Liebe KI, kreiere mir…
19.03.2026
5 min Lesezeit
Neugierig auf Kunst und KI, aber die große Sommerausstellung „The World Through AI“ in der SCHIRN lässt noch auf sich warten? In Kooperation mit dem saasfee*pavillon zeigt das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt bis zum 26. April, was die rasante Weiterentwicklung Künstlicher Intelligenz für audiovisuelle Objekte und Raumerfahrungen bedeuten kann.
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Vielleicht ist die Frage etwas übergriffig: „Warum gibt es dich?“, sage ich ins Mikrofon. Daraus macht die Künstliche Intelligenz einen Buchstabensalat à la „Walung gibtis“. Immerhin vernimmt sie meinen Tonfall als „happy“, wie dem Screen zu entnehmen ist. Aus den vier rund um das Mikro aufgestellten Lautsprechern dringt ein undefiniertes Scheppern. Dabei verspricht der Wandtext zu Evgeny Tverdokhlebovs Soundinstallation „Between Noise and Voice“ einen KI-generierten Loop aus Fragmenten meiner maschinell interpretierten Stimme. Klappt es beim nächsten Versuch?
Das Museum Angewandte Kunst gleich dieser Tage einem digitalen Spielparcours. In Kooperation mit dem saasfee*pavillon ist die Ausstellung „AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen“ entstanden. Sie ist nicht die erste Ausstellung zu diesem Thema in Frankfurt. Die Schau „I am here to learn“ im Frankfurter Kunstverein erforschte schon 2018 die kreativen und bilderzeugenden Potenziale Künstlicher Intelligenz. Ihr damaliger Kurator Mattis Kuhn ist diesmal mit einer eigenen Arbeit vertreten.
Vor acht Jahren glich KI noch Science-Fiction – inzwischen ist sie zum Megatrend und allgegenwärtigen Buzzword avanciert. Der Umgang mit KI-Chatbots sowie Text- und Bildgeneratoren gehört heute zum Alltag vieler Menschen. Und so prägen vor allem die auf bejahend-freundliche Hilfsbereitschaft getrimmten KI-Assistenten unsere Wahrnehmung Künstlicher Intelligenz. „AI-Worlding“ zeigt unterdessen, wie die Technologie experimentell eingesetzt werden kann und was ihre rasante Weiterentwicklung für die Generierung audiovisueller Objekte und Raumerfahrungen bedeuten kann.
Zwischen Ornament und Observation
An Malerei erinnern auch Xiangyi Fus Bilddrucke, die von der KI in ornamentale Muster, Kompositionen und Landschaften übersetzte mikroskopische Aufnahmen menschlicher Hautporen, Falten und Haare zeigen. Die Nahaufnahmen menschlicher Haut dienten der Künstlichen Intelligenz als Trainingsmaterial (oder gar als Inspiration?) zur Generierung neuer Bilder. Xiangyi Fu schuf also eine Ornamentmaschine.
Elisa Deutloff und Chelsea Hartmann machen indessen die Ausstellungsbesuchenden zum künstlerischen Material: In ihrer Rauminstallation „10.0.0.0/8“ sieht man der Echtzeitanalyse seiner gefilmten Bewegungen zu, die Besuchenden findeen sich als Streichholzmännchen auf einem Screen wieder. Die Analyse wirkt sich wiederum auf die auf biomorphe Projektionsflächen geworfenen Videos aus. Wir werden also studiert: Ein kalter Schauer fährt dem humanen Datensatz über den Rücken, der den neutralen, willenlosen Blick der unablässig beobachtenden und lernenden Maschine auf sich spürt, die bereit ist, alles Lebendige zu Datensalat zu verarbeiten.
Wie gut, dass Evgeny Tverdokhlebovs Installation „Between Noise and Voice“ ein kurzzeitiges Erwachen aus dieser Dystopie erlaubt. Mit der ins Mikrofon gesprochenen Frage „Magst du Äpfelwein?“ habe ich endlich Glück: Die Künstliche Intelligenz unterteilt sie in zwei Sätze – „Magst du Äpfel?“ (Tonfall: „sad“) und „Fine“ (Tonfall: „disgusted“). Schon erfüllt ein sphärisch-abgehacktes Endlosecho meines Ausspruchs den Raum. Und plötzlich fühle ich mich als Creator und nicht mehr bloß als Studienobjekt.
