DĂŒster ist der Treppenaufgang hinter der TĂŒr, deren Aufschrift den âAusgang aus der RealitĂ€tâ verheiĂt. Hinter dieser TĂŒr beginnt die SCHIRN-Ausstellung âSurreale Dingeâ. Das TreppengelĂ€nder ist mit Tierfellen der KĂŒnstlergruppe et al.* ummantelt und an diesem Abend empfĂ€ngt einen am Treppenabsatz Valery Tscheplanowa, Filmschauspielerin und Ensemblemitglied des Schauspiel Frankfurt. Sie lĂ€chelt freundlich mit rotgeschminkten Lippen und nimmt dann neben ihrem Ensemblekollegen Marc Oliver Schulze auf einem kleinen Podest Platz.
Blutrot sind die samtenen Tapeten im Ausstellungsraum, wo das Publikum die Stuhlreihen zur surrealen Lesung fĂŒllt. Kuratorin Ingrid Pfeiffer spricht zur BegrĂŒĂung und stellt die Schauspieler vor, die an diesem Abend Texte aus dem begleitend zur Ausstellung erschienenen ErzĂ€hlband âDas RĂ€tsel eines Tagesâ lesen werden. Dass Tscheplanowa und Schulze derzeit in den Hauptrollen von âMaria Stuartâ in der Inszenierung Michael Thalheimers zu sehen sind, ergĂ€nzt jemand aus dem Publikum. Es sind eindeutig Fans anwesend.
Lebendig und mitreiĂend liest Marc Oliver Schulze, der eine schwarze Hornbrille trĂ€gt, den ersten Text vor: âAlles ist besser als Detlevâ von Thommie Bayer, in dem die Reise eines sĂŒddeutschen Provinzlers in das wilde Berlin kurz vor der Wende erzĂ€hlt wird. Das Publikum lacht ĂŒber den âMessingaschenbecher in Form einer Stubenfliegeâ, den der Protagonist auf einem Flohmarkt erwirbt. Noch mehr lacht es ĂŒber Marc Oliver Schulzes Improvisationstalent, als er das Klingeln eines Handys im Raum spontan in den Text einbaut.
Valery Tscheplanowa trĂ€gt die beiden Geschichten vom Odradek vor. ZunĂ€chst Paul Brodowskys âIm Treppenhausâ, dann Franz Kafkas Ur-Fassung âDie Sorge des Hausvatersâ. Dass die Schauspielerin, die frĂŒher am Deutschen Theater Berlin engagiert war, auch hĂ€ufig Hörspielaufnahmen macht, wundert nicht: Ihre tiefe, leicht rauhe Stimme unterstreicht gekonnt die beiden absurden ErzĂ€hlungen.
Mit Joachim Zelters Romanausschnitt âDie schwierigste Sprache der Weltâ gelingt es Marc Oliver Schulze den Höhepunkt des Abends zu setzen und das gesamte Publikum zum Lachen zu bringen. Pointiert gibt er die wunderbar satirische Beschreibung Zelters von âModlawâ, der âmost difficult language in the worldâ wieder, die mehr einem akustischen Unfall gleicht als einer Sprache. TatsĂ€chlich handelt es sich um ein Sprachexperiment eines UniversitĂ€tsprofessors in Yale. Wer mehr darĂŒber erfahren will, der sollte in âDas RĂ€tsel eines Tages und andere surreale Geschichtenâ (Hatje Cantz Verlag, ⏠9,80, ISBN 978-3-7757-2801-0) hineinblĂ€ttern.