About Time: Mit der Choreografin Deborah Hay

Deborah Hay, geboren 1941 in Brooklyn, gehört zu den prägenden Figuren des amerikanischen Postmodern Dance. Anfang der 1960er-Jahre tanzte sie bei Merce Cunningham und wurde wenig später Mitglied des Judson Dance Theater, jener New Yorker Gruppe, die mit alltäglichen Bewegungen, Zufallsstrukturen und neuen Formen des Zusammenspiels die Regeln des Tanzes auf den Kopf stellte. Hay entwickelte ihre eigene Arbeit zunächst mit professionellen, später auch mit völlig unerfahrenen Tänzerinnen und Tänzern. Davon ließ sie jedoch bald wieder ab. 1970 verließ sie New York und zog nach Vermont, wo sie ihre choreografische Praxis radikal auf den eigenen Körper konzentrierte. Seit 1976 lebt sie außerdem in Austin, Texas.
In ihren Soloarbeiten gibt sie den Tänzerinnen und Tänzern keine festgelegten Bewegungsabläufe vor, sondern Fragen und Aufgaben, aus denen sich die jeweilige Aufführung entwickelt. Hay hat mehrere Bücher über ihre Arbeitsweise geschrieben und wurde unter anderem mit dem Doris Duke Artist Award ausgezeichnet.
Zu ihrer vielzitierten Karriere, ihren innovativen und ihrerzeit geradezu radikalen neuen Wegen im zeitgenössischen Tanz möchte Deborah Hay heute allerdings keine Fragen beantworten. Dies war Voraussetzung für das Gespräch. Also konzentrieren wir uns ganz auf das Hier und Jetzt. Was nicht bedeutet, dass die Zeit und ihre Verläufe keine Rolle spielen können.
Es ist sehr heiß an diesem Tag. Deborah Hay befindet sich gerade in Vermont, wo sie die Sommermonate verbringt.

Deborah Hay
Image via tanzimaugust.de
Peter Moore’s photograph of Alex Hay, Deborah Hay, and Yvonne Rainer performing Hay’s “Would They or Wouldn’t They?,” 1963. Performed at Concert of Dance #13, Judson Memorial Church, New York, November 20,1963.
© Barbara Moore/Licensed by VAGA, New York, NY. Courtesy Paula Cooper Gallery, New York
Image via allarts.org

Liebe Deborah Hay, sprechen wir über das Hier und Jetzt. Es ist gerade überall sehr heiß, in Europa, in den USA. Spielt das Wetter eigentlich irgendeine Rolle für Ihre Arbeit? Es ist ja eine sehr körperliche Arbeit. Unmittelbar.

Deborah Hay

Ich denke nicht. Aber vielleicht die Politik. Hier im Vermont herrscht ja eine geradezu gesunde politische Atmosphäre, im direkten Vergleich zu Texas, wo ich im Winter bin. Insofern mag die Politik eines jeweiligen Ortes mehr Einfluss auf mich gehabt haben als irgendetwas anderes, aber auch das glaube ich eigentlich nicht. Ich tanze immer noch jeden Tag, egal, wo ich bin.

Und ihr Tanzen dreht sich um eine Frage, die sich in Ihrem Körper formuliert. Zumindest war das lange Zeit Kern Ihrer Arbeit. Wo Sie jetzt so viele Fragen gestellt und durchgearbeitet haben: Gibt es eigentlich einen konkreten Ausgangspunkt für dieses Tanzen, dieses Befragen, jeden Tag – oder verändert er sich immer wieder?

Deborah Hay

Das ist eine gute Frage. Denn ich habe jetzt gut 50 Jahre damit verbracht, Fragen an meinen gesamten Körper zu stellen. Um aus meinem eigenen Kopf herauszukommen. Das waren Fragen, die aufkamen, während ich tanzte. Ich habe die Fragen also genutzt, um meine eigenen Gefühle zu identifizieren. Wo ich bin, was ich brauche… Diese Fragen ergaben sich aus der Erfahrung, zu tanzen. Und wo ich mich jetzt befinde, nach über 50 Jahren und rund 21, 22 gestellten Fragen, da brauche ich diese Fragen vielleicht gar nicht mehr. Sie sind in meinem Körper. Ich trage sie mit mir herum. Sie sind da. Bis vor Kurzem habe ich gesagt: Ich praktiziere Tanz – oder: Tanz ist meine Praxis. Jetzt sage ich: Ich tanze.

