Evgeny Tverdokhlebov, “Between Noise and Voice”, 2026, Interaktive generative Soundinstallation, Mikrofone, Lautsprecher, Stative, PC-Komponenten, Aluminiumprofile, Acrylglas, PLA Filament, Elektrobauteile
Foto: Jakob Dieckmann

Liebe KI, kreiere mir…

Neugierig auf Kunst und KI, aber die große Sommerausstellung „The World Through AI“ in der SCHIRN lässt noch auf sich warten? In Kooperation mit dem saasfee*pavillon zeigt das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt bis zum 26. April, was die rasante Weiterentwicklung Künstlicher Intelligenz für audiovisuelle Objekte und Raumerfahrungen bedeuten kann.

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Vielleicht ist die Frage etwas übergriffig: „Warum gibt es dich?“, sage ich ins Mikrofon. Daraus macht die Künstliche Intelligenz einen Buchstabensalat à la „Walung gibtis“. Immerhin vernimmt sie meinen Tonfall als „happy“, wie dem Screen zu entnehmen ist. Aus den vier rund um das Mikro aufgestellten Lautsprechern dringt ein undefiniertes Scheppern. Dabei verspricht der Wandtext zu Evgeny Tverdokhlebovs Soundinstallation „Between Noise and Voice“ einen KI-generierten Loop aus Fragmenten meiner maschinell interpretierten Stimme. Klappt es beim nächsten Versuch?

Das Museum Angewandte Kunst gleich dieser Tage einem digitalen Spielparcours. In Kooperation mit dem saasfee*pavillon ist die Ausstellung „AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen“ entstanden. Sie ist nicht die erste Ausstellung zu diesem Thema in Frankfurt. Die Schau „I am here to learn“ im Frankfurter Kunstverein erforschte schon 2018 die kreativen und bilderzeugenden Potenziale Künstlicher Intelligenz. Ihr damaliger Kurator Mattis Kuhn ist diesmal mit einer eigenen Arbeit vertreten.

Vor acht Jahren glich KI noch Science-Fiction – inzwischen ist sie zum Megatrend und allgegenwärtigen Buzzword avanciert. Der Umgang mit KI-Chatbots sowie Text- und Bildgeneratoren gehört heute zum Alltag vieler Menschen. Und so prägen vor allem die auf bejahend-freundliche Hilfsbereitschaft getrimmten KI-Assistenten unsere Wahrnehmung Künstlicher Intelligenz. „AI-Worlding“ zeigt unterdessen, wie die Technologie experimentell eingesetzt werden kann und was ihre rasante Weiterentwicklung für die Generierung audiovisueller Objekte und Raumerfahrungen bedeuten kann.

Kunstraum mit großen Fenstern, Mikrofonen und Lautsprechern für eine Klanginstallation. Minimalistische Einrichtung.
AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen. Ausstellungsansicht
© Museum Angewandte Kunst, Foto: Günzel/Rademacher
Moderne Galerieansicht mit kreativem Video und skulpturaler Installation im Vordergrund.
AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen. Ausstellungsansicht
© Museum Angewandte Kunst, Foto: Günzel/Rademacher
Moderne Kunstgalerie mit abstrakten Gemälden in Grün, Gelb und Grau an einer weißen Wand. Helle und einladende Atmosphäre.
AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen. Ausstellungsansicht
© Museum Angewandte Kunst, Foto: Günzel/Rademacher

Zwischen Co-Kreation und Kritik

Marlon Hesse hat im Dialog mit ChatGPT ein Triptychon geschaffen. Seine in Sprühfarbe ausgeführten Gemälde lassen an abstrakte Kunstströmungen der Nachkriegszeit denken. Nicht zufällig ist die Bildserie mit „When the Machine Decides“ betitelt: Parameter wie Material, Farbauftrag, Komposition und Arbeitsschritte legte die KI im beständigen Dialog mit dem Künstler detailliert fest. Manchmal agierte die Maschine gar als Kritikerin.

