Können sich digitale Künstler*innen den politischen Auswirkungen von Technologien entziehen?

Marija Bozinovska Jones: Beginningless Mind
„Beginningless Mind“ von Marija Bozinovska Jones ist eine Auftragsarbeit von Abandon Normal Devices (AND), der University of Salford Art Collection und den Somerset House Studios. Produziert von Abandon Normal Devices und Somerset House Studios.

14.01.2026

11 min Lesezeit

Künstler*in:
E. Scourti
Nahaufnahme einer Person mit kurzem Haar, die in die Kamera blickt, vor einem Hintergrund mit Plakaten.
Marija Bozinovska Jones

Welchen Einfluss haben Tech-Giganten auf die digitale Kunstpraxis? Juliet Jacques spricht mit den befreundeten Kunstschaffenden E. Scourti und Marija Bozinovska Jones darüber, wie sich ihre Herangehensweise an KI, Social Media & Co. angesichts der Politisierung und des zunehmenden Rechtsrucks in der Gesellschaft und im Technologiebereich verändert hat.

Ihr beide habt euch in euren jeweiligen künstlerischen Arbeiten intensiv mit digitalen Technologien und KI beschäftigt und auch mit der Frage, inwieweit sie menschliche Subjektivität prägen. Was fasziniert euch an dem Thema?

E. Scourti

Ich habe mich schon immer für die Weise interessiert, in der Subjektivität entsteht und mit den Massenmedien verwoben ist. Für meine Videoarbeit „Screen Tears“ (2008) habe ich mich zum Beispiel selbst weinend gefilmt und die Daten auf eine DVD gebrannt. Damit habe ich dann Elektronik-Fachgeschäfte aufgesucht, die DVD auf den dort befindlichen Geräten abgespielt und die Monitore und die Reaktionen der Leute gefilmt. Dabei interessierte ich mich einerseits für Vorstellungen rund um das Thema des emotionalen Kapitalismus und der Instrumentalisierung von Affekten, um das Interesse des Publikums aufrechtzuerhalten – und das wiederum produziert ein Subjekt, das weiß, wann es aufs Stichwort weinen muss –, andererseits aber auch für den Gedanken, eine bestehende Infrastruktur zu nutzen, die ebenfalls ein öffentlicher Raum ist.

Marija Bozinovska Jones

Ich habe mich damals von E. Scourtis Arbeiten anregen lassen und in meinen künstlerischen Arbeiten mehrere Jahre lang KI benutzt. Zunächst arbeitete ich mit Sprachsynthese, speziell im Zusammenhang mit Black-Box-Modellen und stark vergeschlechtlichten persönlichen Assistentinnen wie Alexa und Siri, und beschäftigte mich mit Playbour – dabei interessierte ich mich schon immer für die Diskrepanzen, die auftreten, wenn man ein biologisches in ein technologisches System zu übertragen versucht.

Nahaufnahme einer Person mit kurzem Haar, die in die Kamera blickt, vor einem Hintergrund mit Plakaten.
E. Scourti
© E. Scourti
Marija Bozinovska Jones
© Rama Lee

Hat sich eure Praxis geändert, seit immer offenkundiger wird, dass sich die politische Haltung einiger der hinter diesen Technologien stehenden Eigentümer nach rechts verlagert?

E. Scourti

Ja, absolut. Ich habe 2019 mit der Arbeit an meiner Doktorarbeit begonnen und in diesem Zusammenhang mein Twitter-Archiv herangezogen. Twitter war damals noch ein anderer Ort – ein Raum des Austauschs, an dem man eine Menge Informationen erhielt. Es gab dort eine Community von Leuten, die man persönlich, aber auch auf einer parasozialen Ebene kannte. Trolling, Transphobie, Rassismus und persönliche Angriffe kamen aber ebenfalls vor. In meiner Dissertation habe ich eigene Tweets zu einem Text collagiert und hierzu Präambeln festgelegt, die dann von mir theoretisch beleuchtet werden sollten. Letzten Sommer, also ein Jahr etwa nachdem Twitter zu X wurden, habe ich schließlich zu schreiben begonnen – mein Profil ließ ich noch offen, weil ich das ja musste, aber ich habe es nicht mehr benutztNach der Übernahme von Twitter durch Elon Musk änderte sich auch der Tenor meiner Dissertationsschrift, sie hielt nun einen historischen Moment fest. Angesichts dessen wollte ich mich in meiner Doktorarbeit aber nicht mit Musk beschäftigen und darüber reden, wie schrecklich er ist. Das war einer der Hauptgründe, warum ich Twitter verlassen habe – die Plattform war nicht mehr praktikabel.

