Leonor Fini, Im Turm (Selbstporträt mit Constantin Jalenski), 1952, Öl auf Leinwand, 90,8 x 64,8 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026, FAMM (Femmes Artistes du Musée de Mougins) / The Levett Collection

Bald in der SCHIRN: Leonor Fini. Magisch Surreal

16.09.2026

10 min Lesezeit

Leonor Fini
Porträt einer Frau mit lockigem Haar, elegantem braunen Oberteil und nebligem Hintergrund, die einen weißen Handschuh trägt.

Im Herbst wird es mit Leonor Fini magisch surreal in der SCHIRN. Ab dem 23. Oktober zeigt die erste große Retrospektive in Deutschland das faszinierende Œuvre der Künstlerin zwischen Traum und Mythos, Masken und Kostümen.

Leonor Fini (1907–1996) war als Künstlerin wie auch als Privatperson eine Rebellin. Die SCHIRN präsentiert vom 23. Oktober 2026 bis 21. Februar 2027 die erste Retrospektive der Künstlerin in Deutschland. Rund 100 Werke, darunter Gemälde, Zeichnungen, Fotografien, Kostüme, Masken und Bücher geben einen umfassenden Einblick in ihr faszinierendes Œuvre. Geboren in Buenos Aires und aufgewachsen in Triest, blieb die Autodidaktin trotz ihrer Nähe zum Surrealismus zeitlebens künstlerisch unabhängig. Beeinflusst von Renaissance, Symbolismus, deutscher Romantik und magischem Surrealismus entwickelte Fini eine unverwechselbare Bildsprache zwischen Traum, Mythos, Fantasie und theaterhaften Inszenierungen. In ihrem charakteristischen, altmeisterlichen Stil schuf sie traumartige Szenen mit Priesterinnen, Sphinxen und hybriden Wesen, die klassische Geschlechterrollen umkehren. Es entstanden kraftvolle Darstellungen von Frauen und androgynen Figuren, häufig als Neuinterpretationen historischer Vorbilder. Emanzipation, Genderfluidität, Eros, Okkultismus, Tod und Verwandlung durchziehen ihr Werk ebenso wie der spielerische Umgang mit Masken, Kostümen und Rollenbildern. Die Auseinandersetzung mit ihrer Position als Frau und Künstlerin ist ein zentrales Thema ihres Werks. Von Beginn an inszenierte sich Fini selbstbewusst als freigeistige, glamouröse Ikone und verwischte bewusst die Grenzen zwischen künstlerischer Schöpfung und gelebter Existenz. Die Ausstellung zeichnet mit Werken aus rund sieben Jahrzehnten ihre außergewöhnliche künstlerische Entwicklung nach.

Frau in gestreiftem Mantel, sitzt in einem Atelier und malt mit Pinseln, umgeben von Kunstwerken.
Leonor Fini in ihrem Atelier Rue Payenne, 1947
© Estate Leonor Fini, Paris

„Die kontinuierliche Befragung und Verwandlung ihrer Rolle als Frau und Künstlerin, Finis Rebellion und Eigenständigkeit, ihr virtuoser Malstil, ihre moderne Adaption klassischer Mythen und ihre Selbst-Inszenierung als Mode-Ikone erscheinen erstaunlich aktuell.“

Ingrid Pfeiffer, Kuratorin der Ausstellung

Eine Künstlerin, viele Identitäten

Die Retrospektive der SCHIRN ist im Wesentlichen thematisch gegliedert und beginnt mit fotografischen Porträts und malerischen Selbstporträts der Künstlerin. Leonor Fini ist eine der am häufigsten fotografierten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts, u. a. von ihren Freund*innen Dora Maar, Henri Cartier-Bresson, Brassaï. Kaum eine andere Malerin hat so intensiv ihre eigene Identität befragt, indem sie lebenslang in unterschiedliche Rollen schlüpfte, um Facetten ihrer expressiven Persönlichkeit auszudrücken. Fini bezog sich dabei häufig auf Mythen und lehnte sich motivisch stark an Traditionen der europäischen Kunstgeschichte an. In ihren Werken sind immer wieder Tierwesen zu finden, so in „Autoportrait au hibou“ (Selbstporträt mit Eule, 1936), eines ihrer frühesten Selbstbildnisse, in dem sie sich mit der Eule als Zeichen der Weisheit und der Alchemie darstellt. Mit „Autoportrait au scorpion“ (Selbstporträt mit Skorpion) war Fini 1938 auf der 21. Biennale in Venedig vertreten. Aber auch Mischwesen und insbesondere die Figur der Sphinx als das Alter Ego der Künstlerin stellte sie in zahlreichen Werken dar, beispielsweise in „La Bergère des sphinx“ (Die Hirtin der Sphinxe, 1941) oder auch „Stryges Amaouri“ (1947). Als autonomes weibliches Subjekt verkörpert sie Macht, Erkenntnis und Selbstbestimmung. Wiederholt drehte Fini die Machtverhältnisse um und malte starke Frauen, die über schlafende, nackte Männer wachen oder ihnen den Weg weisen.

