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Im Inkognito der Maske. Die Selbstbildnisse von Lyonel Feininger

13.11.2023

7 min Lesezeit

Autor*in:
Andreas Platthaus
Lyonel Feininger
Im Inkognito der Maske. Die Selbstbildnisse von Lyonel Feininger. Artikel im SCHIRN Magazin, Frankfurt.

Lyonel Feininger war ein spĂ€tberufener Maler, obwohl er frĂŒh Erfolg als Zeichner hatte. Bereits als Mittzwanziger zĂ€hlte der 1871 in New York City geborene Amerikaner zu den bekanntesten und meistgefragten Karikaturisten von Berlin, seiner Wahlheimatstadt seit 1888. Dort hatte er an der Königlichen Akademie Kunst studiert, und dort war sein Talent als Karikaturist erkannt worden – im Zentrum der Medienlandschaft des deutschen Kaiserreichs stieß Feininger damit auf großes Interesse bei den Redaktionen, aber auch auf Konkurrenz. Dass er sich durchgesetzt hatte, war ihm Anlass zu Stolz und auch zu einer gewissen Selbstzufriedenheit, die erst durch die Partnerschaft mit Julia Berg wieder in Frage gestellt wurde.

Die um neun Jahre jĂŒngere Kunststudentin lernte Feininger 1905 kennen, im Jahr vor einem Auftrag, der ihm zeitweilig finanzielle UnabhĂ€ngigkeit sicherte: Die „Chicago Tribune“ engagierte ihn fĂŒr die Anfertigung von zwei Comicserien, und obwohl die das Publikum der amerikanischen Tageszeitung ĂŒberforderten und enttĂ€uschten, weshalb sie schon bald wieder eingestellt wurden, brachte diese Arbeit Feininger doch so viel ein, dass er mit Julia Berg nach Paris gehen konnte, ohne weiterhin auf seine bisherigen deutschen Kund*innen angewiesen zu sein. Die neugewonnene Freiheit nutzte er, um in der damaligen Welthauptstadt der Kunst Malkurse zu belegen und seine ersten Bilder anzufertigen. Ohne den Comiczeichner Feininger hĂ€tte es den Maler nicht gegeben.

Lyonel Feininger, The Kin-der-kids, Sonntagsseite Chicago Tribune 17. Juni 1906, Privatsammlung, Image via SCHIRN MAG

Doch als die amerikanischen EinkĂŒnfte verbraucht waren, musste das Paar mit seinem in Paris geborenen Sohn Andreas zurĂŒck nach Berlin, wo Lyonel Feininger seine alte TĂ€tigkeit als Karikaturist noch einmal aufnahm, bis er dann von 1910 an nur noch als Maler tĂ€tig sein wollte. Die Berliner Kunstkritik ließ indes kein gutes Haar an den noch stark am karikaturesken Stil orientierten Bildern, in denen Feininger bisweilen auch sich selbst in Szene gesetzt hatte: namentlich im 1907 entstandenen GemĂ€lde „Der weiße Mann“, dessen Titelfigur die unverkennbare Physiognomie des KĂŒnstlers zeigt.

Aus der EnttĂ€uschung dieser Anfangsphase als freier KĂŒnstler resultierten zwei Charakteristika des spĂ€teren Schaffens: der „Prismaismus“ (Feininger) als eine ganz eigene Interpretation kubistischer Strategien, die keine Verwandtschaft mit seinen Humorzeichnungen aufwies, und der weitgehende Verzicht auf PortrĂ€ts und Selbstbildnisse, denn sie wĂ€ren an seinen populĂ€ren Personalkarikaturen gemessen worden. Obwohl es gerade in den beiden Jahren nach der RĂŒckkehr aus Paris eine intensive zeichnerische BeschĂ€ftigung Feiningers mit dem eigenen Konterfei gegeben hatte, sind heute nur zwei GemĂ€lde seiner Selbst bekannt. Das frĂŒhere davon verdankt sein Überleben einem GlĂŒcksfall.

