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Die Stolpersteine unserer Sprache

22.02.2017

6 min Lesezeit

Autor*in:
Julia Schmitz
Zu sehen ist der Oberkörper von Julia Schmitz. Sie lÀchelt in die Kamera, trÀgt eine braune Brille und einen blauen Cardigan.
Kann man GegenstĂ€nden einfach neue Namen zuweisen? In seinen Wort-Bildern bediente sich Magritte der sprachwissenschaftlichen Theorien Ferdinand de Saussures – und hinterfragte das komplexe System der Sprache.

„Le Ciel“ - Der Himmel – steht in geschwungener Schrift auf schwarzem Grund. Über den Worten ist zu sehen: Eine braune Reisetasche. An den unteren Bildrand hat der KĂŒnstler das grĂŒne Blatt eines Baumes gemalt, untertitelt mit „la table“, der Tisch. Was ist hier schief gelaufen?

Hat Magritte wĂ€hrend des Malens von „L’interprĂ©tation des rĂȘves“ (Die Traumdeutung) versehentlich die Begriffe vertauscht? Als Betrachter des GemĂ€ldes bemerkt man einen sofortigen Widerstand, der Gedanke „Aber das ist doch eine Tasche und kein Himmel!“ wird laut, bevor sich leise Verwirrung breit macht. Und Magritte hat schon sein Ziel erreicht.

Er verbannt jegliche Logik

„Kein Objekt ist so fest mit seinem Namen verbunden, dass man ihm nicht einen anderen geben könnte, der besser zu ihm passt“, schreibt Magritte 1929 fĂŒr die hauseigene Publikation der Surrealisten „La RĂ©volution surrĂ©aliste“ in einer Art Definitionskatalog namens „Les mots et les images“ (Die Wörter und die Bilder) - und liefert damit gleich eine ErklĂ€rung fĂŒr seine rĂ€tselhaften Bilder, in denen GegenstĂ€nde und deren Bezeichnungen auf verwirrende Art und Weise nicht zueinander passen.

René Magritte, Le palais de rideaux III, 1928/29, The Sidney and Harriet Janis Collection Digital image, The Museum of Modern Art, New York/Scala, Florence © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Er tritt damit in die Fußstapfen der KĂŒnstler aus dem Kreis um AndrĂ© Breton, die jegliche Logik aus den surrealistischen Gedichten und Malereien verbannt hatten: In ihrer Kunst sollten Wörter niemals das bedeuten, was sie normalerweise bedeuteten. Denn die Verbindung zwischen einem Gegenstand und seiner Bezeichnung ist absolut willkĂŒrlich und beide sind nicht voneinander abhĂ€ngig: Wer einen Stuhl sieht, denkt „Stuhl“, wer das Wort „Stuhl“ hört, sieht vor dem inneren Auge das Bildnis eines Stuhls.

Ein Baum heiße nur durch Zufall Baum

Der Name eines Gegenstandes macht die Darstellung desselben ĂŒberflĂŒssig, weiß Magritte – und malt einen eckigen Kasten, in dessen Mitte das Wort „Ciel“ zu lesen ist, ohne dass irgendwo ein Himmel zu sehen ist. In einem Vortrag ĂŒber seine „Wort-Bilder“, den er 1937 in London hĂ€lt, bringt er den Beweis fĂŒr seine These, indem er in einem Text von AndrĂ© Breton das geschriebene Wort „Sonne“ durch die Zeichnung einer Sonne ersetzt – und es trotzdem von allen verstanden wird.

RenĂ© Magritte, La lecture dĂ©fendue, 1936, Royal Museums of Fine Arts of Belgium, Brussels, Photo: J. Geleyns - Ro scan / Charly Herscovici, with his kind authorization – c/o SABAM-ADAGP, 2016 © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Es ist höchst wahrscheinlich, dass der KĂŒnstler wĂ€hrend der Entstehung der „Wort-Bilder“ bestens mit den Theorien der Sprachwissenschaft von Ferdinand de Saussure vertraut war, die nach dessen Tod 1916 von ein paar seiner engagierten Studenten veröffentlicht worden waren. „Das Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknĂŒpft, ist beliebig“, war schon Saussure ĂŒberzeugt. Ein Baum heiße nur durch Zufall Baum und könne genauso gut anders genannt werden.

