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Larger than Life

16.01.2018

6 min Lesezeit

In extravaganten Dimensionen: Der Kinofilm „A Private Portrait“ ist eine Hommage an den Maler und Filmemacher Julian Schnabel, aus der hin und wieder die Angst vor dem eigenen Resultat durchblitzt.

Julian Schnabel ist einer jener KĂŒnstler, zu dem jedem irgendwie kunstinteressierten Menschen etwas einfĂ€llt, wenn auch nicht unbedingt ein aktuelles Werk. Sondern, zum Beispiel auch: BerĂŒhmte Freunde, berĂŒhmte Kinder, seine spezielle Vorliebe fĂŒr Pyjamas, sein extravagantes Wohnhaus, seine bĂ€rige Erscheinung. Vielleicht noch die ĂŒberdimensionalen „Teller-Bilder“, auf denen er zerbrochenes Essgeschirr als Malunterlage verwendete (das amerikanische Wikipedia listet tatsĂ€chlich  ‚Style: "Plate paintings"‘ in seinem Steckbrief).

Seine GemĂ€lde, mit denen er Anfang der 1980er Jahre nach kometenhaftem Aufstieg ein renommiertes Ausstellungshaus nach dem anderen bespielte, wurden nicht viel spĂ€ter von Kritikern und Kuratoren ein Jahrzehnt lang weitestgehend ignoriert. Entsprechend genervt konnte man Schnabel in Interviews erleben, wenn seine Fragesteller ihn allzu sehr in eine Ecke drĂ€ngen wollten. Vielleicht auch deshalb probiert es Filmemacher Pappi Corsicato mit einer wohlwollend-zugewandten Haltung: In „Julian Schnabel – A Private Portrait“ orientiert er sich an einer Narration, die der heute 66-jĂ€hrige KĂŒnstler und seine Familie selbst vorgeben.

Ein großer KĂŒnstler werden

Die beginnt gleich mit einem typischen Schnabel-Zitat: „Als ich jung war, wollte ich ein großer KĂŒnstler werden
 ohne zu wissen, wie diese Kunst ĂŒberhaupt aussehen sollte.“ Seine Schwester erzĂ€hlt von den einfachen VerhĂ€ltnissen, in denen beide aufwuchsen, und wie Julian zum charmanten Pascha wurde, dem jeder alle WĂŒnsche erfĂŒllen wollte – weil er umgekehrt ebenso großherzig und mitreißend sein konnte. Dann erzĂ€hlen seine Ex-Frauen und Kinder, zwischendurch auch der Maler selbst, dazu werden Bilder und Archivaufnahmen geschnitten. Die stĂ€ndige Klavieruntermalung, die sprunghafte Aneinanderreihung von Szenen lassen gerade die erste FilmhĂ€lfte wie eine nie enden wollende EinfĂŒhrung erscheinen.

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Pappi Corsicato
Julian Schnabel, A Private Portait, © Pofirio Munoz

Schnabel wird immer wieder als Larger-than-life-Persönlichkeit skizziert, an der alles riesig ist: riesige LeinwĂ€nde, riesige Pinsel, riesiger Freundeskreis, fĂŒr aktuelle VerhĂ€ltnisse ĂŒberdurchschnittlich große Familie nebst Kinderschar, riesiges elfstöckiges, pinkes Wohnhaus mitten in Manhattan, der berĂŒhmte „Palazzo Chupi“. Dem Film hĂ€tte bisweilen das gegenteilige Prinzip ganz gut getan. So atmet man regelrecht auf, wenn Corsicato einmal kurz das Tempo herausnimmt, um zumindest die Chance auf eine AnnĂ€herung zu bieten.

Ein PlÀdoyer

Durch seine zahlreichen FĂŒrsprecher wird „A Private Portrait“ stellenweise ein PlĂ€doyer fĂŒr seine Hauptfigur. Neben Kunstsammlern erklĂ€ren auch Hollywood-Schauspieler wie Al Pacino und Willem Dafoe ihre Bewunderung, U2-SĂ€nger Bono darf mit einem gefĂŒhligen Zitat nicht fehlen, und auch seine Kinder, insbesondere die Töchter Stella und Lola, scheinen wie die ganze Welt ein wenig verknallt in den großen Julian Schnabel. 

