eingeschrieben sind. Davon ist Wen Hui überzeugt. Dieses Körpergedächtnis gilt es zu aktivieren. Sie arbeitet mit den Mitteln des dokumentarischen Theaters, betreibt Recherchen und führt Interviews, lange bevor die Proben beginnen.

Verspieltheit oder Wut

Wir sitzen auf der Probebühne des Mousonturm, mitten im Bühnenbild ihres neuen Stücks „wir/us“. Es ist warm draußen. Acht akkurat gefaltete Handtücher liegen bereit. Die LED-Leuchte der Klimaanlage zeigt 25 Grad an. Wen Hui betätigt einen Seilzug. Kartoffelsäcke, die über einem Balken hängen, entfalten sich zu einer Art Leinwand, auf die Videos projiziert werden können. Bei ihrem neuen Stück arbeitet sie mit sieben Frauen zusammen, die alle über 60 Jahre alt sind. Einige haben noch nie zuvor auf einer Bühne gestanden. Wen Hui hat sie in ihrem Alltag begleitet – beim Tennisspielen, Schwimmen oder Fahrradfahren. Filmschnipsel dieser Aktivitäten, aufgenommen vom Videokünstler Rémi Crépeau, sind nun Teil der Inszenierung.

Viele Fragen sind bei unserem Besuch noch offen. Auch über die Kartoffelsäcke wird noch diskutiert. „Ich mag die Gruppe, sie ist sehr ehrlich“, sagt Wen Hui. Sie erzählt davon, wie sie zusammen ein Lied namens „Savage Daughter“ einstudierten. Es stammt von der amerikanischen Songwriterin Sarah Hester Ross. Eine Frau sagte: „Ich mag dieses Lied nicht. Ich bin keine Tochter. Das bin einfach nicht ich.“ Schließlich wurde ein Kompromiss gefunden. „Wen ermutigt ihre Tänzerinnen zu Verhaltensweisen, die man bei älteren Menschen oft nicht erwartet: Verspieltheit oder Wut zum Beispiel“, sagt Anna Wagner, Dramaturgin und neben Marcus Droß Leiterin des Mousonturm. Hier im Haus feiert das Stück am 17. September im Rahmen des Festivals „How to Make a Life“ Premiere.

Schwarzer Stuhl mit buntem Stapel gefalteter Handtücher auf der Sitzfläche.
Foto: Neven Allgeier
Leerer Raum mit zwei festen Stühlen und einer Reihe von Jutesäcken an der Wand.
Foto: Neven Allgeier
Einkaufswagen mit mehreren Jutesäcken vor einer hellen Wand.
Foto: Neven Allgeier

„Es ist besser keine allzu großen Pläne zu machen. Ich lebe im Moment und schaue, was kommt.“

Tänzerin und Choreografin Wen Hui

Eine Befreiung vom klassischen Tanz

Einen besonderen Draht zu Deutschland hat Wen Hui schon lange. Mitte der Neunziger besuchte sie in Wuppertal die Choreografin Pina Bausch, die damals ihr Stück „Nelken“ probte. Bausch gilt seit den Siebzigerjahren als eine der großen Ikonen des internationalen Tanztheaters. „Das war für mich eine große Sache“, sagt Wen Hui. „Wir hatten in meiner Heimat Videokassetten, das waren Kopien von Kopien mit Stücken von Pina Bausch. Es gab damals in China kaum Informationen über sie.“

Wen Hui wuchs in China zur Zeit der Kulturrevolution auf. Tanz war Teil der politischen Propaganda. Als Kind tanzte sie zu Ehren des Diktators Mao Zedong. Loyalitätstänze wurden diese Veranstaltungen genannt, die auf öffentlichen Plätzen stattfanden. Später schickten ihre Eltern Hui auf eine Kunstschule. Das war eine Möglichkeit der Landverschickung zu entgehen, bei der Jugendliche durch harte körperliche Arbeit zum Sozialismus erzogen werden sollten. Später studierte sie in Peking Choreografie und arbeitete beim staatlichen Oriental Song and Dance Ensemble. 1994 ging sie nach New York und entdeckte den Modern Dance für sich. „Dort ist mir klar geworden: Du brauchst keine Bühne, um zu tanzen. Noch nicht einmal Musik. Du kannst es in der U-Bahn tun oder auf der Straße. Das war mindblowing. Diese Erfahrung war für mich eine Befreiung.“

Alter Monitor auf Rollen, umgeben von Kabeln, in einem Raum mit Stühlen im Hintergrund.
Foto: Neven Allgeier

Tanzen lernen, Freiheit finden

Zurück in China gründete sie zusammen mit dem Dokumentarfilmer Wu Wenguang Chinas erstes unabhängiges Tanzensemble: das Living Dance Studio. Wen Huis erstes eigenes Stück hieß „100 Verbs“. Darin rückte sie ganz alltägliche Tätigkeiten ins Rampenlicht. Hausarbeiten wie Putzen oder Wäsche aufhängen wurden Teil einer poetischen Choreografie. „Wir wollten die Kunst aus höheren Sphären zurück auf die Erde holen“, erinnert sie sich. Ein Slogan, den das Living Dance Studio damals prägte, lautete: 100 Prozent Leben, Null Prozent Kunst. „Den Spruch ließen wir sogar auf T-Shirts drucken.“

Starkes Scheinwerferlicht auf Stativ mit Kabeln und Steuergerät für Beleuchtungsanwendungen.
Foto: Neven Allgeier
Eine Frau in einem lockeren, gemusterten Kleid sitzt barfuß auf dem Boden, neben einem umgedrehten Stuhl.
Foto: Neven Allgeier

Ein neues Zuhause

„Der Mousonturm ist jetzt mein Zuhause“, sagt Wen Hui. Sie war 2021 auf Tour in Europa. Anlass war die Verleihung der Goethe Medaille, mit der sie in Weimar ausgezeichnet wurde. Wen Hui saß in einem Hotelzimmer in München fest, als in Deutschland die Pandemie wütete und sich in ihrer Heimat China die Einreisebedingungen drastisch verschärften. Ihr Rückflug verschob sich zunächst um ein Vierteljahr. Dann wurde ein halbes Jahr daraus. „Es war wie in dem Stück ‚Warten auf Godot‘. Auf Warten folgte wieder Warten. Ein Ende war nicht abzusehen.“

Schließlich bot ihr der Mousonturm eine Residence an. Wen Hui zog in eine Wohnung gleich um die Ecke. Seitdem lebt sie in Frankfurt. Ob sie für immer bleiben möchte? Wenn sie diese absurde Geschichte eines gelehrt habe, dann dies: „Es ist besser keine allzu großen Pläne zu machen. Ich lebe im Moment und schaue, was kommt.“

Frau sitzt nachdenklich auf einem Metallgestell, umgeben von Stoffen, in einem hellen, minimalistischen Raum.
Foto: Neven Allgeier

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