Anna Hulačová, 2026
© Foto: Finn Waldherr

Im Studio bei Anna Hulačová

16.09.2026

8 min Lesezeit

Anna Hulačová
Eine Frau mit schulterlangen Haaren hält ein Holzobjekt und trägt ein gemustertes Hemd vor einer hellen Wand.

Holzspäne, Tonfiguren, Honigwaben und feministische Theorie: In Anna Hulačovás Atelier treffen unterschiedlichste Materialien und Referenzen aufeinander. Wir haben die Künstlerin in Wien und Klučov besucht und ihr bei den Vorbereitungen für ihre Ausstellung „Abundantia“ in der SCHIRN über die Schulter geschaut.

Der Geruch von Holz liegt in der Luft, Holzspäne bedecken die Tische. Feilen, Stechbeitel und andere Werkzeuge liegen neben Stücken aus Lindenholz. Noch frische Tonfiguren trocknen auf Plastikfolie. Auf dem Schreibtisch liegen zahlreiche Bleistiftskizzen von Arbeiterinnen, daneben Ausdrucke von Gemälden aus der westlichen Kunstgeschichte und Bücher feministischer, kapitalismuskritischer Theorie. Vor ihrer Ausstellung „Abundantia“, die ab Oktober in der SCHIRN zu sehen ist, haben wir Hulačová in ihrer Residency in Wien und in Klučov besucht, dem ruhigen, ländlichen Dorf in Tschechien, wo sie üblicherweise lebt und arbeitet. Beide Orte verraten einiges über die verschiedenen Schritte der künstlerischen Produktion und vielfältigen Referenzwelt der Bildhauerin.

Werkzeug-Set für Holzarbeiten mit einem Holzmeißel auf einem Arbeitsplatz, umgeben von Holzspänen und einem schwarzen Block.
© Foto: Finn Waldherr
Skizzenblätter liegen auf einem Tisch, beleuchtet von einer Lampe, deren Schatten an der Wand wirft.
© Foto: Finn Waldherr

Praterateliers

Im zweiten Wiener Bezirk, der Leopoldstadt, liegen die sogenannten Praterateliers. Ursprünglich 1873 für die Wiener Weltausstellung gebaut, wurden die historischen Gebäude kürzlich aufwendig saniert. Seit der Wiedereröffnung im Sommer 2025 werden die Studios im Rahmen des PART-Residenzprogramms an internationale Künstler*innen vergeben, zu ihnen zählt Anna Hulačová. Während ihres dortigen Aufenthalts im Februar und März dieses Jahres widmete sie sich verschiedenen Neuproduktionen für unsere Ausstellung in der SCHIRN.

Darunter ist etwa ein frisch geschnitztes Werkstück aus Lindenholz, das Hulačová später in das Betonrelief „Fruit Picking“ (2026) einsetzen wird, wie sie uns in einer Bleistiftskizze zeigt. Die frisch geschnitzten Äste tragen schwer an Früchten, von denen zwei gerade im Begriff sind, gepflückt zu werden. Hulačová fertigt anders als viele Kolleg*innen in der zeitgenössischen Kunst die handwerklich aufwendigen Elemente ihrer Arbeiten selbst. Vor dem Bildhauereistudium an der Akademie der Bildenden Künste in Prag, absolvierte sie eine Tischlereilehre. Zudem ist in der tschechischen Volkskunst, für die sich Anna interessiert, das Holzschnitzen historisch verankert.

Elegantes Gebäude mit Säulen und Treppen, umgeben von Grün und blauem Himmel.
Praterateliers
©hertha_hurnaus
Ein Künstler schnitzt mit Holzspänen eine detaillierte Skulptur von Blättern und Früchten.
Bild von Holzschnitzwerkzeugen und einem unvollendeten Werkstück aus Holz, umgeben von Spänen.

Beim Entwurf neuer Skulpturen, die Hulačová später in Beton gießen wird, greift die Künstlerin auf Ton zurück. Sie formt kleine Figurinen, die ihr als Modelle dienen. In Wien zeigt sie uns Figuren mit Leerstellen statt Gesichtern, die in ihren Händen Früchte und Küchengeräte halten. Außerdem arbeitet sie mit Bleistiftskizzen, in denen sie ihre Entwürfe festhält: etwa der raumgreifenden Installation „Still-life / Still Alive“ (2026), die Hulačová für eine Ebene in der Halle 2 plant. Zu sehen sind Arbeiterinnen am Fließband in einer fabrikähnlichen Situation. Die Metallverkleidung an den Wänden soll die cleane, sterile Atmosphäre unterstreichen.

