Die Schulzeit ist fĂŒr mehr oder minder jeden eine prĂ€gende Zeit sondergleichen. WĂ€hrend die einen im spĂ€teren Leben ihre Klassenkameraden, die freie Zeit, Freiheit von Verantwortung oder den sich stetig wiederholenden Schulalltag vermissen, sind andere froh, das soziale Zwangskabinett Schulklasse, das dem Einzelnen schon mal die Kindheit und Jugend vermiesen kann, hinter sich gelassen zu haben.
Wieder andere nun kehren der Schule nie so recht den RĂŒcken, sondern wechseln lediglich die Seiten und stehen fortan hinter dem Lehrerpult. Dabei bleibt die Schule fĂŒr die Lehrkraft in aller Regel lediglich Arbeitsplatz und nicht Lebensumfeld per se. Mit einer Ausnahme: dem Internatslehrer, der sein persönliches Leben quasi der beruflichen Aufgabe unterwirft und so auf dem InternatsgelĂ€nde das Experiment, Beruf und Privatleben zu einer Einheit zu verschmelzen, fortan rund um die Uhr zu leben hat.
Gehalt in Sachleistungen
âDrive with careâ (2014) der finnisch-stĂ€mmigen KĂŒnstlerin Pilvi Takala (*1981) verschafft dem Zuschauer Einsicht, wie dies im Einzelnen aussehen kann: Die ErzĂ€hlerin berichtet aus dem Off von ihrem Leben als Lehrerin an einer amerikanischen boarding school. Man erfĂ€hrt, dass ein GroĂteil ihres Gehalts in Sachleistungen gezahlt wird. Weder Miete oder Strom noch Internet mĂŒssen gezahlt werden, auch anfallende Reparaturen im Haus ĂŒbernimmt der campuseigene Hausmeister. Das komplette Leben spielt sich auf dem GelĂ€nde der Schule ab: Den eigenen Nachwuchs bringt man in den Campus-Kindergarten, eingekauft wird im ansĂ€ssigen Shop, und zu Mittag wird in der Mensa gespeist.
Doch mit dem Unterrichten der Kinder ist fĂŒr die Lehrbeauftragten noch lange nicht Schluss: So ist jeder Lehrer fĂŒr eine bestimmte Anzahl von Kindern als âAdvisorâ, eine Art Elternersatz, tĂ€tig. Der Advisor hilft beispielsweise bei der Vorbereitung auf die FĂŒhrerscheinprĂŒfung, begrĂ€bt das tote Haustier und tröstet ĂŒber dessen Verlust hinweg oder fĂ€hrt die SchĂŒler auch mal zu einer Fastfood-Kette, wenn sie keine Lust auf das Mensa-Essen haben â anschlieĂender Kino-Besuch inklusive.
Die Performance des Lehrkörpers
Je lĂ€nger die namenlose ErzĂ€hlerin in âDrive with careâ aus ihrem Alltag berichtet, je klarer wird der subtile Druck. Ein klassischer Feierabend existiert nicht, rund um die Uhr muss sie den Kinder zur VerfĂŒgung stehen, was schlieĂlich dazu fĂŒhrt, dass sie sich in ihrer Wohnung kaum noch bewegt â aus Angst, es könne jederzeit jemand um Hilfe bitten, beispielsweise um sein Popcorn in ihrer Mikrowelle zubereiten zu dĂŒrfen. Die ErzĂ€hlerin bemerkt lakonisch, dass sie sich fĂŒr das nĂ€chste Semester vielleicht eher an einem Jungen-Internat bewerben werde, in der Hoffnung, dass diese nicht rund um die Uhr in allen Angelegenheiten emotionale UnterstĂŒtzung benötigen. Auch der Arbeitgeber hat Anforderungen an das Berufs- und Privatleben der Lehrerin: Beruflich wird ihre âperformanceâ permanent bewertet, privat muss sie verheimlichen, dass sie mit ihrem Freund zusammenlebt, da das Paar nicht verheiratet ist.
âDrive with careâ beruht auf Erfahrungen, die Takala selbst als Lehrerin an einer Privatschule gemacht hat. Der Film beschreibt den sozialen Lebensraum, den das Biotop Internatsschule darstellt, und erzĂ€hlt vom psychischen Druck, der sowohl durch die Kinder als auch die Administration aufgebaut wird. Ein Entkommen ist allenfalls durch Verstecken möglich.