Sprache ist ein fließender Prozess

Ein Blick auf die unterschiedlichen Bezeichnungen in anderen Sprachen bestĂ€tigt dies, hier heißt das Bezeichnete „Tree“, „Arbre“ oder „Árbol“ und könnte genauso gut „Larn“ oder „WĂ€lk“ lauten. Und doch haben wir als Individuum nicht die Möglichkeit, Sprache bewusst zu verĂ€ndern, uns heute dafĂŒr zu entscheiden, dass ein Baum ab morgen anders heißt. Sprache ist zwar ein stĂ€ndig fließender Prozess – doch dieser verlĂ€uft unbewusst und ist erst dann nachvollziehbar, wenn sich die VerĂ€nderung schon vollzogen hat.

The Swiss linguist Ferdinand de Saussure (1857–1913), photo by "F. Jullien Genùve", maybe Frank-Henri Jullien (1882–1938) (Indogermanisches Jahrbuch) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons

Magritte spielt in seinen Bildern mit der willkĂŒrlichen Verbindung von Gegenstand und Bezeichnung, um den Betrachter zum Nachdenken anzuregen und nicht nur alltĂ€gliche GegenstĂ€nde und ihre Namen, sondern auch die automatischen Mechanismen des Denkens zu hinterfragen. Passt der Begriff ĂŒberhaupt zu diesem Gegenstand? Bekommt der Begriff „Schrank“ nicht etwas seltsam fremdartiges, wenn man ihn mehrere Male vor sich hinmurmelt? Und handelt es sich nicht sowieso bei allen Bezeichnungen nur um eine Vorstellung des Bezeichneten?

Kann man Magrittes Pfeife stopfen?

„Ceci n’est pas une pipe“, eines der bekanntesten Wort-Bilder Magrittes, lĂ€sst den Betrachter genau mit dieser These auflaufen. „NatĂŒrlich ist das eine Pfeife, was denn sonst?“, denkt man, Pfeifen hat man schon oft gesehen und die meisten Ă€hnelten der gemalten bis ins Detail. Und genau da liegt die Lösung: Es ist eben nur eine gemalte Pfeife, keine echte, die sich anfassen ließe. „Ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berĂŒhren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? NatĂŒrlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. HĂ€tte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hĂ€tte ich gelogen. Das Abbild einer Marmeladenschnitte ist ganz gewiss nichts Essbares“, sagt Magritte.

Ein Bild ist nicht zu verwech­seln mit einer Sache, die man berĂŒh­ren kann [...]

René Magritte
René Magritte, This is not a pipe, 1935, Private collection © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Indem Magritte einen alltĂ€glichen Gegenstand, auf dessen Bezeichnung wir ohne großes Nachdenken zurĂŒckgreifen können, von dieser Bezeichnung löst und ihm eine andere verpasst, regt er zum Nachdenken an: Warum heißt ein Schuh eigentlich Schuh und nicht Lampe? Warum denken wir bei der Buchstabenfolge „Baum“ alle ungefĂ€hr an das gleiche Objekt und nicht jeder an etwas komplett Unterschiedliches? Und wieso stiftet eine simple Feststellung – dies ist keine Pfeife – so viel Verwirrung?

HintertĂŒrchen und Stolpersteine

Magritte wollte die Seh- und Sprechgewohnheiten im Betrachter seiner Bilder ad absurdum fĂŒhren – doch er tat dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem verschmitzten LĂ€cheln. Dem KĂŒnstler saß der sprichwörtliche Schalk im Nacken und die unbĂ€ndige Lust am Spiel mit Wörtern inspirierte ihn; eine Leidenschaft, die noch aus seiner dadaistischen Phase stammt, wo die Dekonstruktion der normierten Sprache im Vordergrund stand. Unsere Sprache ist ein fein verĂ€steltes System mit vielen HintertĂŒrchen und Stolpersteinen und wir sollten sie nicht fĂŒr selbstverstĂ€ndlich nehmen. Magritte wusste das.

RenĂ© Magritte, L’Art de la conversation, 1950, Oil on canvas, New Orleans Museum of Art, Gift of William H. Alexander, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017