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Repeatable icons

23.03.2012

4 min Lesezeit

Edvard Munch
Repeatable icons - ein Artikel im SCHIRN Magazin der Kunsthalle Frankfurt.

Ein Sommertag in ÅsgĂ„rdstrand. Weiße HĂ€userfassaden stahlen an der KĂŒste, ein riesiger Laubbaum spiegelt sich dunkel auf der glatten WasseroberflĂ€che. Auf einer BrĂŒcke stehen drei MĂ€dchen. Ihre bodenlangen Kleider strahlen in der Sonne – weiß, orange, weiß. Sie schauen auf das Meer, die Ellenbogen auf das BrĂŒckengelĂ€nder gestĂŒtzt. Ein zweiter Blick: Es ist dunkler. Der Himmel ist in tiefes Blau gehĂŒllt. Nicht drei, sondern sechs MĂ€dchen stehen plötzlich auf der BrĂŒcke.

In der Ausstellung „Edvard Munch. Der Moderne Blick“ befinden sich zwei GemĂ€lde mit dem Titel „MĂ€dchen auf der BrĂŒcke“. Es sind aber keine aufeinanderfolgenden Momentaufnahmen, das enthĂŒllt schon die Datierung: ĂŒber zwanzig Jahre liegen zwischen den beiden Bildern. Die BrĂŒcke des norwegischen Badeortes diente dem KĂŒnstler als Kulisse fĂŒr zahlreiche Szenen, er malte nicht weniger als sieben Versionen von „MĂ€dchen auf der BrĂŒcke“, fĂŒnf von „Frauen an der BrĂŒcke“.

Doch wie lĂ€sst sich die Wiederholung eines immer gleichen Motivs verstehen? Dient es der Überarbeitung, der Verbesserung? Eine Ausflug in die Musik könnte weiter helfen: FĂŒhrt ein Musiker ein Thema durch vielfĂ€ltige melodische, harmonische und rhythmische Abwandlungen, dann spricht man von Variation.

Die eigene Wirklichkeit prĂŒfen

Am Anfang aller Bilder steht die Erinnerung – ein inneres Stimmungsbild, das sich in bewegenden Augenblicken in das GedĂ€chtnis des KĂŒnstlers eingebrannt hat. Im RĂŒckbesinnen kann er das Erlebte wiedererwecken. Siegmund Freud nannte es „Erinnern, Wiederholen, Durcharbeiten“. Durch jedes Bild wird die eigene Wahrnehmung immer wieder auf die Probe gestellt. Dieser lange Kampf um ein Motiv ist fĂŒr Munch oft schmerzhaft. Er beschreibt seine Arbeit an „Das kranke Kind“ als leidvolles Wiedererinnern an den Tod seiner Schwester – bis zum letzten Schmerzensschrei. Damit arbeitet er innere Konflikte und verdrĂ€ngte Emotionen ab.

VorwÀrtserinnern

Munch betreibt Erinnerungsarbeit ohne sentimental zu sein. Der dÀnische Philosoph SÞren Kierkegaard beschrieb bereits 1843, dass die Wiederholung eben kein Blick nach hinten, sondern vielmehr als eine Bewegung nach vorne zu verstehen sei.

Fast einhundert Jahre nach Kierkegaard ist fĂŒr Walter Benjamin diese Zeitlichkeit sogar ein SchlĂŒsselelement zur OriginalitĂ€t eines Kunstwerks. Sein Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ist auch heute noch elementar in Bezug auf Wiederholung und Kopie in der Kunst. Benjamin betont, dass ein Zeichen nur durch die Verankerung im Hier und Jetzt Echtheit erhalten kann. Munch, der seine Bilder geradezu updated erweist sich so als Pionier in diesem Diskurs.

Den Bildern wie ein Vater

Munch stellte zahlreiche fotografische Reproduktionen seiner Arbeiten her. Gleichsam erklĂ€rte er sich „ganz und gar gegen das, was man eine Bilderfabrik nennt“. Ein vermeintlicher Widerspruch, der sich leicht auflösen lĂ€sst – mit nur einem Blick auf den Kollodiumsilberabzug „MĂ€dchen auf der BrĂŒcke im Hof des Hauses Pilestredet 30 B, Kristiania“ aus dem Jahr 1902. Das Bild steht schief auf einem Holzkarren und ist schlecht ausgeleuchtet vor dem unruhigen Hintergrund des Innenhofes. Auf anderen Fotos inszeniert er sich selbst, gemeinsam mit den GemĂ€lden. Seine Absicht war nicht etwa eine fotografische Kopie, sondern ein Portrait des GemĂ€ldes.

Nachdem die erste Version von „PubertĂ€t“ 1886 verbrannte und die frĂŒheste Fassung von „Zwei Menschen. Die Einsamen“ 1882 einer Schiffsexplosion zum Opfer fiel, begann Munch die Wiederanfertigung dieser Bilder fĂŒr seine Ausstellungen. Besonders die Motive des „Lebensfrieses“, seiner wichtigsten Themen Liebe, Angst und Tod, sollten gemeinsam erhalten und ausgestellt werden. Bei wichtigen VerkĂ€ufen verlangte Munch sogar, das GemĂ€lde vor Übergabe zu Kopiezwecken noch einmal ins Atelier nehmen zu dĂŒrfen. Er hatte eine enge Bindung zu seinen Bildern und scharte sie wie seine Kinder um sich.

Ein gutes Bild verschwindet nie

Eine Ansichtskarte fĂŒhrt uns zurĂŒck nach ÅsgĂ„rdstrand. Sie zeigt StrandhĂ€user, einen riesigen Laubbaum, einen langen Steg, der sich in die Ferne verjĂŒngt und zwei kleine Figuren, die sich auf ihm entfernen. Der Aufbau deckt sich mit Munchs Bildausschnitten der BrĂŒcke. Die Karte wurde verkauft, als Munchs GemĂ€lde bereits auf der ganzen Welt bekannt waren.

Munch hat das Motiv durch sein Selbstzitat stetig aus dem Bildkontext gelöst und eigenstĂ€ndig gemacht. Das Ergebnis ist eine Sammlung von „repeatable icons“, wiederholbaren Zeichen. Es wundert nicht, dass in der Folge zahlreiche KĂŒnstler wie Andy Warhol oder ErrĂł aus diesem Zitatenschatz schöpfen. Aber auch fernab von kĂŒnstlerischer Auseinandersetzung zeigt die ÅsgĂ„rdstrand-Postkarte, dass Munchs Motive lĂ€ngst in die Volkskultur eingegangen sind.