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MEIN BILD DES MONATS 3

20.04.2011

3 min Lesezeit

Kurator*in:
Martina Weinhart
MEIN BILD DES MONATS 3 - ein Artikel im SCHIRN Magazin der Kunsthalle Frankfurt.

James Brett ist sicher einer der originellsten Köpfe unter dem an Sammlern nicht gerade armen London. Im hippen Stadteil Primrose Hill baute er ein ehemaliges Musikstudio, das zuvor ein Milchladen war, dem genius loci entsprechend zu etwas ganz Besonderem um. Im letzten Jahr parallel zur Frieze Art Fair eröffnet wurde sein „Museum of Everything“ schnell zentrale Anlaufstelle und „talk of the town“.

MusikergrĂ¶ĂŸen wie Jarvis Cocker, David Byrne, Thurston Moore und Nick Cave, aber auch eine ganze Reihe von KĂŒnstlern wie Carsten Höller, Annette Messager, Marcel Dzama, Matthew Higgs oder Tal R zĂ€hlten zur exklusiven Reihe der Mentoren.

Aber was zeigt ein Museum, das schon im Namen den Auftrag trĂ€gt, alles zu zeigen? Das RĂ€tsel ist schnell gelöst: Alles umfasst eine der grĂ¶ĂŸten Outsider-Art-Sammlungen in Europa mit großen Konvoluten von Emery Blagdon, Henry Darger oder George Widener, um nur einige KĂŒnstler aus der Weltenwandler-Ausstellung zu nennen, deren Werke hier ebenfalls zu sehen waren.

BIZARRE TABLEAUS

Dieses Jahr nun folgte wiederum parallel zur Frieze kaum weniger spektakulĂ€r der nĂ€chste Streich, zu dem Brett keinen geringeren als Sir Peter Blake, den Doyen der britischen Pop Art, gewinnen konnte. Damit ĂŒbernimmt er gleichzeitig den gerade sehr lebhaften Trend, KĂŒnstler als Kuratoren zu engagieren.

Das Universum, das uns Blake hier eröffnet, steht den Welten der Outsider in seiner Fantastik kaum nach: Muschelfiguren, ein historisches Spielzeugkarussell aus Holz, Figuren aus dem Javanischen Schattentheater, Kegelspiele, ein Kabinett mit einer historischen Puppensammlung, die Spielzeugeisenbahnen des Vaters Kenneth Blake – kurz, eine Wunderkammer aus KuriositĂ€ten aller Art.

Darunter durchaus Finsteres, Abwegiges und Abseitiges, auch jenseits der Feststellung, dass Puppen immer etwas leicht Sinisteres bergen, wie Blake in einem seiner Kommentare, mit denen er den Besucher durch die Ausstellung leitet, feststellt.

„Mr. Potter’s Museum of Curiosities“ bildet sicher den skurrilen Höhepunkt der Ausstellung: bizarre Tableaus aus ausgestopften kleinen KĂ€tzchen, Eichhörnchen oder Ratten, die zu höchst sonderbaren Genreszenen versammelt werden.

Dieses Museum der wiederum ganz anderen Art wurde im 19. Jahrhundert von dem viktorianischen Taxidermisten Walter Potter gegrĂŒndet, dessen Arbeit der Teenager Peter Blake bei einer seiner Radtouren entdeckt und ihn wohl so nachhaltig fasziniert hatte, dass er im Jahr 2003, nachdem es aufgelöst worden war, wie Blake berichtet, mit einem Budget von ÂŁ 10.000 einige der SchlĂŒsselwerke fĂŒr seine eigene Sammlung erstand.

Es erstaunt dann wiederum nicht wirklich, dass Damien Hirst, der uns ja allen noch mit seinem in Formalin prÀparierten Hai im GedÀchtnis ist, ebenfalls als Leihgeber der Ausstellung auftritt.

KULTURHISTORISCHE WUNDERKAMMER

Die Objekte vereinen sich im „Museum of Everything“ mit Inkunabeln der britischen Pop Art. Blake, dessen wohl populĂ€rstes Werk das Cover des legendĂ€ren Beatles-Albums „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ ist, hat sie natĂŒrlich in seiner Sammlung: WandbehĂ€nge von Richard Lindner oder SchranktĂŒren von Joe Epgrave, der damals die Sgt.-Pepper-Trommel gestaltet hatte.

Auch wenn es vielleicht nicht so klingt, ist die Ausstellung doch nicht zuletzt eine kulturhistorische Wunderkammer, die ein ganzes Pop-Universum ausleuchtet und so das Werk eines der zentralen KĂŒnstler des zwanzigsten Jahrhunderts auf ganz spezielle Weise neu betrachten lĂ€sst.