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Magritte. Der Verrat der Bilder

27.01.2017

6 min Lesezeit

Ein Magier der verrÀtselten Bilder: Die SCHIRN prÀsentiert die meisterhafte Malerei des Surrealisten René Magritte.

Der Maler RenĂ© Magritte (1898–1967) ist ein Magier der verrĂ€tselten Bilder. Die SCHIRN widmet dem großen belgischen Surrealisten vom 10. Februar bis 5. Juni 2017 eine konzentrierte Einzelausstellung, die sein VerhĂ€ltnis zur Philosophie seiner Zeit abbildet. Magritte sah sich nicht als KĂŒnstler, sondern vielmehr als denkender Mensch, der seine Gedanken durch die Malerei vermittelt.

Ein Leben lang beschĂ€ftigte es ihn, der Malerei eine der Sprache gleichrangige Bedeutung zu verleihen. Seine Neugier und die NĂ€he zu großen zeitgenössischen Philosophen, etwa zu Michel Foucault, fĂŒhrten ihn zu einem bemerkenswerten Schaffen, zu einer Verfremdung der Welt, die auf einzigartige Weise akkurate, meisterhafte Malerei mit konzeptuellem Denken verbindet. Die Ausstellung beleuchtet in fĂŒnf Kapiteln Magrittes Auseinandersetzung mit der Philosophie. Seine Wort-Bilder reflektieren seine grundsĂ€tzlichen Überlegungen zum VerhĂ€ltnis von Bild und Sprache, weitere zentrale Bildformeln befassen sich mit den Legenden und Mythen der Erfindung und der Definition der Malerei

Dumm wie ein Maler

Didier Ottinger, Kurator der Ausstellung: „Über Jahrhunderte galt eine durch die Philosophie hermetisch abgeriegelte Hierarchie, die die Musiker und Dichter ĂŒber die Maler, die Worte meilenweit ĂŒber die Bilder stellte. Von Platon bis Hegel setzten die Philosophen die Malerei mit einer Verwirrung der Sinne gleich und erklĂ€rten die Poesie zum vollkommenen Mittler des Geistes. RenĂ© Magritte hat sich mit dem Ausdruck ‚dumm wie ein Maler‘, auf den sich auch die Pariser Surrealisten beriefen, nicht abgefunden. Vielmehr trat er mit dem Pinsel unermĂŒdlich fĂŒr die Anerkennung der geistigen WĂŒrde seiner Kunst ein – erst gegen die Dichter, dann gegen die Philosophen. Magritte entwickelte eine Malerei, die eine Beziehung der Gleichwertigkeit zwischen Sehen und Denken, zwischen Bild und Wort als Ausdruck des Denkens und des Wissens postulierte.“

RenĂ© Magritte gehört zu den SchlĂŒsselfiguren der Malerei des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zu den von den Pariser Surrealisten um AndrĂ© Breton postulierten Methoden von Traum und Automatismus wurzelt Magrittes einzigartige Bildsprache in der spezifischen AusprĂ€gung des belgischen Surrealismus, der eine dialektische Methode und wissenschaftliches Denken forderte. Der Ausdruck „dumm wie ein Maler“, der Ende des 19. Jahrhunderts zum gĂ€ngigen Sprachgebrauch gehörte, verdeutlicht die philosophisch begrĂŒndete Auffassung, dass die Poesie ĂŒber der Malerei, die Worte ĂŒber den Bildern stehen.

Malerei als Gleichung

Magritte wollte diese Hierarchie nicht akzeptieren. Zeitlebens forderte er die Anerkennung des geistigen Wertes seiner Kunst und verfolgte das Ziel, seine Malerei zuerst auf die Stufe der Poesie und schließlich auf die der Philosophie zu erheben. Mit quasi wissenschaftlichem Anspruch verlieh der KĂŒnstler seiner Bildsprache die ObjektivitĂ€t eines Vokabulars. Seine Motive, wie etwa Pfeife, Apfel, Hut, Kerze, Vorhang, Flamme, Schatten oder Fragment treten in seinen GemĂ€lden in unterschiedlichen Kombinationen und SinnzusammenhĂ€ngen wiederholt auf.

Magritte malte Bilder, deren Sinn sich dem Betrachter universell aufdrĂ€ngen sollte. Er verstand seine Malerei als Gleichung, bei der er jedem Bild die Lösung eines „Problems“ zuschrieb und dabei einem dialektischen Prinzip folgte. In dem in der Ausstellung prĂ€sentierten GemĂ€lde La Condition humaine (So lebt der Mensch) (1935) befasst er sich etwa mit dem Problem Fenster, indem er Innen und Außen, Gesehenes und Verborgenes, Natur und Kultur von Landschaft und Bild miteinander verbindet. Von GemĂ€lde zu GemĂ€lde zeichnet sich so seine Vorstellungswelt ab, die aus Gegensatzpaaren wie dem NatĂŒrlichen und KĂŒnstlichen, dem Innen und Außen, dem Trieb und der Vernunft besteht.

