In der Schirn öffnet die KĂŒnstlerin Kara Walker ihre ArbeitsstĂ€tte. Dazu baut sie weder ihr Atelier auf, noch können die Besucher*innen ihr bei der Arbeit ĂŒber die Schulter sehen. Walker zeigt uns mehr als ihren Arbeitsplatz. Sie zeigt uns ihre Arbeitsweise und ihren kreativen NĂ€hrboden in Form einer umfassenden Selbstarchivierung ĂŒber rund 600 ausgestellte Werke. Vorrangig sind es Zeichnungen, die wie grafische Notizzettel, malerische Hinweise und bildstarke Post-its einen eigenen Kosmos dokumentieren. Jede Zeichnung verbildlicht ihre Gedanken.
Walkers Archiv folgt einer eigenen Logik und macht Leerstellen, Ăberlagerungen deutlich. Doch zurĂŒck auf Anfang: In der Regel entscheiden Kurator*innen und Archivar*innen, was ins Archiv kommt. Das vorab definierte Sammlungsprofil zeigt, was ins Archiv kommt. Meist wird der Anspruch nach VollstĂ€ndigkeit laut. Soweit der Vorsatz, doch dabei treten viele HĂ€user an ihre Grenzen. Kommt ein StĂŒck ins Archiv, wird es zunĂ€chst datiert, benannt, vermessen und in ein Verzeichnis aufgenommen. Hierbei lassen sich erste Hierarchien und Wertungen erkennen, wird beispielsweise der mĂ€nnliche Fotograf benannt, die portrĂ€tierte weibliche Person jedoch nicht.
Archive erscheinen wie Kapseln der ZeitÂloÂsigÂkeit
Die Zeugnisse aus der Vergangenheit werden durch die Archive in die Gegenwart gebracht. Damit erscheinen Archive wie Kapseln der Zeitlosigkeit und die Archivalien gewinnen damit eine gewisse OriginalitĂ€t, AuthentizitĂ€t und UrsprĂŒnglichkeit. Doch trĂŒgt der Schein. SchlieĂlich wurde nicht alles aufgehoben oder manches galt als irrelevant. Zudem ging ĂŒber die Jahre Vieles verloren oder wurde von vornherein als schwer dokumentierbar aussortiert. Was gesammelt und in dieser Zeitkapsel den Status authentischer Zeitlosigkeit bekommt, ist kein natĂŒrlicher Mechanismus, sondern ein sozialhistorisches Konstrukt mit politischer Tradierung.
Das Archivierte ist ein Zeugnis seiner Zeit, doch vor allem verrÀt es auch, was den Sammler*innen wichtig war. Um das zentraleuropÀische Geschichtsdenken einmal auf den Kopf zu stellen, braucht es im Zweifel keinen spektakulÀren Fund. Womöglich reicht bereits die kritische Frage, was in den Archiven eigentlich nicht vorhanden ist oder was seit Hunderten von Jahren vergessen in einer Schublade liegt.
Walkers eigenes Archiv ist nun ausgestellt und hat es ins Rampenlicht geschafft der Ăffentlichkeit prĂ€sentiert. Walker macht ihren privaten Fundus der Allgemeinheit zugĂ€nglich und damit wird sichtbar, was hĂ€ufig verborgen bleibt. Der museale Arkane ist meistens das Archiv: Es befindet sich im Keller oder an einem fernen âAuĂenlagerâ, meist weiĂ nur ein ausgewĂ€hlter Kreis an Leuten was sich dort an welchem Standort befindet. Archive sind nicht einfach einsehbar und damit entfacht oft der Streit um Besitz, Wissensteilung und Teilhabe rund um sensible Objekte, also GegenstĂ€nde, die beispielsweise kolonial tradiert sind. Die Ăffnung von Walkers Archiv lĂ€sst sich auch als Antithese zur Geheimdunkelei westlicher Archive lesen.
Walker befasst sich mit der Geschichtsschreibung Schwarzer Menschen, konkret mit ihrem Platz, ihrer Zeit und Rolle in der Kunst(geschichte). Kara Walker behandelt alle ihre Werke gleich. Damit gelingt, dass sie die Zeichnungen immer wieder neu miteinander verknĂŒpfen kann. Je tiefer wir eindringen, desto reichhaltiger werden die synaptischen Verdichtungen und schlieĂlich entsteht ein piktorales GedĂ€chtnis. Dabei ordnet sie nicht nur ihre eigenen Arbeitszeugnisse immer wieder neu. Wesentlich ist, dass sie das zentraleuropĂ€ische Narrativ irritiert.
Walker irritiert bestehende Geschichtsnarrative
Oftmals wird Archivgut in seiner Einzigartigkeit betont. Ein besonderer Fund, ein tolles Dokument mit umfassender Geschichte wird ausgeleuchtet, erhĂ€lt einen Nimbus und wird Ă€sthetisiert. Dabei transformiert sich der historische Beleg zum Kunstwerk und erhĂ€lt eine neue QualitĂ€t. Walker prĂ€sentiert ihre Werke in Clustern und entgeht dem Vorwurf eines auratisch aufgeladenen Einzelwerkes. Sie ĂŒberzeugt mit der Masse an Material, wodurch aus einem einzelnen Ereignis eine neue Ordnung gesetzt wird. Rassismus, Sexismus, Xenophobie werden hier nicht âentsammeltâ oder als nicht dokumentierbar kategorisch abgelehnt. Walker ernennt diese Themen ganz dezidiert zum Sammlungsschwerpunkt. Damit gewinnt ihr kĂŒnstlerisches Archiv auch zeithistorische Relevanz. Ihr Archiv erdrĂŒckt nicht durch die Vielzahl, viel eher verstĂ€rkt die schiere Masse ihre Aussagekraft. Relevanz. Ihr Archiv erdrĂŒckt nicht durch die Vielzahl, viel eher verstĂ€rkt die schiere Masse ihre Aussagekraft.
