In the Mood for Pamphlets
25.09.2026
8 min Lesezeit
Ein Kind wird geboren, Gletscher brechen, Flugblätter fallen. Marius Goldhorn schreibt über ein neues Leben in einer Welt im Wandel – und fragt, was Worte, Bilder und Flugblätter noch bewirken können.
1
Nach einer Phase der Aktion hat sich in mir eine Müdigkeit breitgemacht.
Ich verbringe den August 2026 mit drei Entitäten.
Mit Memoiren über die Jahre 1930–1946
Martha Dodd, Hans Erich Nossack, Gerhard Boldt.
Mit era-explorer.climate.copernicus.eu.
Mit meinem Sohn.
Nach der Geburt habe ich die vertrocknete Nabelschnur in den Blumenkasten gesteckt.
Daraus ist eine Pflanze geworden.
Das Kinderohr, im Schatten, unter den Haaren.
4
Unter dem Fenster die Crack-Junkies aus dem Tiergarten.
Meine Hoffnung, dass ihr Crack nicht mit Nitazenen verunreinigt ist.
Überall im Park die Zettelchen, die Wiesen voll mit Beschriebenem, ich kann das alles nicht mehr
aufsammeln und lesen, Alufolien.
Ich versuche, meine Hände sauber zu halten, im Umgang mit meinem Sohn.
CSD im Tiergarten, Eichenprozessionsspinner, die Papiere der Junkies mit überlebensnotwendigen Adressen.
Auf der Straße mit einem Kinderwagen, früher habe ich mich nie umgesehen.
Wenn sich im Straßenlärm und der Unruhe der Menschen, plötzlich einige Sekunden der Stille und
der Ruhe ergeben, in der wir hören, wie ein Blatt vom Baum fällt.
Und dann geht der Lärm weiter.
„Sprich nicht weiter, wenn du willst, dass ich dich höre, sagst du.
Aber ich kann nicht verstummen, selbst wenn ich gar nichts sage.“
„Die Dynamik des Aussterbens ist keine Apokalypse, sondern Desintegration.
Nichts wird aufgedeckt, das Leben entschwindet.“