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Weltkino Filmverleih

An einer Stelle erklĂ€rt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Alison Gingeras, wie unterschĂ€tzt und missverstanden Schnabels Kunst im Diskurs der 90er Jahre gewesen sein muss. Wie uncool es war, Schnabel gut zu finden. Dabei habe er etliche Paradigmen der Malerei gebrochen – und hier folgt auch schon der Schnitt; welche das sind, erfĂ€hrt der Zuschauer gerade nicht. Genug zu erzĂ€hlen gĂ€be es, nicht nur an dieser Stelle: So erklĂ€rt sein erstaunlich bescheiden wirkender Sohn Vito, den viele weniger als KunsthĂ€ndler denn aus den Klatschzeitschriften kennen, dass sein Vater einer der wenigen KĂŒnstler seines Kalibers sei, der seine RiesenleinwĂ€nde eben noch selbst bearbeite.

Unbeeindruckt vom Cool der Konzeptkunst

Und richtig: Bei Jeff Koons, der von Schnabels Großherzigkeit berichtet, mit der er den damals noch unbekannten Konkurrenten weiterempfahl, pinseln wie zur Untermauerung im Hintergrund gleich mehrere Assistenten. Die New Yorker Galeristin Mary Boone wiederum erklĂ€rt, wie sie eigentlich auf der Suche nach etwas ganz anderem und dann trotzdem hingerissen war von Schnabels Kunst und, klar, auch von Schnabel selbst, der völlig unbeeindruckt vom minimalistischen Cool der Konzeptkunst seiner Zeit malte. Oft figurativ, in bekanntlich extravaganten Dimensionen.

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Sante D'Orazio
Julian Schnabel, A Private Portrait, © Porfirio Munoz


Einen relativ großen Raum nehmen Szenen ein, in denen Schnabel als Filmemacher agiert: Mitte der 1990er Jahre begann er, die Geschichte seines verstorbenen Freundes Basquiat zu verfilmen – David Bowie ĂŒbernahm die Rolle von Andy Warhol. Es folgten „Before Night Falls“, in dem Javier Bardem den kubanischen Schriftsteller Reynaldo Arenas und sein Sohn Vito ebenden in jungen Jahren spielten, und „Schmetterling und Taucherglocke“, der 2007 die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes erhielt. Hauptdarsteller Mathieu Amalric berichtet begeistert von den ungewöhnlichen Dreharbeiten, in denen Schnabel ihn, der einen bis auf die Augen vollstĂ€ndig gelĂ€hmten Mann spielt, tatsĂ€chlich in einer Art selbstgebautem Kasten um den Kopf herum agieren ließ. 

Malen, das offenbar alles bedeutet

„A Private Portrait“ ist stellenweise weniger eines von Julian Schnabel, wie der Name suggeriert, als vielmehr eines ĂŒber das gleichnamige PhĂ€nomen. Gerade weil das Projekt offensichtlich gut gemeint ist, entfaltet es bisweilen eine paradoxe Wirkung: Eine Hommage, aus der ein wenig die Angst vor dem eigenen Resultat durchblitzt. 

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Weltkino Filmverleih

So schnell eilt sie durch die eigenen Szenen, hier schnell ein Schnitt, dort keine Atempause, in der man als Zuschauer vielleicht einfach einmal eine Sekunde lÀnger beobachten könnte, wie Schnabel im Atelier den riesigen Pinsel schwingt, farbgetrÀnkte Stoff-Fetzen auf die Leinwand wirft oder gleich mit seiner ganzen Hand selbst darauf malt, ohne permanente Musik, Schnitte oder Off-Kommentar. Vielleicht statt der vielen Schnipsel einige lÀngere Passagen, Entwicklung und Prozess des Malens, das Schnabel doch offenbar alles bedeutet.

Der Film endet, wie er begonnen hat: Julian Schnabel als liebevoller Familienvater, hier mit seinem jĂŒngsten Sohn, noch ein Baby, Name und Mutter bleiben wie vieles im Film unerwĂ€hnt. Man kann sein Charisma, um das es hier wohl auch gehen soll, erahnen. Noch eine Szene zuvor zeigte Schnabel in einer Archiv-Aufnahme vor einer riesigen Leinwand, die den doch eigentlich ebenfalls mĂ€chtig wirkenden KĂŒnstler mit zunehmendem Herauszoomen immer kleiner und bescheidener erscheinen ließ.

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Weltkino Filmverleih

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