Nacht fĂŒr Nacht wird der kleine Nemo nach Slumberland (âSchlummerlandâ) gelockt, um dort der SpielgefĂ€hrte der Prinzessin, Tochter des König Morpheus zu werden. Eine Blaskapelle nimmt ihn in Empfang. Er steigt in eine Kutsche, die von Kaninchen und GĂ€nsen gezogen wird und fliegt auf einem riesigen Geier in Richtung Schloss. Doch auf dem Weg dorthin wacht er immer wieder wie von einem Alptraum geschĂŒttelt in seinem zerwĂŒhlten Bettchen auf. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt es den Bewohnern von Slumberland: Nemo schlĂ€ft weiter und trifft die Prinzessin. Mit ihr und dem Zigarre rauchenden Flip erkundet er nun fantastische Welten. Er wird winzig wie ein Zwerg oder klettert als Riese ĂŒber HĂ€user hinweg, er reist im Maul eines Drachen, wird von Piraten entfĂŒhrt und fliegt zum Mond.
Mit âLittle Nemo in Slumberlandâ gelang dem Illustrator und Zeichner Winsor McCay (1836-1934) ein visuell eindrucksvolles und extrem umfangreiches Werk. Von 1905 bis 1911 wurden Nemos Abenteuer jeden Sonntag ganzseitig und in Farbe in der Zeitung âThe New York Heraldâ abgedruckt und wurden so, neben âDream of the Rarebit Friendâ die wohl bekannteste Comicserie McCays, und auch die auflagenstĂ€rkste: insgesamt 549 Seiten produzierte McCay in jenen Jahren. 1908 wurde âLittle Nemo in Slumberlandâ als das bis dahin teuerste und aufwendigste Broadway-StĂŒck inszeniert.
TatsÀchlich beginnen die Figuren zu tanzen
Nach ĂŒber 100 AuffĂŒhrungen in New York ging das StĂŒck auf Tournee durch das ganze Land. Drei Jahre spĂ€ter fertigte McCay einen kurzen animierten Trickfilm mit dem Titel â Little Nemo, also known as Winsor McCay, the Famous Cartoonist of the N.Y. Herald and His Moving Comicsâ. Hier verweist der Zeichner als Schöpfer der Traumwelt von Nemo auf sich selbst und wird als âthe first artist to attempt drawing pictures that will moveâ im Vorspann angekĂŒndigt. Und tatsĂ€chlich beginnen seine Figuren zu hĂŒpfen und zu tanzen, nachdem er sie mit Tinte auf Papier gebracht hat.
So testete und erweiterte McCay die die formalen Grenzen des Comic und experimentierte mit Anordnung und Bildaufbau. Er lĂ€sst seine Figuren aus dem Bildraum ausbrechen und die Lettern der Titelschrift verspeisen. Auch die Panele selbst werden aus ihrer statischen Struktur befreit. Mit der flexiblen Anordnung und den variierenden GröĂen dynamisiert McCay seine ErzĂ€hlung und spielt mit optischen Illusionen.
BaumstÀmme werden zu Nashörnern
So erstrecken sich Szenarien ĂŒber mehrere Panele und nicht selten ergeben sich aus Eislandschaften, Soldatenheeren oder Palastarchitekturen kaleidoskopische Muster. Traum, Imagination und Illusion sind, formal wie inhaltlich, die bestimmenden Themen in âLittle Nemoâ. Und wenn BaumstĂ€mme zu Nashörnern werden, sich ein kleines MĂ€dchen in eine alte Hexe verwandelt oder aus PalastsĂ€ulen plötzlich ein dichter Wald wird, wacht Nemo im letzten Panel doch immer wieder auf, wird von seinen Eltern geweckt oder fĂ€llt aus seinem Bett.
Mit Lewis Carrolls âAlice in Wonderlandâ (1865) und Sigmund Freuds Schrift âDie Traumdeutungâ (1900, die englische Ăbersetzung erschien 1913) wurde der Traum zu Beginn des 20. Jahrhunderts zum wichtigen Thema im kulturellen und wissenschaftlichen Diskurs und mit dem Surrealismus auch zur Inspirationsquelle fĂŒr die bildende Kunst. Die Auseinandersetzung mit dem Unbewussten, Absurden und Fantastischen gab, wie im Fall der Psychoanalyse, Aufschluss ĂŒber verdrĂ€ngte WĂŒnsche oder Störungen, oder ermöglichte, wie im Surrealismus, die ErschlieĂung neuer Wahrnehmungs- und Erfahrungsformen.
Die Grenzen zwischen Bild und Leben
Die ambivalente Faszination fĂŒr den Traum kommt bei McCay auf einzigartige Weise zum Ausdruck. Denn nicht selten bewegt sich Nemo weitaus Ă€ngstlicher durch seine verstörenden Traumwelten als seine Freundin, die abenteuerlustige Prinzessin, und wĂŒnscht sich anschlieĂend, er wĂŒrde nicht stĂ€ndig böse trĂ€umen.
Letztlich sind bei âLittle Nemo in Slumberlandâ nicht nur die Grenzen zwischen Bild und Leben flieĂend. Auch ĂŒberlappen sich Traum und RealitĂ€t und bringen Nemo an Orte, die auĂerhalb von Zeit und Raum zu existieren scheinen. Als das Jahr 1906 zu Ende geht, finden sich Nemo und die Prinzessin in einer kahlen Landschaft wieder. âEs sieht schrecklich hier aus!â - âDas ist das Ende der Welt!â Dort treffen sie auf einen alten Mann mit einem langen Bart und einem zerrissenen Gewand. âSei nicht so traurig, Herr 1906. Du hast dein Bestes getan!â Gevatter Zeit erscheint auf einer Kutsche und ĂŒberreicht den beiden ein kleines, blondes Baby: âHier ist der neue, kleine 1907. Da nimm ihnâ -âOh! Du kleiner Schatz! Schau Nemo, hier ist das neue Jahr!â