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No Photos on the Dancefloor!

18.09.2019

4 min Lesezeit

Autor*in:
Julia Schmitz
Zu sehen ist der Oberkörper von Julia Schmitz. Sie lÀchelt in die Kamera, trÀgt eine braune Brille und einen blauen Cardigan.
Mit dem Mauerfall explodierte die Berliner Clubszene. Doch nur wer zum inneren Kreis gehörte, durfte Fotos machen. C/O Berlin gibt nun Einblick in die letzten 30 Jahre des berĂŒchtigten Nachtlebens.

Bar 25, Farbfernseher, Kater Holzig, Horst Kreuzberg, Rosi‘s, Stadtbad Wedding: Die Liste der Berliner Clubs, die in den letzten Jahren schließen oder auf einen anderen Ort ausweichen mussten, ist lang – selbst in der Hauptstadt des Hedonismus werden die FreirĂ€ume immer weniger. Was im laufenden Betrieb nicht so sehr auffĂ€llt, denn weiterhin entstehen auch neue Projekte, kann im RĂŒckblick mitunter zu Melancholie fĂŒhren. Trotzdem geht es in der Ausstellung „No Photos on the Dancefloor! Berlin 1989 – Today“ nicht nur um ein nostalgisches „Ach, was war das frĂŒher schön“, sondern ebenso um den Blick auf die aktuelle Szene.

26 internationale KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstler wurden von den beiden Kuratoren Felix Hoffmann und Heiko Hoffmann ausgewĂ€hlt, teilweise sind diese seit drei Jahrzehnten eng mit der Technoszene der Stadt verbunden. Denn auch wenn Techno nicht in Berlin erfunden wurde: Hier habe es 1989 einen „Urknall“ gegeben, der der Musikszene den Weg bereitet habe, sind die Kuratoren ĂŒberzeugt.

Foto­gra­fie­ren und Filmen durfte nur, wer zum inne­ren Kreis dazu­ge­hörte

Mit dem Fall der Mauer stand plötzlich ein ganz neue Stadt als riesiger Spielplatz zur VerfĂŒgung, auf dem man sich nach Herzenslust austoben konnte: Alte IndustriegelĂ€nde, vermoderte Keller, verlassene Fleischereien, LadengeschĂ€fte oder TresorrĂ€ume, die meisten davon im ehemaligen Ost-Berlin, dienten in den kommenden Jahren als Orte fĂŒr Parties; sie zogen sich ĂŒber Tage und ließen die Grenzen zwischen Kunst und Musik, Wachzustand und Traum verschwimmen. Fotografieren und Filmen durfte nur, wer zum inneren Kreis dazugehörte – fĂŒr den Rest war das strikt verboten. Eine Regel, die auch heute noch in den meisten Clubs der Stadt streng durchgesetzt wird: Niemand soll sich beobachtet fĂŒhlen, im Vordergrund steht das selbstvergessene Versinken im Bass. Wer das Nachtleben dokumentieren will, braucht das Vertrauen der Tanzenden.

Marco, Insel der Jugend, 1991 © Tilman Brembs

„What happens in the club stays in the club!“ So zeigen die Dia-Aufnahmen von Tilman Brembs, der Anfang der 1990er Jahre im „Tresor“ arbeitete, verklĂ€rte Gesichter und zuckende Körper im Rave-Rausch; er habe viele Filme und mehrere Kameras in den durchtanzten NĂ€chten verloren, erzĂ€hlt er lachend und setzt hinzu: „Es war uns damals nicht bewusst, was das fĂŒr eine Zeit ist und, dass sie sich bald Ă€ndern wĂŒrde“. Seit ĂŒber zwanzig Jahren ist auch Sven Marquardt mittendrin in der Berliner Clubszene. Er ist nicht nur als berĂŒchtigter TĂŒrsteher des „Berghain“, sondern auch als Fotograf bekannt Seine schwarz-weißen PortrĂ€ts von Kolleginnen und Kollegen bringen zum Ausdruck, was die Berliner Technoszene ebenfalls ausmacht: Ein Sinn fĂŒr Ästhetik und Sex.

Auch im Kurzfilm „After Hours“ von Steffen Köhn & Phillip Kaminiak spielt das Berghain die Hauptrolle. Anstatt schwitzender Leiber bewegen sich hier aber scheue Tiere durch die monumentale Architektur des ehemaligen Heizkraftwerks an der Grenze zwischen Kreuzberg und Friedrichshain: Ein Dachs im Darkroom, ein Reh vor dem Zigarettenautomat, ein weißes Pferd hinter der Bar lassen in den RĂ€umen eine völlig andere AtmosphĂ€re entstehen.

Es war uns damals nicht bewusst, was das fĂŒr eine Zeit ist und, dass sie sich bald Ă€ndern wĂŒrde.

Tilman Brembs
o.T., 2015 © Sven Marquardt

Die Technoszene hat einen Großteil dazu beigetragen, dass Berlin heute das ist, was es ist, sind sich die Kuratoren sicher. Die Clubs sind zum Anziehungspunkt fĂŒr PartygĂ€nger aus aller Welt geworden, daran können auch die schwindenden Brachen und Industrieruinen nichts Ă€ndern. Die Clubkultur wird also weiterleben: „Ein alternativer Titel fĂŒr die Ausstellung wĂ€re ‚We haven‘t stopped dancing yet‘ gewesen“, erzĂ€hlt Heiko Hoffmann. Getanzt wird im Rahmen der Ausstellung auch an mehreren NĂ€chten im Museum. Fotografieren ist trotzdem weiterhin verboten.

DJ Keokie, Tresor 1991 © Tilman Brembs
Stadtbad Wedding, 2014 © Giovanna Silva