Peter Moore’s photograph of Charles Ross’s “Qui a mangé le baboon?,” 1963. Performed at Concert of Dance #13, Judson Memorial Church, New York, November 20, 1963
© Barbara Moore/Licensed by VAGA, New York, NY. Courtesy Paula Cooper Gallery, New York, Image via allarts.org
Deborah Hay in „Shaking Awake the Sleeping Child,“ 1981
Photo: Ken Fryer. Courtesy Harry Ransom Center, University of Texas at Austin, Image via sightlinesmag.org
Alex Hay, Rauschenberg, Barbara (Dilley) Lloyd, and Deborah Hay performing Debora Hay’s „They Will“ (1963), probably at the First New York Theater Rally, New York, May 1965.
Photo: Elisabeth Loewenstein Novick, Image via rauschenbergfoundation.org

Also gibt es quasi keine neuen Fragen mehr?

Deborah Hay

Diese Fragen sind so sehr ein Teil von mir. Sie haben mein Leben verändert, sie haben meinen Tanz verändert. Neben all den anderen Teilen von mir – Sie wissen schon, um 16 Uhr einkaufen gehen, Wäsche machen und so weiter – direkt neben diesen Fragen des täglichen Lebens befinden sich also meine Antworten. Ich möchte ja nicht nur Fragen stellen, ich möchte davon auch etwas bekommen! Ich möchte Antworten! Und die befinden sich nun – in einer logischen Abfolge, es bringt mich von Punkt A nach B. Aber all das befindet sich in meinem Körper. Es gibt so viel Unbekanntes, noch immer, für das ich Raum geben muss.

Und dieses Raum schaffen, könnte man das als Ausgangspunkt Ihrer Arbeit begreifen?

Deborah Hay

Ich bin gerade aus Athen zurück, wo ich eine Arbeit aus 2010 aufgeführt habe. Als ich mich darauf vorbereitete, da war alles sofort da, präsent. In meinem Körper. Ich hatte es seitdem gar nicht mehr getanzt. Ich habe alle Bilder, alle Fragen entfernt, und habe es einfach getanzt. Sehen Sie, was ich sagen will? Es fühlte sich wie ein völlig anderes Stück an. Und doch gab es da diese Sequenz von Material, die mein Körper einfach kannte. Ich musste überhaupt nicht darüber nachdenken. Er wusste, was zu tun ist… Ich wusste es. Aber ich konnte es jetzt von einem ganz anderen Punkt aus tanzen. Und dieser Ort, von dem aus ich es getanzt habe, das war keine Frage, sondern eine Herausforderung. Die Herausforderung, mich selbst aus Raum und Zeit entziehen. Das war so befreiend.

Das kann ich mir gut vorstellen.

Deborah Hay

Und jetzt kommt der schwierige Teil: Ich kann meine Tänze nicht machen. Ich wusste schon, dass ich meine Tänze nicht machen kann. Sie sind unmöglich zu machen, sie verlangen von mir, dass ich alles wahrnehme – und ich habe keine Zeit, das alles zu tun.

AHSG
Image via aefestival.gr
AHSG
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Sie meinen, die Umsetzung des einzelnen Stücks funktioniert immer nur als Herantasten, aber kann nie erreicht werden?

Deborah Hay

Es ist nicht einmal ein Herantasten. Ich weiß, dass ich meine Tänze nicht machen kann, weil es keinen Gegenstand gibt. Es gibt keine Erzählung. Es gibt keine Musik, der ich folgen kann, es gibt kein … Und das Herzstück meiner Arbeit ist die Aufmerksamkeit, die ich seit 1970 meinem zellulären Körper gewidmet habe, der Intelligenz des ganzen Körpers, die Investition in das Potenzial des Bewusstseins. Ich weiß, dass ich das nicht machen kann. Es ist unmöglich. Aber ich richte meine Aufmerksamkeit trotzdem darauf. Es ist mir wichtig genug, mich darauf einzulassen. Ich bin optimistisch genug, was das Leben betrifft.