Die Konfrontation von Text und Bild

Als Magritte 1927 von BrĂŒssel nach Frankreich zog, entstanden seine ersten Wort-Bilder. Die SCHIRN zeigt eine Version seines wohl berĂŒhmtesten GemĂ€ldes aus dieser Werkgruppe, La Trahison des images (Ceci n’est pas une pipe) (Der Verrat der Bilder [Das ist keine Pfeife]) (1927). Dieses zeigt in seiner typisch akkuraten Malweise eine Pfeife, unter der geschrieben steht „Das ist keine Pfeife“. In dieser widersprĂŒchlichen Konfrontation von Text und Bild formulierte Magritte seine Zweifel an der Abbildbarkeit der RealitĂ€t und stellte somit die Wahrnehmung fundamental infrage.

Zwei Jahre spÀter erschien in der Zeitschrift La Révolution surréaliste seine theoretische Abhandlung Les Mots et les Images (Die Wörter und die Bilder) (1929), welche aus 18 Bild-Wort-Paaren besteht, in denen der Maler das komplexe Beziehungsgeflecht zwischen dem Objekt, seiner Bezeichnung und seiner ReprÀsentation scharfsinnig und humorvoll hinterfragt. Magrittes Wort-GemÀlde sind seine Antwort auf die Diffamierung der Malerei, ein Ausdruck seines Strebens nach Gleichwertigkeit zwischen Bild und Wort als Ausdrucksmittel des Geistes.

Die wissenschaftliche Legitimation der Malerei

Ab den 1950er-Jahren beschĂ€ftigte sich Magritte zunehmend mit philosophischen Theorien. Er las die Werke von Martin Heidegger oder Maurice Merleau-Ponty und suchte den persönlichen Kontakt zu Philosophen seiner Zeit. Seine bevorzugten GesprĂ€chspartner waren der Heidegger-Spezialist Alphonse De Waelhens und der Rechtsphilosoph ChaĂŻm Perelman. Durch den Austausch mit ihnen stellte Magritte seine Gedanken ĂŒber die Malerei auf die Probe, ließ aber auch keine Gelegenheit aus, sie kritisch zu hinterfragen. Die NĂ€he zur Philosophie lieferte ihm Argumente fĂŒr den komplexen Charakter seiner Bilder. Sie diente ihm dazu, seine Malerei wissenschaftlich zu legitimieren.

Immer wieder setzte er sich in seinen GemĂ€lden auch mit antiken Mythen ĂŒber die Erfindung und das Wesen der Malerei auseinander, etwa mit Platons Höhlengleichnis oder dem malerischen Wettstreit von Zeuxis und Parrhasios, ĂŒber den Plinius der Ältere berichtet. Der kunstfertig gemalte Vorhang, jenes Motiv, mit dem Parrhasios den Wettstreit in der Fabel gewinnt, gehört zu den am hĂ€ufigsten wiederkehrenden Motiven in Magrittes GemĂ€lden, so etwa in Les MĂ©moires d’un saint (Die Erinnerungen eines Heiligen) (1960) oder in Le Beau Monde (Schöne Welt) (1962). Die Werke zeugen von der FĂ€higkeit des KĂŒnstlers, Bilder zu schaffen, die realistisch sind bis zum Grad des Trompe-l’Ɠil, und gleichzeitig von der Reflektiertheit, mit der er seine eigene illusionistische VirtuositĂ€t ironisiert.

Anerkennung im Alter

Ebenfalls eine wiederkehrende Konstante sind Magrittes gemalte Collagen, insbesondere von fragmentierten Körpern wie etwa in Les Marches de l’étĂ© (Die Stufen des Sommers) (1938). Auch hier nutzt er seine Kenntnis der antiken Legenden fĂŒr ein malerisches Nachdenken ĂŒber Schönheit, Wirklichkeit und den kreativen Prozess. Zwar blieb die Beziehung Magrittes zu den Philosophen stets freundschaftlich, doch inhaltlich redeten sie aneinander vorbei. Der Maler erhielt weder von De Waelhens noch von Perelman die philosophische Adelung, die er einforderte – bis zu seiner Begegnung mit dem großen Poststrukturalisten Michel Foucault. Er war es, der Magritte im hohen Alter endlich die gebĂŒhrende Anerkennung zuteilwerden ließ und ihm posthum die bekannte Schrift Ceci n’est pas une pipe (1973) widmete.

VON ANFANG AN IM BILDE

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