Blick ins Weltall mit Satelliten-Solarmodulen und der Erde im Hintergrund.
Marija Bozinovska Jones: Beginningless Mind
„Beginningless Mind“ von Marija Bozinovska Jones ist eine Auftragsarbeit von Abandon Normal Devices (AND), der University of Salford Art Collection und den Somerset House Studios. Produziert von Abandon Normal Devices und Somerset House Studios.
Marija Bozinovska Jones: Beginningless Mind
„Beginningless Mind“ von Marija Bozinovska Jones ist eine Auftragsarbeit von Abandon Normal Devices (AND), der University of Salford Art Collection und den Somerset House Studios. Produziert von Abandon Normal Devices und Somerset House Studios.

Künstliche Intelligenz wird in ganz unterschiedlichen Weisen offensiv gepusht, so etwa als Ersatztool für die Bilderzeugung und zum Erschaffen von Kunst. Ihr habt beide KI in eurer Arbeit eingesetzt, daher frage ich mich, ob ihr das Gefühl habt, möglicherweise zu einer solchen affirmativen Haltung gegenüber KI, aber auch weiter gefasst zu den technologischen Entwicklungen generell, mit beizutragen?

Marija Bozinovska Jones

Als die Verwendung von KI in der Bilderzeugung explosionsartig zunahm, bin ich ausgestiegen. Davor habe ich aber viel mit KI gearbeitet. Meine Arbeit „Beginningless Mind“ (2020) entstand zu Beispiel unter Einsatz natürlicher Sprachverarbeitung, die ich zusammen mit dem Informatiker Jayson Haebich entwickelt habe. Die Arbeit macht deutlich, wie leicht Wissen beeinflusst werden kann, wie es mitsamt seinen eingebetteten Falschinformationen und Voreingenommenheiten zirkuliert und bereits bestehende Überzeugungen oftmals noch verstärkt. Wir erstellten eine spezielle Software, die Sprache entschlüsselt und in Echtzeit auf Suchanfragen im Web überträgt. Hierfür benutzte ich eine weibliche Stimme, um mit dem David-Attenborough-Stil von Naturdokumentationen aufzuräumen; der gesprochene Inhalt folgt dem Prinzip des assoziativen Denkens und ist von Wikipedia übernommen, das ja ein hohes Maß an Faktengenauigkeit für sich in Anspruch nimmt. Die gesprochenen Erzählstränge haben wir auf Suchmaschinenergebnisse übertragen; diese präsentieren Informationen, nach denen die meisten User*innen – wenn auch mit fragwürdiger Genauigkeit – gesucht haben. Onlinesuchen entsprechen der heutigen populistischen Vorstellung von enzyklopädischem Wissen. Parallel hierzu gibt es noch einen weiteren bestimmenden Faktor: die SEO (Suchmaschinenoptimierung) als ein kostenpflichtiger Service. Doch kann dieser Mechanismus auch auf unvorhersehbare Weise agieren und lässt sich nicht ganz so einfach kontrollieren und manipulieren. Denn die Funktionsweisen, die wir übernommen haben und fortführen, sind so komplex, dass wir meist nicht in der Lage sind, das zu handeln, was wir erschaffen, was sich im aktuellen politischen Klima gut beobachten lässt.