„Die rechte Bildhälfte darf intensiver sein – sie markiert die Zone der ‚Entscheidung‘“, schreibt ChatGPT auf Seite 32 des insgesamt 447 Seiten umfassenden Chatprotokolls, das Marlon Hesse neben den Gemälden per QR-Code zur Verfügung stellt. Den oftmals mit Mythen und Missverständnissen beladenen Entstehungsprozess eines Kunstwerks macht er auf diese Weise radikal transparent. Nebenbei darf sein Projekt als augenzwinkernder Gruß an Sigmar Polke gelten, der 1969 mit „Höhere Wesen befahlen: rechte obere Ecke schwarz malen!“ das mitunter sakrale Pathos abstrakter Kunst persiflierte.

Drei abstrakte Gemälde in Grün, Gelb und Grau in einem modernen Ausstellungsraum mit weißen Wänden.
Marlon Hesse, “When the Machine Decides”, 2026, Sprühfarbe und Gesso auf Leinwand, 160×200cm
© Marlon Hesse

Zwischen Ornament und Observation

An Malerei erinnern auch Xiangyi Fus Bilddrucke, die von der KI in ornamentale Muster, Kompositionen und Landschaften übersetzte mikroskopische Aufnahmen menschlicher Hautporen, Falten und Haare zeigen. Die Nahaufnahmen menschlicher Haut dienten der Künstlichen Intelligenz als Trainingsmaterial (oder gar als Inspiration?) zur Generierung neuer Bilder. Xiangyi Fu schuf also eine Ornamentmaschine.

Elisa Deutloff und Chelsea Hartmann machen indessen die Ausstellungsbesuchenden zum künstlerischen Material: In ihrer Rauminstallation „10.0.0.0/8“ sieht man der Echtzeitanalyse seiner gefilmten Bewegungen zu, die Besuchenden findeen sich als Streichholzmännchen auf einem Screen wieder. Die Analyse wirkt sich wiederum auf die auf biomorphe Projektionsflächen geworfenen Videos aus. Wir werden also studiert: Ein kalter Schauer fährt dem humanen Datensatz über den Rücken, der den neutralen, willenlosen Blick der unablässig beobachtenden und lernenden Maschine auf sich spürt, die bereit ist, alles Lebendige zu Datensalat zu verarbeiten.

Wie gut, dass Evgeny Tverdokhlebovs Installation „Between Noise and Voice“ ein kurzzeitiges Erwachen aus dieser Dystopie erlaubt. Mit der ins Mikrofon gesprochenen Frage „Magst du Äpfelwein?“ habe ich endlich Glück: Die Künstliche Intelligenz unterteilt sie in zwei Sätze – „Magst du Äpfel?“ (Tonfall: „sad“) und „Fine“ (Tonfall: „disgusted“). Schon erfüllt ein sphärisch-abgehacktes Endlosecho meines Ausspruchs den Raum. Und plötzlich fühle ich mich als Creator und nicht mehr bloß als Studienobjekt.

Hängende transparente Platten zeigen verschiedene Texturen und Farben, die an die menschliche Haut erinnern.
Xiangyu Fu, “Pore, Wrinkle, Hair”, 2026, 21 UV-Drucke auf Acrylglas, je 80 × 60 cm
Foto: Jakob Dieckmann
Installation mit skulpturalen Elementen und Projektionen in einem zeitgenössischen Raum.
Elisa Deutloff und Chelsea Hartmann, Multimedia-Installation “10.0.0.0/8”, 2026, Multi-Kanal Realtime-Video und 4.1 Soundscape, Skulpturen (Stahl, Aluminium, Polystyrol, Gips, Harz), Kameras, Mikrofone
Foto: Günzel/Rademacher
Moderne Kunstinstallation mit Projektionen, skulpturalen Elementen und minimalistischem Raumdesign.
AI-Worlding. Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen. Ausstellungsansicht
© Museum Angewandte Kunst, Foto: Günzel/Rademacher

AI-Worlding.
Künstlerische Forschung zu KI-generierten Weltmodellen

Museum Angewandte Kunst
Frankfurt
eine Zusammenarbeit mit dem saasfee*pavillon
13. Februar bis 26. April 2026