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Men in Trouble

27.01.2021

6 min Lesezeit

GlĂŒck, Liebe, Geld, Sex, Schön­heit, Glaube. In der Talkshow „Men in Trou­ble“ verhandelt Filmemacherin Jovana Reisinger Geschlech­ter­rol­len, patri­ar­cha­li­sche Struk­tu­ren und Macht­ver­hĂ€lt­nisse.

Tiptop! Sexperte und Frauenversteher Mann 3 findet es wichtig, dass Sex absolut beidseitig gewollt ist und verzichtet dabei auch gerne mal auf den eigenen Orgasmus. Unfair! Der unglĂŒckliche Mann 1, dem von Frauen alles weggenommen wird, ist auf der Suche nach dem Weg zurĂŒck. Wow! Frau 1 ist glĂŒcklich verliebt, mit Schmetterlingen im Bauch, arbeitet aber auch hart dafĂŒr – genauso wie es sich eben gehört. Ähh. Mann 2, ein Charmeur aus der Beautyindustrie hilft Frauen dabei, sich wieder durchs Leben lĂ€cheln zu können, dabei möchte er so gerne das hierarchische System der Schönheit mit fluiden Schönheitsbildern ersetzt sehen. Mann 4 hingegen lĂ€chelt nicht. Das will wirklich niemand sehen! Und Frau 9 besinnt sich lieber auf niedrige Erwartungen. Beide aber hoffen auf bessere Zeiten.

Die sechsteilige Talkshow „Men in Trouble“ der Filmemacherin und Autorin Jovana Reisinger wurde erst kĂŒrzlich im Rahmen des Ausstellungs- und Vermittlungsprogramms „EnttĂ€uschung“ der Kunsthalle OsnabrĂŒck gedreht. Das rosa lackierte BaugerĂŒst, platziert im vorderen Teil des Kirchenschiffs der Institution, fungiert als eigene Installation, die im unteren Geschoss weitere Videoarbeiten der Filmemacherin vereint. Seit November ist sie Pandemie-bedingt nicht mehr zugĂ€nglich. Die sechs Videos von „Men in Trouble“ aber sind bis 14. Februar 2021 ĂŒber Jovana Reisingers Vimeo-Kanal frei verfĂŒgbar und beleben das rosa schimmernde Studio mit den Themen GlĂŒck, Liebe, Geld, Sex, Schönheit und Glaube.

Das TV-Format soll eine NÀhe zur Gesell­schaft sugge­rie­ren

FĂŒr „Men in Trouble“ griff Reisinger auf ein mittlerweile abgedrĂ€ngtes TV-Format zurĂŒck, den sogenannten „Daily Talks“. Innerhalb Reisingers filmischer Sprache und Ästhetik lassen sich immer wieder Elemente aus Fernsehformaten, wie Teleshopping, Talkshows oder Reality-TV finden­ – so auch bei frĂŒheren Werken von ihr, wie „Beauty is Life“ (2019), „WENDY“ (2018) oder die Filmreihe „pretty, pretty, mad sad“ (2016-18). Monothematisch angelegt, inszenieren sich „Daily Talks“ als dynamische DiskussionsrĂ€ume, indem sie immer Verbindungen zum filmischen Außen aufrechterhalten, NĂ€he zur Gesellschaft suggerieren oder diese vermeintlich abzubilden versuchen. 

Jovana Reisinger, Installationsansicht Kunsthalle OsnabrĂŒck, 2020. Foto: Lucie Marsmann
Jovana Reisinger, Beauty is Life, 2020 (c) Jovana Reisinger, Foto: Jenny BrÀuer

Ab den frĂŒhen 1990er Jahre bissen sie sich mehr als zwanzig Jahre im deutschen Privatfernsehen fest und fĂŒllten an Wochentagen von vormittags bis zum frĂŒhen Abend das Programm. Von Vera am Mittag (1996 -2006) ĂŒber Hans Meiser (1992-2001), Arabella (1994-2004) bis hin zu Ricky (1999-2000) glichen sie sich alle in ihrem Ablauf. Die ĂŒberraschend hohe DiversitĂ€t unter den Moderator*innen ist vielleicht das einzig gesellschaftlich relevante, was dem Format rĂŒckblickend abzugewinnen ist, das sich zum AushĂ€ngeschild machte, der breiten Gesellschaft einen ReprĂ€sentationsraum innerhalb des damaligen Leitmediums Fernsehen zu bieten.

