Im Studio bei Anna Hulačová
16.09.2026
8 min Lesezeit
Holzspäne, Tonfiguren, Honigwaben und feministische Theorie: In Anna Hulačovás Atelier treffen unterschiedlichste Materialien und Referenzen aufeinander. Wir haben die Künstlerin in Wien und Klučov besucht und ihr bei den Vorbereitungen für ihre Ausstellung „Abundantia“ in der SCHIRN über die Schulter geschaut.
Praterateliers
Im zweiten Wiener Bezirk, der Leopoldstadt, liegen die sogenannten Praterateliers. Ursprünglich 1873 für die Wiener Weltausstellung gebaut, wurden die historischen Gebäude kürzlich aufwendig saniert. Seit der Wiedereröffnung im Sommer 2025 werden die Studios im Rahmen des PART-Residenzprogramms an internationale Künstler*innen vergeben, zu ihnen zählt Anna Hulačová. Während ihres dortigen Aufenthalts im Februar und März dieses Jahres widmete sie sich verschiedenen Neuproduktionen für unsere Ausstellung in der SCHIRN.
Darunter ist etwa ein frisch geschnitztes Werkstück aus Lindenholz, das Hulačová später in das Betonrelief „Fruit Picking“ (2026) einsetzen wird, wie sie uns in einer Bleistiftskizze zeigt. Die frisch geschnitzten Äste tragen schwer an Früchten, von denen zwei gerade im Begriff sind, gepflückt zu werden. Hulačová fertigt anders als viele Kolleg*innen in der zeitgenössischen Kunst die handwerklich aufwendigen Elemente ihrer Arbeiten selbst. Vor dem Bildhauereistudium an der Akademie der Bildenden Künste in Prag, absolvierte sie eine Tischlereilehre. Zudem ist in der tschechischen Volkskunst, für die sich Anna interessiert, das Holzschnitzen historisch verankert.
Hulačová erzählt uns von der Rolle von Frauen in der Lebensmittelindustrie, die heute zunehmend von großen landwirtschaftlichen Konzernen dominiert wird. Das sind oft Betriebe, die mehrere Sektoren wie Fleisch- und Milchproduktion sowie die Verarbeitung von Obst, Gemüse und Getreide abdecken. Dort werden Frauen als billige Arbeitskräfte eingesetzt, was historische Wurzeln hat, wie Silvia Federici in Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation (2004) zeigt. Hulačová liest den Klassiker der feministischen Theorie in tschechischer Übersetzung. Darin analysiert die Autorin, wie der Beginn des Kapitalismus mit der Ausbeutung und Enteignung von Frauen(-körpern) zusammenfällt – und welche Rolle die Hexenverfolgung im Feudalismus dabei spielte.
Besonders interessiert Hulačová die geschichtliche Perspektive auf das Verhältnis von Frauen und Landbesitz sowie ihre Rolle als automatisierte Arbeitskraft, was auch mit ihren persönlichen Erfahrungen zu tun hat. Geboren wurde Hulačová 1984 im tschechoslowakischen Sušice, aufgewachsen ist sie in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Noch heute erinnert sich die Künstlerin an die Erschöpfung ihrer Mutter. Das Leben war geprägt von den Folgen der Enteignung von Land und der Kollektivierung der Betriebe unter dem Kommunismus. Nachdem die Tschechoslowakei Anfang der 1990er-Jahre aufgelöst wurde, wurden die staatlichen Betriebe von Großkonzernen aufgekauft, die Arbeiterinnen bis heute unter oft schwierigen Bedingungen beschäftigen.
Mensch und Natur, Kultur und Technik sind in Hulačovás Bildwelten eng miteinander verstrickt. Der hölzerne Brustkorb im Atelier ist etwa mit Honigwaben gefüllt, die Lungenflügeln ähneln. Das Werkstück ist Teil des größeren Reliefs „Take A Deep Breath“ (2026), das auch geschnitzte Äste umfasst und auf die Sauerstoff spendende Funktion von Bäumen anspielt. Diese ökofuturistischen Arbeiten, die einer Science-Fiction-Welt entsprungen zu sein scheinen, sind Teil des zweiten Teils der Ausstellung. Dort zu sehen sind auch hybride Wesen, halb Biene, halb Mensch, sogenannte Alien Bees. Sie spielen auf tschechische Sprichwörter an, die auch im Deutschen geläufig sind. Im unablässigen Tun sind Hulačovás Arbeiterinnen den Maschinen und Tieren gar nicht so fremd.
Die Ausstellung „Anna Hulačová. Abundantia“ wird am 30. September in der SCHIRN eröffnen, wo sie bis Anfang Januar 2027 zu sehen sein wird. Der Titel bezieht sich auf die römische Personifikation von Wohlstand, die mit Erfolg, Reichtum und Überfluss assoziiert wird. In Hulačovás Atelier entstehen aus Beton, Lindenholz und Honigwaben Skulpturen, in denen weibliche Körper, Maschinen, Pflanzen und Tiere untrennbar miteinander verbunden sind. Sie machen sichtbar, was hinter dem Wohlstandsversprechen oft verborgen bleibt: die zumeist unsichtbaren Arbeits- und Produktionsprozesse, aus denen Überfluss überhaupt erst entstehen kann.
