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Must-See: Highlights der Nippon Connection 2021

Es ist wieder soweit: Die Frankfurter Nippon Connection ist das weltweit grĂ¶ĂŸte Festival fĂŒr japanischen Film außerhalb des Landes. Wir haben vorab schon mal einen Blick auf das Programm geworfen.
Ainu Neno An Nainu (Laura Liverani, Neo Sora)

Die Ainu teilen das Schicksal vieler Indigener Bevölkerungsgruppen: Mit wachsenden ExpansionsansprĂŒchen der Herrschenden und mit zunehmender Verbreitung des Ackerbaus wuchsen die Begehrlichkeiten auf das von ihnen bewohnte Land im Norden Japans – etliche Zwangsmaßnahmen folgten. Nach vielen Jahrhunderten der sogenannten „Japanisierung“ war es ausgerechnet eine von der Regierung ausgelobte Tourismusförderung, die in den 1970er Jahren zu einer Reaktivierung der Ainu-Traditionen fĂŒhrte.

Was bleibt, wenn die Wurzeln gekappt sind – und das, was man gemeinhin als Kultur begreift, zur Touristenattraktion wird oder als fröhlicher Beitrag im Lokalfernsehen existiert? Gibt es ĂŒberhaupt Gemeinsamkeiten oder handelt es sich auch hier letztlich wieder um eine Zuschreibung von außen? Die Fragen, die sich aus ihrer persönlichen Lebenssituation ergeben, stellen und verhandeln die Protagonist*innen in „Ainu Neno An Nainu“ selbst. Die Antworten fallen dabei durchaus unterschiedlich aus. So finden beispielsweise immer wieder auch Menschen ohne Indigene Wurzeln in die Gemeinschaft der Ainu, die allen Widrigkeiten zum Trotz fĂŒr ihren Platz im Japan des 21. Jahrhunderts kĂ€mpft. 

LAURA LIVERANI, NEO SORA, AINU NENO AN NAINU (Filmstill), Image via www.tokyoartbeat.com

Project TANUKI (Yu Hsin Chiueh)

VollstĂ€ndige Integration oder gleich Assimilation, um nicht weiter aufzufallen? Abhilfe verschafft in Yu Hsins Chiuehs gut 40-minĂŒtigen Kurzfilm „Project TANUKI“ die titelgebende Droge, die der nach Tokyo ausgewanderten Vietnamesin Tanya nicht nur perfekte Sprachkenntnisse verschafft, sondern auch ihr Äußeres nebst Namen vollstĂ€ndig an das der japanischen Mehrheitsgesellschaft anpasst. Ohne Droge, das zeigen symptomatisch kurze RĂŒckblenden, lĂ€sst es sich dem Film nach vor Ort offenbar nur schwer leben: Eine Ă€ltere Dame lĂ€sst im Restaurant, in dem Tanya noch als „alte Tanya“ arbeitet, empört ihre Bestellung zurĂŒckgehen, da sie kein von „Fremden“ zubereitetes Essen will. Tanyas japanischer Lebensalltag gerĂ€t aus den Fugen, als sie sich mit einer Arbeitskollegin anfreundet, wĂ€hrend ihr Tanuki-Vorrat immer knapper wird. So gekonnt und pointiert wie Yu Hsin Chiueh in ihrer Groteske auf Fremdenfeindlichkeit und Rassismus innerhalb der japanischen Gesellschaft eingeht, wĂŒnscht man sich beinahe, sie hĂ€tte einen Langspielfilm aus dem Material gemacht.

YU HSIN CHIUEH, Project TANUKI (Filmstill), 2020
Red Post On Escher Street (Sion Sono)

Und jetzt Jede gegen Jede! Indie Film-Star Kobayashi sucht neue Besetzungen fĂŒr seine weiblichen Hauptrollen – und fast jede junge Frau, die in Sion Sonos „Red Post On Escher Street“ die Szenerie betritt, möchte unbedingt dabei sein. Also werden fleißig Bewerbungsbögen in einen der namengebenden, roten BriefkĂ€sten gesteckt. Mit seinem neuesten Film nimmt der japanische Tausendsassa, der schon in allen Genres Regie gefĂŒhrt hat, die oft aberwitzigen Casting-Elegien seiner Branche aufs Korn.

