Julian Schnabel ist einer jener KĂŒnstler, zu dem jedem irgendwie kunstinteressierten Menschen etwas einfĂ€llt, wenn auch nicht unbedingt ein aktuelles Werk. Sondern, zum Beispiel auch: BerĂŒhmte Freunde, berĂŒhmte Kinder, seine spezielle Vorliebe fĂŒr Pyjamas, sein extravagantes Wohnhaus, seine bĂ€rige Erscheinung. Vielleicht noch die ĂŒberdimensionalen âTeller-Bilderâ, auf denen er zerbrochenes Essgeschirr als Malunterlage verwendete (das amerikanische Wikipedia listet tatsĂ€chlich âStyle: "Plate paintings"â in seinem Steckbrief).
Seine GemĂ€lde, mit denen er Anfang der 1980er Jahre nach kometenhaftem Aufstieg ein renommiertes Ausstellungshaus nach dem anderen bespielte, wurden nicht viel spĂ€ter von Kritikern und Kuratoren ein Jahrzehnt lang weitestgehend ignoriert. Entsprechend genervt konnte man Schnabel in Interviews erleben, wenn seine Fragesteller ihn allzu sehr in eine Ecke drĂ€ngen wollten. Vielleicht auch deshalb probiert es Filmemacher Pappi Corsicato mit einer wohlwollend-zugewandten Haltung: In âJulian Schnabel â A Private Portraitâ orientiert er sich an einer Narration, die der heute 66-jĂ€hrige KĂŒnstler und seine Familie selbst vorgeben.
Ein groĂer KĂŒnstler werden
Die beginnt gleich mit einem typischen Schnabel-Zitat: âAls ich jung war, wollte ich ein groĂer KĂŒnstler werden⊠ohne zu wissen, wie diese Kunst ĂŒberhaupt aussehen sollte.â Seine Schwester erzĂ€hlt von den einfachen VerhĂ€ltnissen, in denen beide aufwuchsen, und wie Julian zum charmanten Pascha wurde, dem jeder alle WĂŒnsche erfĂŒllen wollte â weil er umgekehrt ebenso groĂherzig und mitreiĂend sein konnte. Dann erzĂ€hlen seine Ex-Frauen und Kinder, zwischendurch auch der Maler selbst, dazu werden Bilder und Archivaufnahmen geschnitten. Die stĂ€ndige Klavieruntermalung, die sprunghafte Aneinanderreihung von Szenen lassen gerade die erste FilmhĂ€lfte wie eine nie enden wollende EinfĂŒhrung erscheinen.
Schnabel wird immer wieder als Larger-than-life-Persönlichkeit skizziert, an der alles riesig ist: riesige LeinwĂ€nde, riesige Pinsel, riesiger Freundeskreis, fĂŒr aktuelle VerhĂ€ltnisse ĂŒberdurchschnittlich groĂe Familie nebst Kinderschar, riesiges elfstöckiges, pinkes Wohnhaus mitten in Manhattan, der berĂŒhmte âPalazzo Chupiâ. Dem Film hĂ€tte bisweilen das gegenteilige Prinzip ganz gut getan. So atmet man regelrecht auf, wenn Corsicato einmal kurz das Tempo herausnimmt, um zumindest die Chance auf eine AnnĂ€herung zu bieten.
Ein PlÀdoyer
Durch seine zahlreichen FĂŒrsprecher wird âA Private Portraitâ stellenweise ein PlĂ€doyer fĂŒr seine Hauptfigur. Neben Kunstsammlern erklĂ€ren auch Hollywood-Schauspieler wie Al Pacino und Willem Dafoe ihre Bewunderung, U2-SĂ€nger Bono darf mit einem gefĂŒhligen Zitat nicht fehlen, und auch seine Kinder, insbesondere die Töchter Stella und Lola, scheinen wie die ganze Welt ein wenig verknallt in den groĂen Julian Schnabel.Â
An einer Stelle erklĂ€rt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Alison Gingeras, wie unterschĂ€tzt und missverstanden Schnabels Kunst im Diskurs der 90er Jahre gewesen sein muss. Wie uncool es war, Schnabel gut zu finden. Dabei habe er etliche Paradigmen der Malerei gebrochen â und hier folgt auch schon der Schnitt; welche das sind, erfĂ€hrt der Zuschauer gerade nicht. Genug zu erzĂ€hlen gĂ€be es, nicht nur an dieser Stelle: So erklĂ€rt sein erstaunlich bescheiden wirkender Sohn Vito, den viele weniger als KunsthĂ€ndler denn aus den Klatschzeitschriften kennen, dass sein Vater einer der wenigen KĂŒnstler seines Kalibers sei, der seine RiesenleinwĂ€nde eben noch selbst bearbeite.