E. Scourti

Ich habe mit frühen Formen der KI gearbeitet und Performances mithilfe von Textvorhersagen durchgeführt: Dabei las das Programm, was ich geschrieben hatte, und schloss hieraus auf das, was ich als Nächstes sagen würde. Zusammen mit einem Programmierer entwickelte ich einen Twitter-Bot, der in der Art seiner Reaktionen eine Vorwegnahme von ChatGPT darstellte. Der Bot wählte Wörter aus den Tweets von Nutzer*innen aus und erstellte als Antwort hierauf digitale Karten. Das ist schon aufregend, mit einem Programm zu arbeiten, das man selbst entwickelt hat, doch ab welchem Zeitpunkt stellt sich dann das Gefühl ein, dass man die Ubiquität solcher Software noch verstärkt oder vielleicht sogar hilft, diese zu trainieren?

E. Scourti: Life in Ad
© E. Scourti
Eine Wand mit mehreren Fernsehern, die unterschiedliche Sendungen ausstrahlen.
E. Scourti: Screen Tears, 2008
© E. Scourti
Eine ungekämmte Person sitzt neben einem schwarz-weißen Kater in einem hellen Raum.
E. Scourti: Life in Ad
E. Scourti

KI diente euch also als kritisches künstlerisches Werkzeug, um ihr inhärentes Gefahrenpotenzial zu erforschen – sei es in Form von Falschinformationen, virtueller Subjektivität oder der Bestätigung von Voreingenommenheiten. Wie sieht es mit den sozialen Medien aus? Sollten sich Künstler*innen dem ganz entziehen? Wie könnte ein kritischer Umgang aussehen?

E. Scourti

Die sozialen Medien bildeten einen weiteren öffentlichen Bereich, den man für eigene Zwecke nutzen konnte. Künstler*innen haben schon immer die Medien ihrer Zeit in den Blick genommen: Als die Portapak (ein eigenständiges analoges Videorekordersystem) 1967 auf den Markt kam, setzten einige sie vor dem Hintergrund des Vietnamkriegs für Kritik am militärisch-industriellen Komplex ein, in dessen Kontext die Videotechnik ja entwickelt worden war. Andere wiederum hielten dagegen, dass die Nutzung solcher Technologien deren Dominanz noch verstärken würde. In früheren Arbeiten habe ich mich mit dem iPhone und der Textvorhersage als den Massenmedien unserer Zeit beschäftigt. Inzwischen aber habe ich das Gefühl, dass sich praktisch jede Auseinandersetzung mit diesen Technologien – vor allem für Künstler*innen mit einer kritischen Betrachtungsweise – den politischen Auswirkungen fast nicht entziehen kann. Inwieweit aber würde es nützen, diesen gesamten Bereich des Kunstschaffens der extremen Rechten oder politisch nicht engagierten Menschen zu überlassen? Sobald man jedoch mit KI oder Social Media arbeitet, benutzt man auch die Werkzeuge der Herrschenden. Dabei gibt es durchaus Möglichkeiten, sich hier zu positionieren: Hito Steyerl setzt sich mit diesen Themen auseinander, spricht den politischen Inhalt sehr klar an, statt einfach nur mit dem neuen Gimmick zu spielen und zu demonstrieren, wie gut es funktioniert.

In meinem früheren Projekt „Life in Adwords“ (2012/13) habe ich Tagebucheinträge auf dem Laptop geschrieben, sie dann an meinen Gmail-Account geschickt und die Keywords gesammelt, die das System in Reaktion hierauf generierte. Ich wollte untersuchen, inwiefern bestimmte Dienste kostenlos zur Verfügung stehen, solange wir unsere persönlichen Daten preisgeben. Es war eine kritische Erkundung der damals neu entstehenden algorithmischen Identitäten.

