âLe Cielâ - Der Himmel â steht in geschwungener Schrift auf schwarzem Grund. Ăber den Worten ist zu sehen: Eine braune Reisetasche. An den unteren Bildrand hat der KĂŒnstler das grĂŒne Blatt eines Baumes gemalt, untertitelt mit âla tableâ, der Tisch. Was ist hier schief gelaufen?
Hat Magritte wĂ€hrend des Malens von âLâinterprĂ©tation des rĂȘvesâ (Die Traumdeutung) versehentlich die Begriffe vertauscht? Als Betrachter des GemĂ€ldes bemerkt man einen sofortigen Widerstand, der Gedanke âAber das ist doch eine Tasche und kein Himmel!â wird laut, bevor sich leise Verwirrung breit macht. Und Magritte hat schon sein Ziel erreicht.
Er verbannt jegliche Logik
âKein Objekt ist so fest mit seinem Namen verbunden, dass man ihm nicht einen anderen geben könnte, der besser zu ihm passtâ, schreibt Magritte 1929 fĂŒr die hauseigene Publikation der Surrealisten âLa RĂ©volution surrĂ©alisteâ in einer Art Definitionskatalog namens âLes mots et les imagesâ (Die Wörter und die Bilder) - und liefert damit gleich eine ErklĂ€rung fĂŒr seine rĂ€tselhaften Bilder, in denen GegenstĂ€nde und deren Bezeichnungen auf verwirrende Art und Weise nicht zueinander passen.
Er tritt damit in die FuĂstapfen der KĂŒnstler aus dem Kreis um AndrĂ© Breton, die jegliche Logik aus den surrealistischen Gedichten und Malereien verbannt hatten: In ihrer Kunst sollten Wörter niemals das bedeuten, was sie normalerweise bedeuteten. Denn die Verbindung zwischen einem Gegenstand und seiner Bezeichnung ist absolut willkĂŒrlich und beide sind nicht voneinander abhĂ€ngig: Wer einen Stuhl sieht, denkt âStuhlâ, wer das Wort âStuhlâ hört, sieht vor dem inneren Auge das Bildnis eines Stuhls.
Ein Baum heiĂe nur durch Zufall Baum
Der Name eines Gegenstandes macht die Darstellung desselben ĂŒberflĂŒssig, weiĂ Magritte â und malt einen eckigen Kasten, in dessen Mitte das Wort âCielâ zu lesen ist, ohne dass irgendwo ein Himmel zu sehen ist. In einem Vortrag ĂŒber seine âWort-Bilderâ, den er 1937 in London hĂ€lt, bringt er den Beweis fĂŒr seine These, indem er in einem Text von AndrĂ© Breton das geschriebene Wort âSonneâ durch die Zeichnung einer Sonne ersetzt â und es trotzdem von allen verstanden wird.
Es ist höchst wahrscheinlich, dass der KĂŒnstler wĂ€hrend der Entstehung der âWort-Bilderâ bestens mit den Theorien der Sprachwissenschaft von Ferdinand de Saussure vertraut war, die nach dessen Tod 1916 von ein paar seiner engagierten Studenten veröffentlicht worden waren. âDas Band, welches das Bezeichnete mit der Bezeichnung verknĂŒpft, ist beliebigâ, war schon Saussure ĂŒberzeugt. Ein Baum heiĂe nur durch Zufall Baum und könne genauso gut anders genannt werden.
Sprache ist ein flieĂender Prozess
Ein Blick auf die unterschiedlichen Bezeichnungen in anderen Sprachen bestĂ€tigt dies, hier heiĂt das Bezeichnete âTreeâ, âArbreâ oder âĂrbolâ und könnte genauso gut âLarnâ oder âWĂ€lkâ lauten. Und doch haben wir als Individuum nicht die Möglichkeit, Sprache bewusst zu verĂ€ndern, uns heute dafĂŒr zu entscheiden, dass ein Baum ab morgen anders heiĂt. Sprache ist zwar ein stĂ€ndig flieĂender Prozess â doch dieser verlĂ€uft unbewusst und ist erst dann nachvollziehbar, wenn sich die VerĂ€nderung schon vollzogen hat.
The Swiss linguist Ferdinand de Saussure (1857â1913), photo by "F. Jullien GenĂšve", maybe Frank-Henri Jullien (1882â1938) (Indogermanisches Jahrbuch) [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons
Magritte spielt in seinen Bildern mit der willkĂŒrlichen Verbindung von Gegenstand und Bezeichnung, um den Betrachter zum Nachdenken anzuregen und nicht nur alltĂ€gliche GegenstĂ€nde und ihre Namen, sondern auch die automatischen Mechanismen des Denkens zu hinterfragen. Passt der Begriff ĂŒberhaupt zu diesem Gegenstand? Bekommt der Begriff âSchrankâ nicht etwas seltsam fremdartiges, wenn man ihn mehrere Male vor sich hinmurmelt? Und handelt es sich nicht sowieso bei allen Bezeichnungen nur um eine Vorstellung des Bezeichneten?
Kann man Magrittes Pfeife stopfen?
âCeci nâest pas une pipeâ, eines der bekanntesten Wort-Bilder Magrittes, lĂ€sst den Betrachter genau mit dieser These auflaufen. âNatĂŒrlich ist das eine Pfeife, was denn sonst?â, denkt man, Pfeifen hat man schon oft gesehen und die meisten Ă€hnelten der gemalten bis ins Detail. Und genau da liegt die Lösung: Es ist eben nur eine gemalte Pfeife, keine echte, die sich anfassen lieĂe. âEin Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berĂŒhren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? NatĂŒrlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. HĂ€tte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hĂ€tte ich gelogen. Das Abbild einer Marmeladenschnitte ist ganz gewiss nichts Essbaresâ, sagt Magritte.
Ein Bild ist nicht zu verwechÂseln mit einer Sache, die man berĂŒhÂren kann [...]
Indem Magritte einen alltĂ€glichen Gegenstand, auf dessen Bezeichnung wir ohne groĂes Nachdenken zurĂŒckgreifen können, von dieser Bezeichnung löst und ihm eine andere verpasst, regt er zum Nachdenken an: Warum heiĂt ein Schuh eigentlich Schuh und nicht Lampe? Warum denken wir bei der Buchstabenfolge âBaumâ alle ungefĂ€hr an das gleiche Objekt und nicht jeder an etwas komplett Unterschiedliches? Und wieso stiftet eine simple Feststellung â dies ist keine Pfeife â so viel Verwirrung?
HintertĂŒrchen und Stolpersteine
Magritte wollte die Seh- und Sprechgewohnheiten im Betrachter seiner Bilder ad absurdum fĂŒhren â doch er tat dies nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit einem verschmitzten LĂ€cheln. Dem KĂŒnstler saĂ der sprichwörtliche Schalk im Nacken und die unbĂ€ndige Lust am Spiel mit Wörtern inspirierte ihn; eine Leidenschaft, die noch aus seiner dadaistischen Phase stammt, wo die Dekonstruktion der normierten Sprache im Vordergrund stand. Unsere Sprache ist ein fein verĂ€steltes System mit vielen HintertĂŒrchen und Stolpersteinen und wir sollten sie nicht fĂŒr selbstverstĂ€ndlich nehmen. Magritte wusste das.