Leonor Fini, Selbstporträt mit Eule, 1936
©Weinstein Gallery
Schlafende Figur, umgeben von Efeu, beobachtet von einer mystischen Frau und einem kreatürlichen Wesen im Hintergrund.
Leonor Fini, Stryges Amaouri, 1947, Öl auf Leinwand, 45,8 x 55 x 1,5 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Enrico Carpegna
Porträt einer Frau mit lockigem Haar, elegantem braunen Oberteil und nebligem Hintergrund, die einen weißen Handschuh trägt.
Leonor Fini, Selbstporträt mit Skorpion, 1938, Öl auf Leinwand, 81 x 60 cm
Privatsammlung, courtesy of HomeArt © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Estate Leonor Fini, Paris

Künstlerische und freundschaftliche Vernetzungen

Freundschaften zu Künstlern und vor allem Künstlerinnen blieben für Fini lebenslang von entscheidender Bedeutung. Die SCHIRN zeigt Selbstbildnisse mit dem Schriftsteller Constantin Jelenski sowie dem surrealistischen Maler und italienischen Konsul Stanislao Lepri, mit denen sie ab 1952 in einer Dreiecksbeziehung lebte, darunter „Autoportrait avec Stanislao Lepri“ (Selbstporträt mit Stanislao Lepri, 1942/43) oder „Dans la tour“ (Autoportrait avec Constantin Jelenski) (Im Turm [Selbstporträt mit Constantin Jelenski], 1952). Mit anderen Künstlerinnen im Umfeld des Surrealismus, wie Meret Oppenheim und Leonora Carrington, verbanden sie langjährige Freundschaften und ein tiefes gegenseitiges Verständnis, das sich in fotografischen wie malerischen Freundschaftsporträts spiegelt, so etwa im „Porträt Meret Oppenheim“ (1938). Fini arbeitete zudem häufig mit Schriftsteller*innen, Dichter*innen, Bühnenbildner*innen und Filmregisseur*innen aus ihrem Umfeld zusammen, darunter Jean Cocteau. 1957 illustrierte sie technisch virtuos das Buch „Le Sabbat ressuscité“ (Der wiedererweckte Hexensabbat) ihres Freundes Jacques Audiberti. Das Thema Hexe erfährt bei Fini im Vergleich zu historischen Darstellungen eine rebellische und humorvolle Umdeutung. Die Ausstellung präsentiert u. a. auch das Selbstbildnis „Le Miracle qui balaye / La Sorcière“ (Das Wunder, das alles hinwegfegt / Die Hexe, 1936) sowie die Gouache „Caverne de sorcières“ (Hexengrotte, 1972).

Ein Mann umarmt eine mit Blättern verzierte Figur vor einem dunklen, dramatischen Hintergrund.
Leonor Fini, Selbstporträt mit Stanislao Lepri (1942–43), ca. 65 x 56 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026, FAMM (Femmes Artistes du Musée de Mougins) / The Levett Collection
Das Gemälde zeigt eine geheimnisvolle Frau in schwarzem Kleid und einen nackten Mann mit rotem Umhang in einer architektonischen Kulisse.
Leonor Fini, Im Turm (Selbstporträt mit Constantin Jalenski), 1952, Öl auf Leinwand, 90,8 x 64,8 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026, FAMM (Femmes Artistes du Musée de Mougins) / The Levett Collection

Schicksalsweberin, Alchemistin und Seherin: Wissen um Tod und Vergänglichkeit

In Finis Œuvre erscheinen immer wieder weise Frauen, als Schicksalsweberinnen, Alchemistinnen oder auch als spirituelle Führerinnen oder Seherinnen. Innerhalb der von der Künstlerin entworfenen imaginären Bildwelten nehmen diese Darstellungen eine zentrale Position ein: Als Trägerinnen schöpferischer und transformativer Kräfte scheinen die Frauenfiguren die Zyklen der Natur – und damit auch jene von Leben und Tod – zu lenken. Einige führen geheimnisvolle Rituale aus wie in „Les Fileuses“ (Die Spinnerinnen) oder tragen alchemistische Symbole wie das Ei in „La Gardienne des phénix“ (Die Hüterin der Phönixe), beide aus dem Jahr 1954.