Marija Bozinovska Jones

Ich beobachte weiterhin ein Bedürfnis, sich zu beteiligen und sich zu engagieren, zu agieren und zu reagieren, weshalb auch die bildgenerierende KI so weite Verbreitung gefunden hat. Vor einer Weile habe ich daher beschlossen, mich wieder dem Medium Video zuzuwenden, das man als altmodisch bezeichnen könnte. Doch ich benutzte die vom Gaming bekannte Third-Person-Perspektive, die Subjektivität verleiht. Daran anschließend verwendete ich später auch ephemere Medien und partizipative Formen, die kollektiv erlebt werden können – Tea Breaks und Lesungen sowie Praktiken verkörperter Bewegung. Ich hielt einen Vortrag im Barbican Conservatory, mit Opferspeisen zur Durchbrechung utilitaristischer Seinsweisen. Ich interessiere mich für die Schenkökonomie, die eine andere Werteordnung bietet, zur Destabilisierung der Tauschwirtschaften. Dies widerspricht den Prinzipien, nach denen die Welt seit Jahrhunderten größtenteils funktioniert – doch zeigt sich hierin, dass auch heute noch Möglichkeiten bestehen, auf andere Weise zu wirken, als wir durch die Sozialen Medien & Co. gemeinhin annehmen. So ermöglicht die Teilnahme an einzelnen oder gemeinschaftlichen Retreats etwa Emanzipation und Integration, sodass wir in den Alltag zurückkehren und uns wieder sinnvoll einbringen können.

E. Scourti: Life in Ad
© E. Scourti

Was ist dein Retreat, E. Scourti? Hast du Strategien entwickelt, um dich den neuen Technologien bzw. ihrer kritischen Analyse als Künstlerin gelegentlich zu entziehen?

E. Scourti

Was mein „Retreat“ betrifft, so bin ich politisch engagierter geworden, vor allem seitdem ich in Athen lebe. In der queer-anarchistischen Szene gibt es eine Omertà in Bezug auf das Sprechen über bestimmte Dinge in den sozialen Medien. Man teilt dort nicht, dass man in einem besetzten Haus war oder was immer man gerade zu organisieren versucht, um soziales Kapital aufzubauen. In der DIY-/Underground-Szene gibt es eine Kultur der Mundpropaganda, auch deshalb, damit die Polizei ihr nicht auf die Spur kommt. Es hängen Anschläge in der Stadt, man muss nicht auf Instagram posten.

Aber um noch einmal zurückzukommen auf die Technologie: Sowie das Digitale im Spiel ist, meinen die Leute ja, dass es bei dem Kunstwerk darum gehen würde, doch kann es genauso gut um andere generative Aspekte gehen. Ich als bilinguale Künstler*innen bin zum Beispiel fasziniert von dem Aspekt der Übersetzung. Mich interessiert die Weise, in der der Algorithmus griechische Texte zu lesen und sie phonetisch ins Englische zu transkribieren versucht, was zu Unklarheiten und Missverständnissen führt. Ich bemühe mich, Algorithmen oder die KI so zu verwenden, dass sie sich gegen sich selbst kehren, im Sinne einer Unproduktivität, die sich kreativ nutzen lässt. In einem aktuellen Projekt habe ich eine App zur optischen Zeichenerkennung benutzt, um handschriftlich verfassten Text in ein digitales Format zu überführen, und ihn dann collagiert. Dabei kommt das Zufallselement hinzu, so wie bei Mallarmé und seinem Würfelwurf oder anderen zufallsbasierten Verfahren, die Künstler*innen und Schriftsteller*innen verwendet haben.

Derzeit arbeite ich an einem Projekt, bei dem ich mein Handy in Plastikbeutel von der Sicherheitskontrolle packe und diese mit Nagellack bemale, um einen improvisierten Filter zu erhalten. Hierbei entstehen traumähnliche, gesättigte Bilder. Das ist eine andere Art, Bezug auf Technologie zu nehmen – Subjektivität wird ja stets durch eine Art Schnittstelle vermittelt, hier aber kommt sie billig daher. Zugleich wird auch Bezug genommen auf den Grenzapparat, der ja hoch technisiert ist. Ich finde, es lohnt sich, Arbeiten zu diesem Thema aus einer kritischen Perspektive heraus zu schaffen, doch wird es zunehmend schwieriger, wenn der Kontext diese Tech-Bro-Oligarchie ist.

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