Lyonel Feininger, Der weiße Mann, 1907 © Carmen Thyssen Collection, Madrid and © Museo Nacional Thyssen-Bornemsiza, Madrid / VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Unangepasst, uneingepasst und amerikanisch

Dabei war das „Selbstbildnis mit Tonpfeife" im November 1910 auf einem Höhepunkt der Unzufriedenheit des KĂŒnstlers entstanden, nachdem er kurz zuvor das Pressezeichnen aufgegeben, aber noch keine Resonanz als Maler gefunden hatte. Das GemĂ€lde setzt auf die Schockwirkung der fĂŒr Feininger damals typischen Farbkontraste, die sich immer noch seinen Erfahrungen mit lithographierten Karikaturen verdankten: GiftgrĂŒn des Gesichts trifft auf Lachsrosa der Krawatte.

Am auffĂ€lligsten aber ist die Kleidung, vor allem der breite Hut – viel eher ein amerikanischer Stetson als ein zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in Deutschland gĂ€ngiges Accessoire. Feininger stilisierte sich auf dem GemĂ€lde weitaus plakativer als in den gezeichneten SelbstportrĂ€ts zum Amerikaner in Berlin, zum Fremdkörper im buchstĂ€blichen Sinne, dem nicht einmal ein ausgefertigter Hintergrund gegönnt wird – ein Unangepasster und Uneingepasster. Einziger sichtbarer Verweis auf seine deutsche Umgebung ist die dĂŒnne Tonpfeife als Relikt des damaligen karikaturesken Klischeebilds dekadenter Jugendlichkeit. Ein mittlerweile dreifacher Familienvater ist es jedenfalls nicht, der uns da anblickt, vielmehr ein als diabolisch PortrĂ€tierter, dessen Verteufelung aber im Auge der Betrachtenden liegt.

Lyonel Feininger, Selbstbildnis mit Tonpfeife, 1910, (Foto: Punctum/Bertram Kober © VG Bild-Kunst, Bonn 2021), Image via mz.de

Das zweite gemalte SelbstportrĂ€t Feiningers entstand fĂŒnf Jahre spĂ€ter, und es sollte nicht nur einen ganz anderen Duktus, sondern auch ein ganz anderes Selbstbewusstsein aufweisen. Das glĂŒhende GrĂŒn des VorlĂ€ufers allerdings setzte sich in den Augen des spĂ€teren Bildes fort. Feininger hatte sich, ausgelöst durch den Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den er als Amerikaner ganz deutschnational beurteilte, noch einmal als politischer Karikaturist reaktivieren lassen. Doch das PflichtgefĂŒhl seinem Gastland gegenĂŒber empfand er als Hemmnis fĂŒr die eigene Kunst, die seit 1913 auf gĂŒnstigere Aufnahme gestoßen war. Der Entschluss, seine TĂ€tigkeit als Karikaturist in der zweiten JahreshĂ€lfte 1915 wieder einzustellen, ging einher mit der Anfertigung des zweiten SelbstportrĂ€ts – eine erstaunliche Parallele zur Entstehung des ersten.

Ein deutscher Eremit in der Kunst?

Die fĂŒr ihn offensichtlich unvermeidliche Notwendigkeit einer abermaligen unmittelbaren BeschĂ€ftigung mit sich selbst kĂŒndet von der Ambivalenz des Jahres 1915, aber auch diesmal fiel das Resultat in der Aussage eindeutig aus: War das SelbstportrĂ€t des Jahres 1910 noch eine Selbstbehauptung des Amerikaners in Berlin gewesen, wurde das von 1915 nun zur BekrĂ€ftigung von Feiningers gewandelter IdentitĂ€t. In dem GemĂ€lde artikuliert sich der Wille zum Deutschsein, nachdem er nun fast zwei Drittel seines Lebens in Berlin verbracht hatte.