7000 Pfund-HĂŒpfburg
Takala setzte sich auch in vergangen Arbeiten mit den Strukturen, Regeln und Anforderungen von sozialen Communities auseinander: In âPlayersâ (2010) portraitierte sie sechs in Bangkok lebende Poker-Spieler und verschaffte sich Einblick in deren subkulturellen Lebensraum, im Rahmen des Projekts âThe Committeeâ ĂŒbergab sie acht- bis zwölfjĂ€hrigen Kindern einen GroĂteil ihres zuvor gewonnenen KĂŒnstlerpreisgeldes und beobachtete dabei, wie die Kinder komplett eigenstĂ€ndig ein kommunales Projekt realisierten â die Kinder entschieden sich, von den rund 7000 Pfund eine fĂŒnfstöckige HĂŒpfburg zu bauen.
Mit Anna Odells SpielfilmregiedebĂŒt âĂ tertrĂ€ffenâ (The Reunion) aus dem Jahr 2013 bleiben wir im sozialen Schlachtfeld Schule, allerdings auf der Seite der SchĂŒler. In Zeiten des Internets, in dem ehemalige MitschĂŒler leichter als frĂŒher beinahe ĂŒberall auf der Welt ausfindig zu machen sind, sind Ehemaligen-Treffen gang und gĂ€be. Die Regisseurin Anna Odell, die zu ihrer Schulzeit zu den gemiedenen AuĂenseitern gehörte, wurde zu ihrem Klassentreffen jedoch nicht eingeladen, was sie dazu veranlasste, eine filmische Was-wĂ€re-wenn-Version des Treffens umzusetzen.
Drangsalierung durch MitschĂŒler
Der 90-minĂŒtige Film macht sehr schnell klar, in welcher Welt wir uns befinden: Es ist die Welt des Dogma-Films, und so erinnert die erste HĂ€lfte des Films stark an Thomas Vinterbergs Meisterwerk âFestenâ aus dem Jahre 1998. Anna Odell, die sich im Film selbst spielt, taucht etwas zu spĂ€t auf dem Klassentreffen auf und beginnt damit, die feierliche Stimmung zu torpedieren. In Ansprachen beklagt sie ihr damaliges Leid und die Drangsalierung durch andere MitschĂŒler, mit dem vorhersehbaren Ergebnis â die Lage eskaliert. Nach zirka 40 Minuten jedoch der Coup: Der Zuschauer hat bloĂ einen Film im Film gesehen, genau jenen nĂ€mlich, den die nun deutlich zurĂŒckgenommener agierende Odell im Folgenden ihren alten Klassenkameraden zeigen möchte, um mit ihnen ĂŒber die damalige Zeit zu sprechen.
WĂ€hrend sich der zweite Teil einen dokumentarischen Anstrich gibt, ist auch dieser tatsĂ€chlich von Schauspielern umgesetzt. Die Regisseurin lĂ€sst den Zuschauer im Unklaren, ob die Treffen mit den alten Klassenkameraden lediglich fiktiv sind oder ob sie eine Art Reenactment von reellen Begegnungen darstellen. Odell arbeitet sich auf narzisstische Weise an den DĂ€monen der Vergangenheit ab, wie schon zuvor in ihrem Kunstfilm âOkĂ€nd, kvinna 2009-349701â (Unknown, woman 2009-349701), in dessen Rahmen sie öffentlichkeitswirksam ihren Selbstmordversuch auf einer Stockholmer BrĂŒcke nachstellte, um im Folgenden von der Polizei in die Psychiatrie gebracht zu werden.
Anna Odell wie auch Pilvi Takala zeichnen ein Bild des sozialen Bezugsraums Schule, indem sie den Einzelnen die Grenzen des Machbaren innerhalb der unausgesprochenen ZwĂ€nge und Normen jenes ausloten lassen. Interessant sind hierbei gerade die spezifisch gewĂ€hlten SozialrĂ€ume, namentlich der Umgang mit AuĂenseitern im sozialdemokratisch vorbildlichen Schweden wie in Odells âĂ tertrĂ€ffenâ oder aber die Auswirkungen einer engagierten PĂ€dagogik wie in âDrive with careâ, der sicherlich den SchĂŒlern gefĂ€llt, das Leben der Lehrer aber beinahe zurĂŒck in feudale Strukturen zurĂŒckwirft: in die der Leibeigenschaft.
à tertrÀffen, Image via filmaffinity.com