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Henry Darger: Bewohner zweier Welten

18.11.2010

5 min Lesezeit

Der einsam lebende Henry Darger aus Chicago erschafft das 15.000 Seiten umfassende Werk „Realms of the Unreal“ – und versetzt die Welt in Erstaunen.

Eines Tages am Anfang des 20. Jahrhunderts war Henry Darger gerade auf dem Heimweg, als er seinem besten und einzigen Freund Whilliam Schloeder begegnete. Darger berichtete, er habe gerade einen Brief aus Abbieannia erhalten, aber noch keine Zeit gefunden, ihn zu lesen. „Abbieannia!“, rief Schloeder begeistert, „du meine GĂŒte. Das muss etwas Wichtiges sein!“

Das war es in der Tat, denn als Darger den Brief öffnete, las er, dass ein gewisser Colonel Jack Ambrose Evans von Dargers Gemini Society zum Schutz von Kindern erfahren hatte. Dringend ersuchte ihn Evans um Hilfe bei der Rettung der Vivian Girls, sieben junger Kriegerprinzessinnen aus Abbieannia, die einen Kinderkreuzzug zur Abschaffung der Kindersklaverei in den LĂ€ndern der imaginĂ€ren, von Darger erschaffenen Welt „Realms of the Unreal“ fĂŒhrten.

So machte ein einfacher Hausmeister eines Krankenhauses und glĂ€ubiger Katholik sich selbst zu einer fiktiven Heldenfigur im „Reich des Irrealen“ und begrĂŒndete seine eigene monumentale, in einer anderen Welt spielende Saga, in der die MĂ€chte des Guten und des Bösen um die unschuldigen Seelen von Kindern kĂ€mpften.

Reise nach Abbieannia

Darger und Schloeder hat es wirklich gegeben, und sie mögen die Mission ihrer aus zwei Mitgliedern bestehenden Gemini Society auch durchaus geteilt haben – aber Darger erhöhte ihre Zahl in seinem unveröffentlichten, mehr als 15.000 Seiten umfassenden epischen Roman „In the Realms of the Unreal“ um mehrere Dutzend und begab sich mit ihnen auf eine lange Reise, die auf magische Weise in eines der LĂ€nder im Reich des Irrealen fĂŒhrte – in das außerirdische Königreich Abbieannia.

Ihre Reise fĂŒhrt sie zunĂ€chst nach New York, und von dort nehmen sie einen Dampfer zu den Karibischen Inseln. Sie geraten in einen Hurrikan, der das Schiff so stark beschĂ€digt, dass sie es in den Rettungsbooten verlassen mĂŒssen. Als die VorrĂ€te aufgebraucht sind, essen sie in ihrer Verzweiflung zwei der SeemĂ€nner, die bei dem Schiffbruch gestorben sind. Schließlich werden Darger und seine Begleiter gerettet und setzen ihre Reise bis zum Pazifik fort.

Irgendwo hinter Hawaii gelingt der Mannschaft die wundersame Überfahrt zu den fiktiven Angelinischen Meeren im Reich des Irrealen und von dort nach Abbieannia. Nirgends wird erklĂ€rt, wie dies genau bewerkstelligt wird, und zieht man eine schon weiter zurĂŒckliegende Textpassage heran, nach der unsere Erde ein Mond dieses „imaginĂ€ren Planeten“ und dieser „tausend Mal so groß wie unsere Welt“ ist, scheint die Überfahrt Dargers Phantasie entsprungen zu sein.

Dargers Bilder, die Menschen auf der ganzen Welt in Erstaunen versetzt und verblĂŒfft haben, sind im Wesentlichen zusammenhĂ€ngende Illustrationen der Geschichte, die im Großen und Ganzen bereits vollendet war, als Darger seine letzten großformatigen Werke schuf.

In der Zeit, in der Darger an den Realms schrieb – von etwa 1912 bis wohl in die 1930er-Jahre –, ging er nach Freihandzeichnungen dazu ĂŒber, Fotos aus Illustrierten und Zeitungen zu bearbeiten, fertigte Collagen aus Fotoreproduktionen, pauste Bilder durch, um schließlich all diese Techniken in Form eines durchgepausten collagierten Aquarells zu kombinieren und zu verfeinern.