Dabei bringt er bringt wunderbare und manchmal wundersame, schĂŒchterne wie laute Frauen auf die Leinwand (die MĂ€nner spielen hier vornehmlich die Nebenrolle), fĂŒhrt in einer fulminanten Beinahe-Schlussszene alle zusammen und schreibt nebenbei vielleicht auch so etwas wie eine Parabel fĂŒr die Individualisierungsprozesse der japanischen Gesellschaft. Seinen Charakter als ein Film-ĂŒber-Film-Film, der gleichwohl so einiges ĂŒber das Leben zu erzĂ€hlen hat, bekrĂ€ftigt „Red Post On Escher Street“ erneut zum Schluss, wenn programmatisch die ultimative Losung ausgegeben wird, als ob immer noch ĂŒberall ganz selbstverstĂ€ndlich auf physischem Filmmaterial gedreht wĂŒrde: „Let’s keep rolling til‘ we reach the horizon!“

Sion Sono, Red Post on Escher Street, 2020, Image via psychocinematography.com

Sumodo ~The Successors of Samurai~ (Eiji Sakata)

Nur durch lange, zĂ€he Verhandlungen und das FĂŒrsprechen eines Sumƍ-Veteranen gelang dem japanischen Dokumentarfilmer Eiji Sakata das, was zuvor fast unvorstellbar schien: ein exklusiver Filmdreh innerhalb der Ryogoku Kokugikan Sumƍ-Arena. In „Sumodo ~The Successors of Samurai~“ zeigt Sakata dann auch ausgiebig und bombastisch in Szene gesetzt jene Sumƍ-KĂ€mpfe, die dort unter den Begeisterungsschreien der Zuschauer*innen ausgetragen werden. Im Laufe des Films legt Sakata den Fokus dann aber immer mehr auf die Rikishi, die KĂ€mpfer, selbst und lĂ€sst diese ausfĂŒhrlich aus ihrem (Trainings-)Alltag, von ihren persönlichen BeweggrĂŒnden und ihrer nicht selten langen Verletzungshistorie berichten. An den zwei Ausbildungsschmieden der japanischen Sumƍ-Liga Rikishi Goeido und Ryuden zeigt Sakata exemplarisch unterschiedliche Philosophien und MentalitĂ€ten auf und gewĂ€hrt so einen seltenen Einblick in das Leben jener Menschen, die die Jahrtausende alte Kampfkultur heute fĂŒr ein Massenpublikum vorfĂŒhren.

I quit, being ‘friends’ (Ayako Imamura)

Es ist nicht immer leicht, alle sozialen Normen und Codes einer Gesellschaft zu durchschauen und sich auch entsprechend zu verhalten. Personen innerhalb des autistischen Spektrums stellt diese Aufgabe vor handfeste, alltĂ€gliche Probleme. Wie man in Ayako Imamuras Dokumentarfilm „I quit, being ‚friends‘“ sehen kann, wohl umso mehr in einem Land wie Japan. Nach ihrem letzten Film wurde die Regisseurin, die von Geburt an gehörlos ist, von Ma-chan kontaktiert, die ihrerseits vom Asperger-Syndrom betroffen ist. Ma-chan hatte bereits an der UniversitĂ€t GebĂ€rdensprache erlernt und bedient sich dieser fast ausschließlich in ihrem Alltag, da sie hier nicht die etlichen in Japan geltenden Höflichkeitsformen und Etiketten kommunizieren muss, wie sie gleich zu Beginn erklĂ€rt.

Imamuras neuer Film nun ist eine persönliche Dokumentation der sich entwickelnden Freundschaft, insbesondere auch in Bezug auf die eigenen Kommunikationsprobleme der Filmemacherin. Immer wieder ist sie durch das Verhalten Ma-chans verstört, sieht sich aber ihrerseits außerstande, dies zu kommunizieren. So gibt „I quit, being ‚friends‘“ nicht allein Einblick in das Leben Ma-chans, mehr noch erzĂ€hlt der Film ĂŒber die sozialen Codes innerhalb der japanischen Gesellschaft, die einigen den Zugang am Alltagsleben zu verunmöglichen scheinen.

Ayako Imamu­ra, I quit, being ‚friends‘ (Filmstill), Image via vimeo.com

Extraneous Matter – Complete Edition (Kenichi Ugana)

Das Sujet der Tentakel-Erotika ist ein kulturelles PhĂ€nomen in Japan. Schon Hokusai, Schöpfer der berĂŒhmten „Welle vor Kanagawa“, zeigte 1814 den erotischen Traum einer Fischersfrau vom Sex mit zwei oktopusĂ€hnlichen Wesen. Inzwischen ist „Tentakel-Sex“ synonym fĂŒr einen irgendwie skurrilen Spleen, der ĂŒber die japanischen Grenzen hinaus gern persifliert wird – wenngleich es durchaus nach wie vor AnhĂ€nger*innen entsprechender Erotika, die oft zwischen Gewaltakt und Lust changieren, gibt.

