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Monumental, opulent, sarkastisch

17.10.2011

4 min Lesezeit

Kurator*in:
Martina Weinhart
In der „Ozymandias Parade“ von Ed und Nancy Kienholz schlĂ€gt sich die politische Stimmung im Land nieder. Die Frage ist so umfassend wie einfach: Sind Sie mit Ihrer Regierung zufrieden?

Monumental, opulent, sarkastisch – so tritt uns die riesige Installation „Ozymandias Parade“ von dem amerikanischen KĂŒnstlerpaar Ed und Nancy Kienholz entgegen. Die Installation von 1985 ist wohl das wuchtigste und materialreichste unter den Hauptwerken der Kienholz-Ausstellung in der SCHIRN Kunsthalle. Es enthĂŒllt eine Allegorie des Missbrauchs politischer Macht, ausgehend von der Frage, warum Regierungen immer wieder zum Feind des Volkes werden. Der Titel bezieht sich auf ein Gedicht des Romantikers Percy Bysshe Shelley, das Ed Kienholz seit Schulzeiten fasziniert hatte.

Auf dem Narrenschiff in Form eines spiegelnden Pfeils wird eine dekadente Parade abgehalten, Sinnbild eines gesellschaftlichen Debakels: Den Aufmarsch fĂŒhrt der PrĂ€sident/Kanzler/Premier/Diktator an, doch statt auf dem RĂŒcken reitet er auf dem Bauch des Pferdes, die linke Hand am roten Telefon, durchbohrt die rechte eine aufblasbare Weltkugel mit einem Kinderschwert. Den Helm auf dem Kopf ziert ein gelbes Plastikentchen. Hier trifft sich der Wahnsinn, wie wir ihn vielleicht von den völlig durchgeknallten Figuren aus Pirandellos volkstĂŒmlicher Commedia kennen, mit Chaplins legendĂ€rem Pas de deux des Diktators mit der schwebenden Weltkugel – Schtonk!

Das Pferd des VizeprĂ€sidenten ist bereits zu Boden gegangen. Die Rollschuhe an seinen Hufen haben es wohl zum StĂŒrzen gebracht. Völlig orientierungslos sitzt der Vize nun falsch herum auf dem Pferdebauch und blĂ€st zum Sturm nach hinten.

An seiner Seite reitet ein bulliger, bis an die ZĂ€hne bewaffneter und mit Orden behĂ€ngter General auf dem RĂŒcken einer zerbrechlichen Frauenfigur. Sie ist der bis auf die Knochen ausgenommene Steuerzahler, der zudem einen Wagen hinter sich herziehen muss, obwohl er ohnehin schon an zwei KrĂŒcken geht. Angst und Propaganda sind der Motor, Religion der Köder vor der Nase. Zu FĂŒĂŸen des Generals formiert sich seine Armee aus kleinen Spielzeugsoldaten mit allem, was fĂŒr einen Kampf nötig: Geld, Schiffe, Panzer, Hubschrauber, Rettungsboote, Kanonen.

Das Volk tritt an als Miniaturverband in Form von allerlei Nippes unterschiedlichster Provenienz – ein kleiner Spielzeugritter, ein Chinese, ein hölzerner Mönch, ein Frosch, ein Cowboy, Sokrates und Tarzan. Winzig, am Rande aufgereiht und kaum in der Lage, wirklich einzugreifen, stellen sie die Betrachter des Spektakels. Am Bug des Schiffes blickt in bitterster Satire die »unterentwickelte Welt« der eigenartigen Parade erwartungsvoll entgegen – eine kleine, von einem Gorilla gefĂŒhrte Figurengruppe aus »Indianern«, und »Negern«.

Gerechtigkeit kann es in einer solchen Welt kaum geben, das macht die Galionsfigur deutlich – die wie immer blinde Justitia, der aber in diesem Falle die Waage aus den HĂ€nden geglitten ist und funktionslos an ihrer Seite baumelt.

Insignien der Staatsmacht sind eindrucksvolle 687 blinkende GlĂŒhbirnen in den Nationalfarben sowie die Landesflagge in den HĂ€nden des VizeprĂ€sidenten. Obwohl die KĂŒnstler fĂŒr ihre AnwĂŒrfe gegen das chauvinistische Amerika bekannt sind, soll The Ozymandias Parade weit mehr sein als das und als universelle Kritik an FĂŒhrung und Staatsmacht fungieren. Entsprechend werden Farbe und Flagge jeweils dem Land angepasst, in dem die Installation ausgestellt wird. Außerdem flankieren FĂ€hnchen aus aller Herren LĂ€nder das Staatschiff.

Diese Strategie trĂ€gt zum appellativen Charakter der Arbeit bei, letztlich spiegeln wir uns auch als Betrachter in diesem verlockend funkelnden Schiff. Zur Verantwortung gezogen werden wir darĂŒber hinaus durch einen weiteren partizipativen Kunstgriff: Ob der finstere General ein YES oder ein NO ĂŒber dem Gesicht trĂ€gt, darĂŒber bestimmen wir. Es ist die Antwort auf die begleitend durchgefĂŒhrte Umfrage, die aus einer einzigen, einfachen Frage besteht: »Sind Sie mit ihrer Regierung zufrieden?«

Die Arbeit entstand im Rahmen der Ausstellung No! Contemporary American Dada in der Henry Art Gallery in Seattle und wurde dort erstmals gezeigt. Um das notwendige Material zusammenzutragen, durchkĂ€mmten die Kienholzes unzĂ€hlige Male die FlohmĂ€rkte von Berlin, Amsterdam und sogar Paris, wĂ€hrend die Montage in ihrem Atelier in Hope, Idaho, stattfand. Dort dienten Familie, Verwandtschaft und Freundeskreis als Modelle fĂŒr die Hauptfiguren. Monte Factor, Kienholz-Freund und Sammler seit Anfangstagen, ist zum PrĂ€sidenten/Kanzler/Premier/Diktator geworden, wĂ€hrend Schwiegersohn Bill Chatham den Rang des VizeprĂ€sidenten erhalten hat. Ein Besuch der Eltern von Nancy verwandelte ihren Vater Tom Reddin in den General, der auf der armen Steuerzahlerin reitet, die wiederum von Eds Mutter verkörpert wird.