Tod und Vergänglichkeit in Gestalt von Skeletten und Gebeinen, aber auch schlafenden Körpern, sowie Rückgriffe auf die Tradition des Memento mori und des Totentanzes durchziehen zahlreiche Werke Finis. Das androgyne Skelettwesen in „L’Ange de l’anatomie“ (Der Engel der Anatomie, 1949) zeugt von Finis anhaltender Faszination für Anatomie und ist zugleich als elegante Erscheinung mit Umhang und Flügeln im altmeisterlichen Malstil inszeniert. „Sphinx Regina / Sphinx reine“ (Sphinx-Königin, 1943) stellt eine sich zersetzende Sphinx in einer geheimnisvollen, morbiden Landschaft zwischen Zerstörung und Erneuerung dar. Der Tod wird Teil einer persönlichen Mythologie, in der er nicht abschreckend, sondern als faszinierende Metamorphose oder als Freund und mächtiger Verbündeter erscheint.

Den Aspekt des Übergangs, des Uneindeutigen, greift Fini auch in ihren sogenannten mineralischen Bildern auf. Sie entstanden hauptsächlich zwischen 1957 und 1963 unter Anwendung der abstrahierenden experimentellen Technik der Decalcomanie, die ihr durch die Surrealist*innen und vor allem von Max Ernst bekannt war. Kristalline Strukturen und fossile Formationen deuten mineralartige Körper an, die sich auflösende, im Wandel begriffene Anatomien aufweisen und einen Dialog der Elemente sowie der Natur-, Tier- und Pflanzenwelt heraufbeschwören. Zu sehen sind u. a. „Chimère du soir“ (Abendschimäre, 1961) und „La terre écarlate“ (Scharlachrote Erde, 1961).

Zwei Frauen in bunten Gewändern sitzen sich gegenüber, verbunden durch eine feine Schnur, in einem minimalistischen Raum.
Leonor Fini, Les Fileuses, 1954, Öl auf Leinwand, 65 x 121 cm
Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Foto: Estate Leonor Fini, Paris
Skelett mit roten Muskeln und weißen Haaren, in lila Tuch, vor dunklem Hintergrund.
Leonor Fini, Der Engel der Anatomie, 1949, Öl auf Leinwand, 53,3 x 31,5 cm
Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Ein surrealistisches Stillleben mit verwelkten Pflanzen, einem Tierkopf und geheimnisvollen Objekten in einer dunklen Umgebung.
Leonor Fini, Sphinx Regina / Sphinx reine, 1943, Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Enrico Carpegna
Abstraktes Kunstwerk in intensiven Blau- und Rottönen mit dynamischen Formen und Texturen.
Leonor Fini, Chimère du soir / Evening Chimera, 1961, Öl auf Leinwand, 81,3 x 59,7 cm
Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, courtesy Weinstein Gallery, Los Angeles

Eine traumhaft-fantastische Bühne für das Unterbewusste

Der menschliche Körper als Ausdruck von Identität, Erotik und Macht ist ein Motiv, das sich kontinuierlich durch Leonor Finis Schaffen zieht. Ab Ende der 1960er-Jahre entwickelte die Künstlerin Werke in hellerer Farbpalette, mit dramatisch aufgeladenen Bühnenräumen und symbolistischer Ästhetik, die im zentralen Raum der Ausstellung präsentiert werden. In diesen Inszenierungen zwischen Theater und Traum verbindet sie den nackten Körper mit Selbstermächtigung, mythischen Stoffen und verborgenen Aspekten des Unbewussten. Für Fini – ebenso wie für die Surrealist*innen – lieferte die Psychoanalyse des 20. Jahrhunderts fundamentale Impulse. Die Grenzen zwischen Realität, Traum und Fantasie zerfließen und eröffnen neue Spielräume für sexuelle Identitäten und Geschlechterbeziehungen wie in „Phoebus endormi“ (Der schlafende Phoebus, 1967) oder „Train de nuit“ (Nachtzug, 1969). In anderen Darstellungen erhalten Mädchen geheimnisvolle Unterweisungen oder vollziehen sexuelle Übergangsriten wie in „Rasch, Rasch, Rasch, meine Puppen warten“ (1975). In „La Leçon de botanique“ (Die Botanikstunde, 1974) und „Les Carcans“ (Die Angeprangerten, 1984) sind die zentralen Figuren nackt, androgyn, selbstbewusst und imposant, befreit von gesellschaftlichen Normen, die ihre Begleiterinnen noch fesseln und gefangen halten. Fremd und vertraut, historisch und gegenwärtig – auch hier durchzieht Finis grundlegendes Prinzip des Hybriden ihre anspielungsreiche Bildwelt.