Eine weitere Skizze zeigt die Arbeiterin am Ende des Fließbands: Mit dem Handmixer droht sie den großen Fruchthaufen zu zerkleinern, der sich vor ihr auftürmt – all das Obst, das sich angestaut hat, die (Über-)Fülle der Produktion. Anders als bei der Tonfigurine ist das Gesicht der Skulptur in dieser Zeichnung nicht hohl, sondern mit einer unbestimmten Struktur ausgefüllt, die sich auch im Brustkorb findet: Es sind skizzierte Honigwaben. Die Werkstücke aus Beton werden später noch in den Bienenstock wandern.

Drei skulpturale Figuren aus Ton liegen auf lila Plastikfolie und zeigen verschiedene Posen und Formen.
© Foto: Finn Waldherr
Skizze einer Person, die Früchte und Gemüse auf einem Tisch anrichtet, umgeben von verschiedenen Obstsorten.
Skizze Anna Hulačová für „Still-life / Still Alive“, 2026
Skizze eines Raumes mit Personen an einer Theke, die mit Tieren und Gegenständen interagieren.
Skizze Anna Hulačová für „Still-life / Still Alive“, 2026

Neben den vielen Skizzen liegen auf den Tischen auch Schwarzweißausdrucke von Gemälden der flämischen Malerei des 16. Jahrhunderts. Es sind Genreszenen von Joachim Beuckelaer und seiner Werkstatt, die Hulačová als künstlerische Vorbilder für ihre Frauenfiguren dienen und die sie anschließend feministisch gegen den Strich bürstet. Sie zeigen Frauen als Marktverkäuferinnen vor reich gedeckten Auslagen: Fisch neben Fleisch, Beinschinken und gerupfte Hühner, Schafköpfe neben überquellenden Obstkörben, Birnen, Trauben, Artischocken und Kohlköpfe. In der (männlichen) Kunstgeschichte wurden Früchten nicht selten in diesem Kontext auch eine erotische Bedeutung zugeschrieben, die eng mit der weiblichen Figur verknüpft wurde.

Sammlung historischer schwarz-weißer Drucke und Notizen auf einem Tisch.
Aus Hulačovás Atelier: Ausdrucke von Genreszenen von Joachim Beuckelaer und seiner Werkstatt, 16. Jahrhundert

Hulačová erzählt uns von der Rolle von Frauen in der Lebensmittelindustrie, die heute zunehmend von großen landwirtschaftlichen Konzernen dominiert wird. Das sind oft Betriebe, die mehrere Sektoren wie Fleisch- und Milchproduktion sowie die Verarbeitung von Obst, Gemüse und Getreide abdecken. Dort werden Frauen als billige Arbeitskräfte eingesetzt, was historische Wurzeln hat, wie Silvia Federici in Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (2004) zeigt. Hulačová liest den Klassiker der feministischen Theorie in tschechischer Übersetzung. Darin analysiert die Autorin, wie der Beginn des Kapitalismus mit der Ausbeutung und Enteignung von Frauen(-körpern) zusammenfällt – und welche Rolle die Hexenverfolgung im Feudalismus dabei spielte.

Besonders interessiert Hulačová die geschichtliche Perspektive auf das Verhältnis von Frauen und Landbesitz sowie ihre Rolle als automatisierte Arbeitskraft, was auch mit ihren persönlichen Erfahrungen zu tun hat. Geboren wurde Hulačová 1984 im tschechoslowakischen Sušice, aufgewachsen ist sie in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Noch heute erinnert sich die Künstlerin an die Erschöpfung ihrer Mutter. Das Leben war geprägt von den Folgen der Enteignung von Land und der Kollektivierung der Betriebe unter dem Kommunismus. Nachdem die Tschechoslowakei Anfang der 1990er-Jahre aufgelöst wurde, wurden die staatlichen Betriebe von Großkonzernen aufgekauft, die Arbeiterinnen bis heute unter oft schwierigen Bedingungen beschäftigen.

