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Hommage an Stephen Dwoskin

04.03.2016

4 min Lesezeit

Das Filmkollektiv Frankfurt zeigt in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum eine Werkschau des Experimentalfilmers Stephen Dwoskin, MitbegrĂŒnder der London Filmmaker’s Co-op.

WĂ€hrend in Hollywood im Rahmen der Oscar-Verleihung die sogenannte Kultur-Industrie ihre Erzeugnisse, sich selbst und ihren Erfolg zum 88. Mal zur Schau stellte, ist damit natĂŒrlich noch lange nichts ĂŒber das Kino geschweige denn dessen Geschichte erzĂ€hlt.

Dass jenes, was dort manchmal von ĂŒbereifrigen TV-Moderatoren als mutiger Außenseiter- oder gar Independent-Film mit kĂŒnstlerischem Anspruch hochgehalten wird, vielleicht doch nicht vollends eben diesem entspricht, wurde und wird immer wieder kritisiert. Allein – der Anspruch ist natĂŒrlich auch ein anderer.

Moralisch korrupt

HĂ€rter formulierten die Kritik frĂŒher schon andere, in den 1960er-Jahren so beispielsweise in den USA die GrĂŒnder der Film-Makers‘ Cooperative: “Official cinema is running out of breath" und sei "morally corrupt, aesthetically obsolete, thematically superficial, temperamentally boring“.

"The Better Books group", die GrĂŒnder der Film-Makers‘ Coope­ra­tive London, via studycollection.co.uk

Die Cooperative wurde in New York von Filmemachern wie Jonas Mekas, Shirley Clarke und Stan Brakhage gegrĂŒndet und fand mit der London Filmmaker‘s Co-op auch in Großbritannien sein Pendant. GrĂŒndungsmitglied hier war der amerikanisch-stĂ€mmige Experimental-Filmer Stephen Dwoskin, dem das Filmkollektiv Frankfurt am kommenden Wochenende im Deutschen Filmmuseum eine umfangreiche Werkschau widmet.

Teil der New Yorker Underground-Film Szene

Stephen Dwoskin, 1939 in Brooklyn geboren, hinterlĂ€sst nach seinem Tod 2012 ein Werk, das ĂŒber 50 Filme umfasst. Dwoskin studierte in den 1950er-Jahren an der New Yorker Parsons School of Design unter Willem de Kooning und Josef Albers und arbeitete anschließend als Grafik-Designer und Art Director, bevor er 1961 seine ersten Kurzfilme, „Asleep“ und „American Dream“, drehte. In den folgenden Jahren wurde er Teil der New Yorker Underground-Film Szene, bevor er 1964 mit einem Fulbright Stipendium in der Hand nach London zog und dort 1966 bei der GrĂŒndung der London Filmmaker’s Co-op mitwirkte.

Stephen Dwoskin, via Lux

Dwoskin, der im Alter von neun Jahren an der KinderlĂ€hmung erkrankt war und so als Kind schon zahlreiche langwierige wie schmerzhafte Behandlungen ĂŒber sich ergehen lassen musste, war sein Leben lang auf KrĂŒcken oder den Rollstuhl angewiesen.

Ein starkes GefĂŒhl von IntimitĂ€t

Seine Filme sind von einer starken Körperlichkeit gezeichnet, die in frĂŒheren Arbeiten erst sein GegenĂŒber in langen, handkameragedrehten und ein starkes GefĂŒhl von IntimitĂ€t evozierenden Einstellungen in den Fokus setzen bevor der Filmemacher in spĂ€teren Arbeiten auch selbst vor der Kamera agierte.

Die thematische Auseinandersetzung mit Körperlichkeit in seinen freudvollen wie auch schmerzlichen Dimension und deren Auswirkungen auf das eigene Leben ist stark autobiographisch geprĂ€gt: „Behindert“ (1974) beispielsweise, der neben zehn weiteren Arbeiten des Regisseurs im Filmmuseum zu sehen sein wird, setzt so Dwoskins Partnerschaft zu der deutschen Schauspielerin Carola Regnier in den Fokus und fungiert als Rekonstruktion der intensiven Liebesbeziehung.

Körperliches Leiden und Schmerzempfindung

Der Dokumentarfilm „Pain is 
“ (1997) lĂ€sst sich als filmischer Essay zum Thema Schmerz verstehen, in dem der Filmemacher in Interviews und mithilfe von Archivaufnahmen Personen portrĂ€tiert, die aufgrund von Krankheit, Unfall oder sexuelle PrĂ€ferenz auf die ein oder andere Weise lebenslang mit dem Thema körperliches Leiden und Schmerzempfindung verbunden sind. In weiteren Vorstellungen gewĂ€hrt das Filmkollektiv Frankfurt unter anderem auch Einblick in das Schaffen jener Regisseure, die sich im Verbund der Filmmaker’s Co-op organsierten.

Stephen Dwoskin in "Behindert", 1974, Filmstill, via Filmbuero

Das Filmkollektiv Frankfurt grĂŒndete sich 2013 und kuratiert seitdem regelmĂ€ĂŸig Retrospektiven zu weniger bekannten Regisseuren als auch themenbezogene Filmeabende, wie das vor kurzem zum dritten Mal stattgefundene „Erotische Kino zum Valentinstag“. Begleitend zu den Werkschauen sind diverse Publikationen erschienen, die ĂŒber den Internetauftritt des Filmkollektivs zu bestellen sind. Erst Anfang Februar wurde die neuste Veröffentlichung: „Magic of Nigeria – On the Cinema of Ola Balogun“ vorgestellt, die erstmalig das Werk des gleichnamigen nigerianischen Regisseurs beleuchtet, dem letztes Jahr eine eigene Retrospektive gewidmet wurde.

Die GrĂŒndungsmitglieder des Filmkollektiv Frankfurt: Gary Vanisian, Louise Burkart, Felix Fischl und Svetlana Svyatskaya, via Filmkollektiv Frankfurt