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HALBE STRECKE BRASILIEN

11.10.2012

3 min Lesezeit

Kurator*in:
Martina Weinhart
HALBE STRECKE BRASILIEN - ein Artikel im SCHIRN Magazin der Kunsthalle Frankfurt.

Wenn man sich fĂŒr brasilianische Kunst interessiert -- und das tun wir ganz professionell, schon allein, weil Brasilien im kommenden Jahr Gastland der Frankfurter Buchmesse sein wird -- wenn man sich also fĂŒr brasilianische Kunst interessiert, reicht es manchmal schon, nur die halbe Strecke hinter sich zu legen. Das bringt einen nach Lissabon, in die Hauptstadt der ehemaligen Kolonialmacht und des „Mutterlandes", mit dem es immer noch vielfĂ€ltigen kulturellen Austausch betreibt. Die VerhĂ€ltnisse scheinen nun aber genau umgekehrt: Lissabon wirkt heute beschaulich mit seinem vertrĂ€umt nostalgischen Flair und lĂ€ngst von der Dynamik des Riesenstaates in der neuen Welt mit Megacities wie Rio de Janeiro oder SĂŁo Paulo in den Schatten gestellt.

Und so passiert es, dass uns bereits auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt an einer der weniger schönen Einfallstraßen „gute alte Bekannte" aus Brasilien begegnen -- und das auf ganz spektakulĂ€re Weise: An der Avenida Fontes Pereira de Melo haben Os Gemeos, die Stars der Graffiti-Szene aus SĂŁo Paulo, ein leerstehendes altes Haus auf geniale Weise durch einen ihrer gigantischen gelben MĂ€nner verschönert, der nun scheinbar mit einer Hand durch die Wand greift und auf der anderen Seite am Balkon wieder herauskommt.

Street Art ist heute lĂ€ngst museumswĂŒrdig. Davon kann man sich im MUDE, dem Museu do Design e da Moda in Baixa, dem Zentrum von Lissabon, ĂŒberzeugen. Hier zeigt eine kleine und lebendige PrĂ€sentation Beispiele brasilianischer Szenografie, unter anderem mit den Zwillingen Os Gemeos. An der geschĂ€ftigen Rua Augusta eröffnet sich in den umgestalteten RĂ€umen einer ehemaligen Bank ein ganz eigenes Universum. Mitten in der Krise bleibt das nicht ganz ohne Untertöne: Der gesamte Innenraum wurde seiner reprĂ€sentativen Verkleidungen entledigt und zeigt jetzt die nackte Schönheit der Ruine -- bĂ©ton brut, nur beleuchtet durch das schwache Licht des einst noblen GeschĂ€ftstresens. Jetzt beherbergt der Raum Ikonen des modernistischen Designs. Übrigens ist die gesamte obere Etage Brasilien gewidmet, spĂ€testens seit den 1950er-Jahren ein Dorado von Architektur und Design -- ich sage nur Oscar Niemeyer...

Weiter geht es nach BelĂ©m, einem Stadtteil im Westen der portugiesischen Hauptstadt. In der Ferne grĂŒĂŸt Cristo-Rei als Echo auf die Cristo Redentor-Statue auf dem Corcovado ĂŒber Rio de Janeiro, die einem Erzbischof von Lissabon so gut gefallen hatte, dass er die Nachbildung in der Heimat anregte. An der Praça do ImpĂ©rio, unweit des PadrĂŁo dos Descobrimentos (Denkmal der Entdeckungen), mit dem die Salazar-Diktatur noch 1960 dem Zeitalter der Welteroberung hinterhertrauerte, steht das Museu Colecção Berardo, ein gigantischer Komplex mit einer großen Sammlung internationaler zeitgenössischer Kunst.

Hier erwartet mich mit „museu Ă© o mundo" eine EinzelprĂ€sentation des frĂŒh verstorbenen HĂ©lio Oiticica einer der wohl bedeutendsten KĂŒnstler Brasiliens. Dort setzte sich eine Ă€ußerst lebendige KĂŒnstlerszene seit den spĂ€ten 1950er-Jahren zunĂ€chst mit den Theorien und modernistischen Tendenzen der westlichen Metropolen auseinander. Doch schnell werden die lokalen Gegebenheiten zum Kern einer originĂ€r brasilianischen Kunst -- Oiticica ist ihr grĂ¶ĂŸter Verfechter. Er produziert eine Kunst, die den Betrachter zur GĂ€nze fordert, ihn umfasst, beschĂ€ftigt, einverleibt, ihn körperlich, taktil und visuell herausfordert. Sein Hauptwerk ist die Installation „Tropicalia", gleichzeitig der Name einer ganzen Bewegung. AtmosphĂ€risch dicht mit Palmen, lebendigen Papageien, kleinen Favela-artigen HĂŒtten im Sand und Kieswegen ausgestattet, soll es eine Art Karte von Rio de Janeiro sein. Also Schuhe aus und hinein in den Sand der Copacabana, auch wenn er sich gerade in Lissabon befindet ...