In the Mood for Pamphlets
25.09.2026
8 min Lesezeit
Ein Kind wird geboren, Gletscher brechen, Flugblätter fallen. Marius Goldhorn schreibt über ein neues Leben in einer Welt im Wandel – und fragt, was Worte, Bilder und Flugblätter noch bewirken können.
1
Nach einer Phase der Aktion hat sich in mir eine Müdigkeit breitgemacht.
Ich verbringe den August 2026 mit drei Entitäten.
Mit Memoiren über die Jahre 1930–1946
Martha Dodd, Hans Erich Nossack, Gerhard Boldt.
Mit era-explorer.climate.copernicus.eu.
Mit meinem Sohn.
Nach der Geburt habe ich die vertrocknete Nabelschnur in den Blumenkasten gesteckt.
Daraus ist eine Pflanze geworden.
Das Kinderohr, im Schatten, unter den Haaren.
2
Ich schreibe das hier in Code.
Ich habe keine Form für dieses neue Leben, bisher.
Es gibt eine Verantwortung gegenüber der Form, viel mehr als gegenüber der Sprache.
Hat von euch schon mal jemand mit einem Baby, während des Sechsten Massenaussterbens zu
Tyla, Is this love, if you don’t cry cry cry getanzt?
Das Interesse von Babys für die Waschanleitungen an den Spielzeugen. Die Augen auf die kleinen Symbole und Zeichen, schwarz-weiß.
Erst heute am 31. August 2026 wird mir der Zusammenhang zwischen den Augen, der Schrift und der Aufmerksamkeit klar.
Am 18. Februar 1943 legt die Weiße Rose das sechste Flugblatt in der Münchner Universität aus.
Sophie Scholl wirft ein paar Exemplare aus einem oberen Stock hinab in den Lichthof. Im Juli 1943 werfen die Briten das sechste Flugblatt millionenfach über deutschen Städten ab.
„Sprich nicht weiter, wenn du willst, dass ich dich höre, sagst du.
Aber ich kann nicht verstummen, selbst wenn ich gar nichts sage.“
„Die Dynamik des Aussterbens ist keine Apokalypse, sondern Desintegration.
Nichts wird aufgedeckt, das Leben entschwindet.“