Das Private rĂŒckte in den Vordergrund

Dabei setzte das Format auf Programmprofilierung, indem es sich von politischen, gesellschaftlichen Themen entfernte und das Private in den Vordergrund rĂŒckte. GĂŒnstige Produktionsbedingungen verbunden mit Showcharakter und Emotionalisierung brachte die gewĂŒnschte Einschaltquote, die die „Daily Talks“ bestĂ€tigten und ihre jahrzehntelange FortfĂŒhrung garantierte. Ende der 1990er Jahre kam es zu vermehrter medienethischer Kritik. Als Reaktion darauf veröffentlichte der Verband Privater Rundfunk und Telemedien Leitlinien, die beispielsweise neben der Einhaltung des Jugendschutzgesetzes auch forderten, extremen Anschauungen kein Forum mehr zu bieten. Unter ihnen findet sich aber auch der Anspruch bei „Darstellungen von abweichenden und außergewöhnlichen Einstellungen zu gesellschaftlichen anerkannten Werten und Normen, das Außergewöhnliche nicht als das Durchschnittliche und das Abweichende nicht als Normale erscheinen zu lassen“.

Jovana Reisinger, Men in Trouble, 2020 (c) Jovana Reisinger, Foto: Lucie Marsmann
Jovana Reisinger, Men in Trouble, 2020 (c) Jovana Reisinger, Foto: Lucie Marsmann

In „Men in Trouble“ verwehren die GĂ€ste den zu tiefen Einblick in ihr Privatleben, so sehr die Moderatorin auch nachbohrt. Provokationen greifen nicht, Klassifikationen in „Anders“ und „Normal“ werden eingestampft und DiversitĂ€t begrĂŒĂŸt. Ganz zur EnttĂ€uschung der mĂ€nnlichen Chefetage und der Regie, die hier dennoch die Oberhand behĂ€lt, wie es die Moderatorin immer wieder in Form von Seitenhieben durchsickern lĂ€sst und es die mĂ€nnliche Stimme aus dem Off immer wieder deutlich macht, wenn sie beispielsweise die Moderatorin in ihrem eigenen Studio willkommen heißt und damit vorfĂŒhrt. Reisinger weiß das verfehlte Potenzial der „Daily Talks“, fĂŒr sich zu nutzen und lĂ€utet die Show mit selbstbewusstem und vor Tatendrang strotzenden Intro ein, um darin auf humorvolle, vielperspektivische und kritische Weise Geschlechterrollen, patriarchalische Strukturen und MachtverhĂ€ltnisse zu verhandeln.

Jovana Reisin­ger weiß das Poten­zial der „Daily Talks“ fĂŒr sich zu nutzen

 Das anachronistische Moment, das dabei entsteht, versinnbildlicht das Dilemma aus stagnierenden, ĂŒberholten Geschlechterkonstruktionen und dem dringlichen Wunsch der Überwindung, der sich stilistisch in der ĂŒberzogenen „Verweiblichung“ des Studios und der Moderatorin ausdrĂŒckt sowie im bewussten Verzicht auf die ReprĂ€sentation von gewohnten MĂ€nnlichkeitscodes. Alle hier als Mann ausgeschriebenen Rollen, tragen Röcke, lange Haare, Make-up oder treten als Geschlecht-Bender auf.

Jovana Reisinger, Men in Trouble, 2020 (c) Jovana Reisinger, Foto: Lucie Marsmann

Die sinnentleerten oft (tragi-)komischen Dialoge, die voller PlattitĂŒden, Sprichwörter, Schönrederei und langgezogenen Pausen stecken, entblĂ¶ĂŸen die GesprĂ€chsgĂ€ste als flach und in ihren Lebensvorstellungen gefangen, was auch die eingeblendeten Bauchbinden untermauern. Die Moderatorin, gewillt die Themen anzugehen, beißt sich an ihnen die ZĂ€hne aus und rettet sich mit aufklĂ€rerischen Monologen, mimischem Aufbegehren und trockenen Kommentaren vor der endgĂŒltigen Frustration.

AnfĂ€nglich noch angepasst und der, in mĂ€nnlicher Hand liegenden Sendung unterworfen – nicht zu verwechseln mit professionell – versteht die Moderatorin ihre Rolle fĂŒr sich zu nutzen, was die bewegliche, unmittelbare Kamera zu provozieren scheint und der Bruch mit dem Dresscode nuanciert. Im Zusammenspiel mit dem Publikum, das sich ebenfalls durch erhellende GĂ€ste und Meinung auszeichnet und dem stĂ€ndigen Durchbrechen der vierten Wand bekommt das starre GefĂŒge Risse. GĂ€nzlich zu Fall bringen, kann sie es aber nicht, denn wie die Moderatorin einsehen muss, „RealitĂ€t in einer Talkshow zu behaupten, ist irre!“

Reali­tÀt in einer Talk­show zu behaup­ten, ist irre!

Auszug aus Reisingers „Men in Trou­ble“
Jovana Reisinger, Men in Trouble, 2020 (c) Jovana Reisinger, Foto: Lucie Marsmann

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