Kenichi Ugana dient ein alienartiges Oktopuswesen mit sexuellen SuperkrĂ€ften nun als AufhĂ€nger fĂŒr seine Kurzfilmreihe, die hier erstmalig als gemeinsame Edition gezeigt wird: Ein wilder Ritt durch diverse Genre-Klischees in schönem Schwarz-Weiß, in dem sich das lustbringende Tentakelwesen zunehmend ĂŒber die Stadt mit ihren bis dato noch so verschlafenen Bewohner*innen ausbreitet. David Cronenbergs organische „Biopunk“-Ästhetik lĂ€sst stellenweise grĂŒĂŸen. Der Film ist ĂŒbrigens wĂ€hrend des Festivals nicht nur einzeln, sondern außerdem im Kombipack mit vier weiteren, eher im Fantastischen liegenden Filmen unter dem Titel „Weird & Wonderful“ zu sehen.

Keni­chi Ugana, EXTRANEOUS MATTER – COMPLETE EDITION, Image via www.cucalorus.org

His (Rikiya Imaizumi)

Recht unvermittelt und flott handelt Rikiyi Imaizumi in seinem neuen Spielfilm „His“ die Ausgangsgeschichte zwischen dem schwulen Liebespaar Shun und Nagisa ab, vor deren Hintergrund sich das Kommende entfalten soll: ein paar alberne ZĂ€rtlichkeiten tauschen die beiden im Bett miteinander aus, und dann spricht Nagisa schon die desaströsen Worte ganz beilĂ€ufig aus: „Shun, let‘s break up“. Jahre vergehen, Shun hat es mittlerweile in ein kleines, idyllisches Bergdorf und in die innere Migration gezogen. Zu belastend war die latente Homophobie in der Großstadt.

So unvermittelt wie er einst aus seinem Leben verschwunden ist, taucht dann aber wieder Nagisa auf, mitsamt seiner kleinen Tochter. Geheiratet hatte er trotz seiner HomosexualitĂ€t, aufgrund der Sehnsucht nach einem „normalen“ Leben und um die Eltern nicht zu enttĂ€uschen. WĂ€hrend sich Shun und Nagisa langsam wieder einander nĂ€hern und die neugierige Dorfgemeinschaft ĂŒber die beiden jungen MĂ€nner mit dem kleinen MĂ€dchen wundert, spitzt sich unterdessen der Sorgerechtsstreit zwischen Nagisa und seiner Ex-Frau zu. Behutsam und charmant verhandelt Imaizumis erstaunlich versöhnlicher Film Geschlechter- und Eltern-Rollenbilder, ohne dabei die Augen vor gesellschaftlicher Diskriminierung und Ungleichbehandlung zu schließen.

Rikiyi Imai­zumi, his, 2020, Image via mubi.com

& außerdem

Über 80 Filme in insgesamt fĂŒnf Kategorien vom Spielfilm ĂŒber Animation bis zur Dokumentation prĂ€sentiert die Nippon Connection in diesem Jahr. Etliche zeigen fast schon tagespolitische AktualitĂ€t: In „Ushiku“ lĂ€sst Thomas Ash, der schon mehrmals als Filmemacher zu Gast in Frankfurt war, GeflĂŒchtete vor versteckter Kamera aus Japans grĂ¶ĂŸtem AbschiebegefĂ€ngnis berichten. „Company Retreat“ sowie „Kamata Prelude“ verstehen sich (auch) als japanische Antwort auf die weltweiten #MeToo-Diskussionen, wĂ€hrend „Day of Destruction“ einen amĂŒsant-dystopischen Beitrag zur Debatte um die immer unbeliebter werdende Olympiade im Land unter Pandemiebedingungen liefert.

Auffallend sind die vielen, fĂŒr japanische VerhĂ€ltnisse vielleicht fast schon klassisch erzĂ€hlten Geschichten. Fantastischer geht es zum Beispiel in der Low-Budget-Zeitreisenkomödie „Beyond The Infinite Two Minutes“ und in dem anarchischen, lustigen wie brutalen VergnĂŒgen „Wonderful Paradise“ zu. Zahlreiche Filmtalks, Online-Konzerte, VortrĂ€ge und Workshops runden das Programm ab.

Nippon Connection

1. – 6. Juni 2021, Programm und Filmbuchung unter

nipponconnection.com