Unbeeindruckt vom Cool der Konzeptkunst
Und richtig: Bei Jeff Koons, der von Schnabels GroĂherzigkeit berichtet, mit der er den damals noch unbekannten Konkurrenten weiterempfahl, pinseln wie zur Untermauerung im Hintergrund gleich mehrere Assistenten. Die New Yorker Galeristin Mary Boone wiederum erklĂ€rt, wie sie eigentlich auf der Suche nach etwas ganz anderem und dann trotzdem hingerissen war von Schnabels Kunst und, klar, auch von Schnabel selbst, der völlig unbeeindruckt vom minimalistischen Cool der Konzeptkunst seiner Zeit malte. Oft figurativ, in bekanntlich extravaganten Dimensionen.
Einen relativ groĂen Raum nehmen Szenen ein, in denen Schnabel als Filmemacher agiert: Mitte der 1990er Jahre begann er, die Geschichte seines verstorbenen Freundes Basquiat zu verfilmen â David Bowie ĂŒbernahm die Rolle von Andy Warhol. Es folgten âBefore Night Fallsâ, in dem Javier Bardem den kubanischen Schriftsteller Reynaldo Arenas und sein Sohn Vito ebenden in jungen Jahren spielten, und âSchmetterling und Taucherglockeâ, der 2007 die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes erhielt. Hauptdarsteller Mathieu Amalric berichtet begeistert von den ungewöhnlichen Dreharbeiten, in denen Schnabel ihn, der einen bis auf die Augen vollstĂ€ndig gelĂ€hmten Mann spielt, tatsĂ€chlich in einer Art selbstgebautem Kasten um den Kopf herum agieren lieĂ.Â
Malen, das offenbar alles bedeutet
âA Private Portraitâ ist stellenweise weniger eines von Julian Schnabel, wie der Name suggeriert, als vielmehr eines ĂŒber das gleichnamige PhĂ€nomen. Gerade weil das Projekt offensichtlich gut gemeint ist, entfaltet es bisweilen eine paradoxe Wirkung: Eine Hommage, aus der ein wenig die Angst vor dem eigenen Resultat durchblitzt.Â
So schnell eilt sie durch die eigenen Szenen, hier schnell ein Schnitt, dort keine Atempause, in der man als Zuschauer vielleicht einfach einmal eine Sekunde lÀnger beobachten könnte, wie Schnabel im Atelier den riesigen Pinsel schwingt, farbgetrÀnkte Stoff-Fetzen auf die Leinwand wirft oder gleich mit seiner ganzen Hand selbst darauf malt, ohne permanente Musik, Schnitte oder Off-Kommentar. Vielleicht statt der vielen Schnipsel einige lÀngere Passagen, Entwicklung und Prozess des Malens, das Schnabel doch offenbar alles bedeutet.
Der Film endet, wie er begonnen hat: Julian Schnabel als liebevoller Familienvater, hier mit seinem jĂŒngsten Sohn, noch ein Baby, Name und Mutter bleiben wie vieles im Film unerwĂ€hnt. Man kann sein Charisma, um das es hier wohl auch gehen soll, erahnen. Noch eine Szene zuvor zeigte Schnabel in einer Archiv-Aufnahme vor einer riesigen Leinwand, die den doch eigentlich ebenfalls mĂ€chtig wirkenden KĂŒnstler mit zunehmendem Herauszoomen immer kleiner und bescheidener erscheinen lieĂ.
Artikel, Filme, Podcasts - das SCHIRN MAGAZIN direkt als WhatsApp-Nachricht empfangen, abonnieren unter www.schirn-magazin.de/whatsapp