Was suchen Sie in den Tänzer*innen, mit denen Sie arbeiten?

Deborah Hay

Dieselbe Bereitschaft, das durchzuspielen. Ich unterrichte keine Workshops in dem Sinne. Wenn ich mit professionellen Tänzer*innen arbeite, dann sind die einzigen, die mit mir arbeiten wollen, diejenigen, die bereit sind, zu denselben Orten zu gehen, an die ich gehe, mit den Forderungen, die ich aufstelle: Du wirst es nicht schaffen. Du musst den Wunsch aufgeben, es schaffen zu wollen. Du kannst den Wunsch, es schaffen zu wollen, nicht aufgeben – dein ganzes Leben basiert darauf, es schaffen zu wollen. Und trotzdem … Also wieder: diese Reibung des Unmöglichen erzeugen. Und es ist mir egal, ich will es trotzdem. (lacht)

Sie haben einerseits sehr klare Vorstellungen von einem Stück, andererseits ist die Interpretation den Tänzer*innen überlassen. Wie kann man sich das praktisch vorstellen? Liegt diese Freiheit in der Offenheit der individuellen Ausführung?

Deborah Hay

Offenheit ist kein Wort, das ich nutze. Was ich tue, wenn ich mit professionellen Tänzer*innen arbeite, ist: ich gebe ihnen Werkzeuge. Werkzeuge, um mit dem Unmöglichen umzugehen. ‚Es ist keine große Sache!‘ Das ist etwas, was ich oft sage. Die Zeit vergeht. Es ist keine große Sache, weißt du. Ich sage zu den Tänzer*innen: Sei ein Schwein. Halt dich nicht zurück.
Dieser Raum, in dem wir sind, dieses Studio, ist nicht leer. Wir wären nicht hier, wenn es leer wäre. Solche Dinge.
Also gebe ich ihnen Werkzeuge, denen sie ihre Aufmerksamkeit schenken können. Damit sie an diesem Körper, in diesem Studio, mit mir interessiert bleiben.

06:34

Was können Sie heute tanzen, das Ihnen mit 40 Jahren unmöglich gewesen wäre?

Deborah Hay

Hmm. Das ist eine lustige Frage. Ich denke, es gibt Dinge, die ich nicht tun kann, die ich mit 40 Jahren getan habe. Anders gesagt: Ich springe nicht mehr. Ich renne nicht mehr herum.

Deshalb wollte ich die Frage umgekehrt formulieren. Weil man mit zunehmendem Alter eher nach seinen Beschränkungen gefragt wird, als danach, was man jetzt vielleicht besser kann.

Deborah hay

Ja, das stimmt. Ich hätte nicht das Verständnis dafür gehabt. Ich hätte nicht die Auseinandersetzung gehabt. Ich hätte nicht die Tiefe der Auseinandersetzung gehabt.

Das Bewusstsein für Zeit, für das Verstreichen von Zeit scheint ein Kern Ihrer Arbeit. Hat sich Ihr Verhältnis zur Zeit verändert in den letzten Jahren, Jahrzehnten?

Deborah hay

Ja, ich werde älter, ich denke darüber nach, am Ende meines Lebens zu sein. Das ist das letzte Kapitel. Ich denke über Sterben nach, viel mehr, als ich das vor fünf Jahren getan habe. Aber ich grüble nicht zu viel drüber nach – ich denke, die meisten älteren Menschen tun das nicht, es ist sicher nicht sehr gesund, ständig darüber nachzudenken. Aber ich bin zugleich sehr offen damit.
Ob es meine Arbeit verändert? Ich glaube nicht.
Meine Tänze handeln davon, wie ich überlebe. Ich benutze diesen Begriff seit einer Weile. Denn, naja: Soweit ich das beurteilen kann, geht die Welt vor die Hunde. Und wenn ich diesen Tanz nicht hätte, wäre ich, glaube ich, ein ziemlich schwermütiger Mensch.
Ich meine, die Art, wie ich es dir gegenüber gesagt habe, kommt meinem Herzen wirklich am nächsten. Aber ich denke auch, dass es für mich eine Form von Politik ist. Es geht nicht darum, worum es geht, es geht nicht darum, wie ich tanze, es geht nicht darum, warum ich tanze, sondern darum, dass ich tanze. Und für mich ist genau das der politische Akt.