Zwei stilisierte Figuren vor einer riesigen Blüte, die Unterschiede in Form und Kleidung verdeutlicht.
Leonor Fini, La Leçon Botanique / The Botany Lesson, 1974, Öl auf Leinwand, 120 x 120 cm
Privatsammlung © VG Bild-Kunst, Bonn 2026, courtesy Weinstein Gallery
Zwei stilisierte Personen sitzen sich gegenüber, umgeben von Flaschen und einem Glas, im Hintergrund sanfte, verschwommene Gestalten.
Leonor Fini, Train de nuit, 1969, Öl auf Leinwand, 73 x 116 cm
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026, Estate Leonor Fini, Paris, Foto: Claire Dorn

Maskerade jenseits der Malerei

Leonor Finis Faszination für Maskerade und Grenzüberschreitung führte sie über die Malerei hinaus zu Theater, Oper, Ballett und Film. Bereits in den 1950er-Jahren und verstärkt in den 1960er-Jahren entwarf sie regelmäßig Masken, Kostüme und Bühnenbilder für verschiedenste Produktionen vorwiegend an Pariser Bühnen, aber auch in Venedig, Rom und Mailand. Zu sehen sind zeichnerische Kostümentwürfe sowie eine Auswahl der aufwendig gestalteten Kostüme für Richard Wagners Oper „Tannhäuser“, die 1963 für das Théâtre National de l’Opéra in Paris entstanden.

Das Interesse für die Bühne, für die Ambivalenz der Gefühle und das psychologisch Abgründige spiegelt sich auch in zahlreichen Referenzen auf literarische und filmische Werke. „Outre Songe“ (Jenseits des Traums, 1978) erinnert an eine Szene aus dem Stummfilm „Gier“ (1924) von Erich von Stroheim. Die Serie der „Aurélia“ bezieht sich auf die Erzählung einer fatalen Liebe des romantischen französischen Dichters Gérard de Nerval (1808–1855) und zeigt geschlechterfluide, nah herangerückte Gesichter, bewegt von starken Emotionen.

Maskerade nutzte Fini zugleich in ihren einzigartigen Selbstinszenierungen, in denen sie künstlerisches Schaffen und eigene Identität verschmelzen ließ. Sowohl im privaten Kreis als auch bei zahlreichen öffentlichen Auftritten erschien sie in eindrucksvollen Kostümierungen mit kostbaren Materialien, leuchtenden Farben, floralen oder ornamentalen Motiven. Die Ausstellung präsentiert verschiedene Masken, darunter „Masque surréaliste“ (Surrealistische Maske, 1958), „Masque de chat brodé“ (Bestickte Katzenmaske, um 1960) und das Hörnerdiadem „Sujet en or“ (Objekt in Gold, 1973). Fini verwandelte sich in die imaginierten Figuren, Tiere und Mischwesen ihrer Gemälde, verkörperte eine Sphinx mit Löwen- oder Katzenmaske, trug Eulen- und Federkostüme, trat als gehörnte Göttin oder schwarzer Engel auf. In diesem schöpferischen performativen Akt demonstrierte sie ihre künstlerische Kraft und lotete die Potenziale ihrer Identität als Künstlerin und Frau immer wieder neu und selbstbewusst aus.

Person im aufwendigen Kostüm mit Federn und Perlen, posiert ausdrucksstark vor verschwommener Landschaft.
Leonor Fini im Kloster von Nonza, Korsika, 1967
Foto: Eddy Brofferio © Eddy Brofferio Archive