Lyonel Feininger, Selbstbildnis, 1915 © The Museum of Fine Arts, Houston / VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Feiningers Orientierung bei seinem den Betrachte*innen zugewendeten DreiviertelportrĂ€t an Bildnistypen der deutschen Renaissance (und da vor allem DĂŒrers) ist ebenso eindeutig wie der Rekurs der Bogenarchitektur im Hintergrund auf die seinerzeit als exemplarisch deutsch geltende Gotik. Aber Feiningers SelbstportrĂ€t ist kein Manifest der Gegenwartsverweigerung: In die GesichtszĂŒge sind die Prinzipien des von ihm 1913 proklamierten „Prismaismus“ eingezeichnet. Das GemĂ€lde ist deshalb geradezu das Musterbeispiel fĂŒr eine spĂ€tere Feststellung von Alfred H. Barr, der ein entscheidendes Charakteristikum Feiningers in dessen Jahrhunderte ĂŒberspannender Hybridkunst sah: „Feiningers Bezug auf die deutsche Tradition – seine Verschmelzung von kubistischen Formen mit dem hochromantischen GefĂŒhl von Weite, Distanz, der See, gotischen HĂ€usern und Kirchen etc. – ĂŒbertragen gesprochen eine Art Verschmelzung von Braque und Caspar David Friedrich, selbstverstĂ€ndlich mit vielen originellen und persönlichen Elementen.“

Feiningers SelbstportrĂ€t bietet jedoch nicht die analytische MultiperspektivitĂ€t des Kubismus, sondern eine synthetische Konstruktion, die Irritation nicht ĂŒber die Form, sondern durch die Farbe erzeugt: ein fahlgelber Hautton und die funkelnden pupillenlosen grĂŒnen Augen. PortrĂ€tĂ€hnlichkeit ist im Gegensatz zum GemĂ€lde von 1910 nicht mehr Feiningers Ziel; er inszeniert einen Typus, der dank schlichtem Kittel und kalottenartiger Kappe ĂŒberhaupt nichts Amerikanisches mehr hat, sondern einen mönchischen Eindruck vermittelt – einen Eremiten der Kunst.

Detail: Lyonel Feininger, Selbstbildnis, 1915 © The Museum of Fine Arts, Houston / VG Bild-Kunst, Bonn 2023
Ein SelbstportrÀt voller Selbstironie

In der klar identifizierbaren Vorlage fĂŒr den Kopf, einer Pastellzeichnung aus dem Jahr 1908, hatte Feininger seinen Blick bereits Ă€hnlich skeptisch festgehalten, aber sieben Jahre spĂ€ter inszenierte er sich als unnahbar. Die Pose vermittelt den Stolz eines Eigenbrötlers, doch der Maler selbst beschrieb das Bild, als er es zwei Jahre nach der Fertigstellung erstmals ausstellte, als Gegenteil eines „scheenen Ideal-Selbstportraits“. Er fragte: „Was ist nun vorzuziehen? Selbst-Ironie, doch entschieden. Das Incognito einer ‚Maske‘, (wie vor 200 Jahren, wo es noch Kultur gab in Europa,) vor der neugierigen Menge.“

 Was Feininger mit dem Bild betrieb, war also die Übertragung des Maskenspiels der „Mummenschanz-Bilder“, wie er die an seine Karikaturen angelehnten GemĂ€lde nannte, auf ein monumentales PortrĂ€t – gleichsam Höhepunkt und Abschluss seines Karikaturenwerks, ausgefĂŒhrt im Bildnis seiner selbst, also auf eigene Kosten. Kein Wunder, dass er seinen Spaß an der Irritation des Publikums angesichts dieses PortrĂ€ts hatte. Doch glich dieser Spaß dem kafkaschen Lachen beim Vortrag des eigenen Werks, dessen selbstironische QualitĂ€t von anderen Leser*innen ĂŒbersehen und als Ausdruck grĂ¶ĂŸter Verzweiflung umgedeutet wurde.

Lyonel Feininger, Karneval, 1908 © bpk / Nationalgalerie, SMB / Jörg P. Anders / VG Bild-Kunst, Bonn 2023

LYONEL FEININ­GER. RETRO­SPEK­TIVE

27. Oktober 2023 – 18. Februar 2024

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