Deborah Hay in My Choreographed Body…revisited
Photo Camilla Greenwell, Image via mousonturm.de

Im September sind Sie im Mousonturm in Frankfurt zu Gast. „Performance Club – The Lesser Told Story“ umfasst genau eine Stunde. 20 Minuten tanzen Sie, die restliche Zeit ist Ihr Publikum eingeladen, die Zeit im Stillen zu gestalten. Ist es immer noch überraschend für Sie, zu sehen, was das Publikum mit dieser Freiheit anfängt?

Deborah Hay

Ich denke, vielleicht müssen Sie die Art der Frage etwas umstellen. Es ist sehr viel mehr als die Idee, dass ich tanze, und dann übernimmt das Publikum. Die Arbeit habe ich erstmals in Austin aufgeführt. Die Idee war: Ich trete zehn Tage hintereinander auf. Ich finde da kein Theater. Ich kann mir das nicht leisten, für zehn Tage zu performen. Ich habe einen Freund, der ein wunderschönes Studio hat, 25 Leute kommen vorbei, und es ist ein Stück von ungefähr 20 Minuten.
Aber ich wollte nicht, dass die Leute einfach nur kommen und mir zuschauen. Ich habe eine Bibliothek vor mir gesehen, in der Stille herrscht und Menschen an ihren Schreibtischen sitzen und ihrer Forschung nachgehen. Dieses komplette Bild. Und ich dachte: Okay, diese Veranstaltung dauert genau eine Stunde. Ich trete 20 Minuten auf, und eine Glocke zeigt das Ende dieser 20 Minuten an, und unmittelbar danach haben die Menschen, die zu dieser Veranstaltung gekommen sind, die verbleibende Zeit bis zur vollen Stunde, um zu schreiben, zu schlafen, zu tanzen, zu malen – es ist ihre eigene Forschung darüber, was mit ihnen in der Gegenwart einer Live-Performance passiert ist, wie sie in der Gegenwart einer Live-Performance beeinflusst wurden.
Und es herrscht Stille, es wird nicht geredet, nichts dergleichen. Es könnte überhaupt nichts mit mir zu tun haben, oder es könnte ein Gedicht inspirieren oder was auch immer. Wer weiß.
Und dann, am Ende dieser Stunde, ist es sofort vorbei. Es geht also wirklich darum, aufzuwachen für das, was mit uns in der Gegenwart einer Live-Performance passiert – etwas, dem die meisten von uns keine Zeit haben, Aufmerksamkeit zu schenken. Wenn ich zu einer Performance gehe, klatsche ich und gehe mit Freunden zum Essen. Ich habe nicht die Zeit, wahrzunehmen, wie, welche Wirkung das auf mich hat.
Also kann wirklich jeder alles Mögliche tun, aber es muss in Stille geschehen. Drängt eure eigene Forschung niemand anderem auf. Es ist so schön in diesem Raum. In diesem Studio. Wenn alle ganz still … Für mich ist das ein magischer Moment. Ein kollektiver, gemeinschaftlicher Moment.

Und Sie selbst, wie verbringen Sie die übrige Zeit bis zum Ende der vollen Stunde?

Deborah Hay

Ich tanze, und am Ende der 20 Minuten schreibe ich.

Eine ältere Frau tanzt elegant auf einer Holzfläche, neigt sich zur Seite und gestikuliert mit ihren Armen.
Deborah Hay, Performance, New York City, 2024
Photo: Anja Hitzenberger

About Time

In dieser Reihe unter­hält sich unsere Auto­rin mit Menschen, die seit vielen Jahr­zehn­ten künst­le­risch, filmisch, foto­gra­fisch oder in ande­rer Weise krea­tiv tätig sind. Wie verän­dert sich der Blick – auf die eigene Arbeit, aber auch das Arbeits­um­feld, den Kultur­be­trieb? Gab es eine Initi­al­zün­dung? Und welche Pläne stehen noch an? Ein Spre­chen über Zeit und Zeiten, Konti­nui­tä­ten und Verän­de­run­gen, Rück­bli­cke und Ausbli­cke.