Papierzeichnungen, ein Buch und Schreibutensilien auf einem Tisch. Daneben liegt auch farbiges Papier.
Aus Hulačovás Atelier

Klučov

Wir treffen Hulačová auch an ihrem Arbeits- und Wohnort in Klučov, eine Stunde entfernt von Prag auf dem Land. An der Regionalbahn gelegen, sind die Mieten außerhalb von Prag günstiger als in der Großstadt, was Künstler*innen und Kreative anzieht. Seit Abschluss des Bildhauereistudiums in Prag und Aufenthalten in Großbritannien und Südkorea lebt Hulačová hier. Sie nutzt ein Haus als Atelier, wo sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Künstler Václav Litvan, und ihren zwei Kindern lebt. Hier produziert sie ihre großen Skulpturen, die neben Beton und Lindenholz auch aus Honigwaben bestehen. Im Garten stehen acht bunt bemalte Bienenstöcke, in denen Hulačovás Koproduzentinnen und Mitarbeiterinnen leben. Hulačová platziert je ein Werkstück in einem leeren Bienenstock und bringt die Bienen zum Schwärmen. Nach mehreren Wochen entnimmt sie die Elemente wieder und schleudert den Honig aus den Waben.

Durch ein Gittertor sieht man einen begrünten Bereich mit bunten Zielscheiben und Bienenstöcken im Hintergrund.
Bienenstöcke in Anna Hulačovás Garten
Eine Schüssel mit frischen Honigwaben, umgeben von flüssigem Honig und einem Löffel auf dem Tisch.
Wabenhonig
Blick auf eine ruhige Straße mit Wohnhäusern, parkenden Autos und blauem Himmel im Hintergrund.
Dorfstraße in Klučov

Im Inneren des Hauses stehen Skulpturen neben unfertigen Werkstücken und Regalen voller Studien. Manche Werke sind bereits mit Honigwaben ausgestattet, etwa „Bouquet“ (2024), die ebenfalls in der SCHIRN gezeigt wird. Die organischen Elemente aus Bienenwachs schichten sich in mehreren Lagen übereinander und scheinen einem prächtigen Blumenstrauß zu entwachsen, der nur so vor Leben strotzt. Doch der technischen Basis entwachsen nicht nur Pflanzen. An manchen der Stängel – oder sind es dünne Arme? – hängen kleine Hände, manche greifen nach den Blumen. Verweisen sie auf die (Hand-)Arbeit in der Landwirtschaft? Die Blumensträuße, die es bei uns beim Floristen und im Supermarkt zu erwerben gibt, haben meist verschiedene Stationen durchlaufen, vom Anbau über die Ernte bis zu Transport und Verkauf, auch wenn diese für uns Abnehmer*innen selten sichtbar werden. An die industriellen Komponenten der Produktion erinnert auch die futuristische, maschinenartige Betonbasis der Skulptur.

Holzskulptur mit organischen Formen und strukturierten Oberflächen in einem hellen Raum mit Regalen im Hintergrund.
Anna Hulačová, Bouquet, 2024; Werkstück Brustkorb
Kunstwerk aus Holz und Beton mit organischen Formen auf einem Tisch in einem Atelier.
Anna Hulačová, Bouquet, 2024; Werkstück Brustkorb

Mensch und Natur, Kultur und Technik sind in Hulačovás Bildwelten eng miteinander verstrickt. Der hölzerne Brustkorb im Atelier ist etwa mit Honigwaben gefüllt, die Lungenflügeln ähneln. Das Werkstück ist Teil des größeren Reliefs „Take A Deep Breath“ (2026), das auch geschnitzte Äste umfasst und auf die Sauerstoff spendende Funktion von Bäumen anspielt. Diese ökofuturistischen Arbeiten, die einer Science-Fiction-Welt entsprungen zu sein scheinen, sind Teil des zweiten Teils der Ausstellung. Dort zu sehen sind auch hybride Wesen, halb Biene, halb Mensch, sogenannte Alien Bees. Sie spielen auf tschechische Sprichwörter an, die auch im Deutschen geläufig sind. Im unablässigen Tun sind Hulačovás Arbeiterinnen den Maschinen und Tieren gar nicht so fremd.

Die Ausstellung „Anna Hulačová. Abundantia“ wird am 30. September in der SCHIRN eröffnen, wo sie bis Anfang Januar 2027 zu sehen sein wird. Der Titel bezieht sich auf die römische Personifikation von Wohlstand, die mit Erfolg, Reichtum und Überfluss assoziiert wird. In Hulačovás Atelier entstehen aus Beton, Lindenholz und Honigwaben Skulpturen, in denen weibliche Körper, Maschinen, Pflanzen und Tiere untrennbar miteinander verbunden sind. Sie machen sichtbar, was hinter dem Wohlstandsversprechen oft verborgen bleibt: die zumeist unsichtbaren Arbeits- und Produktionsprozesse, aus denen Überfluss überhaupt erst entstehen kann.

Drei Figuren stehen in einer skizzenhaften Landschaft mit abstrakten Formen und Wolken.
Skizze Anna Hulačovás „Alien Bees“