Glandelinians foltern MĂ€dchen

Vermutlich gegen Ende dieses Jahrzehnts began Darger, in grĂ¶ĂŸeren Formaten zu arbeiten. Er ließ kleinere PapierstĂŒcke sich ĂŒberlappen oder klebte sie zusammen, um eine grĂ¶ĂŸere ArbeitsoberflĂ€che zu erhalten. Bei den kleinen Bestandteilen handelt es sich hĂ€ufig um die unbemalten RĂŒckseiten von BlĂ€ttern aus den frĂŒhen 1930er-Jahren und der Zeit danach.

Aus diesen wiederverwerteten Einzelarbeiten entstanden ein langes Panoramabild und auch Diptychen, Triptychen oder vierteilige Arbeiten. Bei den Letzteren scheinen die Szenen meist willkĂŒrlich zusammengefĂŒgt und eher nach ihrer GrĂ¶ĂŸe als nach ihrem Thema ausgewĂ€hlt worden zu sein.

HĂ€ufig sind die MĂ€dchen ohne Kleidung dargestellt, um darauf hinzuweisen, dass sie von den Glandelinians gefangen wurden oder ihnen gerade entkommen sind: Die Glandelinians haben ihren Spaß daran, die Kindersklaven auszuziehen, um ihnen das Leben noch unertrĂ€glicher zu machen. Die ĂŒberwiegend einfarbige grau-beige oder blaue Kleidung zeigt an, dass manche MĂ€dchen als Spione unterwegs sind und sich dafĂŒr als Glandelinians verkleidet haben.

RĂ€tselhafte sexuelle Motivik

Das grĂ¶ĂŸte Mysterium von Dargers Bildern ist die Tatsache, dass er viele seiner nackten weiblichen Figuren mit einem Penis versah. Es ist viel ĂŒber die GrĂŒnde spekuliert worden, warum er die weiblichen Kinder mit mĂ€nnlichen Genitalien versah – wobei die Theorien von psychoanalytischen Interpretationen ĂŒber einen eingebildeten weiblichen Phallus bis zur Geschlechtsverwirrung reichen, die das Ergebnis des emotionalen oder sexuellen Missbrauchs gewesen sein könnte, dem Darger als Kind im Heim ausgesetzt war; sogar die Möglichkeit, dass er vielleicht nie einen nackten weiblichen Körper sah, wurde in Betracht gezogen.

Es wĂ€re eine Untertreibung zu sagen, dass Darger ĂŒberaus produktiv war: Die zweihundert bis dreihundert Arbeiten, fĂŒr die er hauptsĂ€chlich bekannt ist, bilden nur die Spitze eines (in erster Linie literarischen) Eisbergs. Neben seinem Opus magnum „In the Realms of the Unreal“ und der 8.500 Seiten starken Fortsetzung „Further Adventures in Chicago: Crazy House“ verfasste er die 5.000 Seiten lange Autobiografie „The History of My Life“, legte sechs BĂ€nde mit Wettertabellen an, fĂŒhrte Tagebuch und fĂŒllte verschiedenste Hefte mit Notizen, Statistiken, Skizzen, zusĂ€tzlichem Material und frĂŒhen EntwĂŒrfen fĂŒr die „Realms“.
Ausbruch aus der wirklichen Welt

Als all diese Arbeiten kurz vor seinem Tod entdeckt wurden, war es fĂŒr die wenigen Menschen, die ihn kannten, ein regelrechter Schock. Dass dieser zurĂŒckgezogen lebende und unsoziale alte Mann – Produkt einer tragischen Jugend und eines einsamen Erwachsenendaseins – die meiste Zeit seines Lebens damit verbracht hatte, sich seine eigene virtuelle Welt zu schaffen, ist tieftraurig und zugleich auf unglaubliche Weise unfassbar und letztlich voller Wunder.

Denn nur ein wunderbares und allumfassendes Reich des Irrealen konnte Darger aus dem Reich einer wirklichen Welt fortlocken, die voller FehlschlÀge war.

Der Kunsthistoriker Michael Bonesteel lehrt am Art Institute of Chicago.

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