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Garten der Irdischen Freuden in Berlin

24.07.2019

7 min Lesezeit

Zwischen schillernden Utopien, Klimakatastrophe und nostalgischem RĂŒckzug in die Natur: Der Gropius Bau eröffnet neue Perspektiven auf den Garten.

„Sand und Kompost rieb an meinen Knochen. Moos, Farn, Veilchen und Strelitzien wuchsen in meiner Haut, in meinen Gliedmaßen.“ Wenn die französische Schriftstellerin und Frauenrechtlerin HĂ©lĂšne Cixous den Garten ihrer Kindheit in Algerien beschreibt, meint sie damit nicht nur einen Ă€sthetischen Anziehungspunkt und RĂŒckzugsort, sondern eine physische Erfahrung. FĂŒr Stephanie Rosenthal, die Kuratorin der Ausstellung „Garten der Irdischen Freuden“ im Berliner Gropius Bau, ist Cixous’ Text „Ein wirklicher Garten“ ein zentraler Bezugspunkt. Und das merkt man: diese Ausstellung strotzt und sprießt vor Kunst. 

Sie lotet die Grenzen des Körpers und der Natur aus, hinterfragt das AnthropozĂ€n und fordert immer wieder die Sinnesorgane ihrer Besucher heraus. Doch Cixous schreibt auch ĂŒber die Diskriminierung, die sie aufgrund ihres jĂŒdischen Hintergrunds im von ihr beschriebenen Garten erfahren hat und die darauffolgende Entscheidung ihn zu verlassen. Dass manche innerhalb, andere außerhalb bestimmter gesellschaftlicher RĂ€ume stehen, ist ein weiteres Motiv, das sich durch die Ausstellung zieht, so Rosenthal.

„Wir verstehen den Garten als das Abgegrenzte, als das, wo Natur und Kultur zusammenkommen.“ Das exponierteste Beispiel fĂŒr dieses Zusammentreffen ist „Der Garten der LĂŒste“ von Hieronymus Bosch aus dem spĂ€ten 15. Jahrhundert, ein Triptychon, auf das auch der Ausstellungstitel zurĂŒckgeht. Das Bild ist das HerzstĂŒck der Ausstellung und verleiht der ansonsten sehr zeitgenössischen Werkauswahl einen kunsthistorischen Subtext. Die von Bosch gezeigte Landschaft bildet die harmonische Mitte zwischen zwei Darstellungen von Himmel und Hölle im Kontext des SĂŒndenfalls. 

Sand und Kompost rieb an meinen Knochen. Moos, Farn, Veilchen und Strelitzien wuchsen in meiner Haut, in meinen Gliedmaßen.

HélÚne Cixous

Hieronymus Bosch, Garten der LĂŒste, 1535–1550, Image via wikimedia.org

Sie ist ein Phantasma, ein Ort der VerfĂŒhrung, der exzentrische Lustaufwallungen freilegt. Ein Ort, wo androgyn wirkende Figuren in blĂ€ulichen GewĂ€ssern planschen, in muschelartigen GefĂ€ĂŸen treiben und auf schwĂŒlstigen Tierwesen reiten. Wo Körperteile zu voluminösen FrĂŒchten anschwellen, Vogelkreaturen Menschen fĂŒttern und gen Himmel befördern. Ein Mensch scheint einem Tier im Reagenzglas zu begegnen, woanders ragen bunte Blumen aus einem Hinterteil. Boschs Garten ist eine schillernd-queere Utopie, die die Grenzen zwischen Geschlechtern, Hautfarben, oder gar Spezies als Überbleibsel einer vergangenen Welt erscheinen lĂ€sst.

Nicht nur die westlichen Perspektiven sollen abgebildet werden

„Es ist ein sehr zeitgemĂ€ĂŸes Bild, das mich schon lange begleitet“, kommentiert Rosenthal. In Zeiten, wo die politischen und ökologischen Auswirkungen von Migration, ErderwĂ€rmung und Kolonialisierung immer deutlicher wĂŒrden, gewinne das Bild neue Relevanz. In der Kunst könne man beobachten, wie das Gartenmotiv auf vielfĂ€ltige Weisen neu interpretiert wird. Dieser Vielfalt gleichkommend habe man in der Konzeption der Ausstellung großen Wert darauf gelegt, nicht nur westliche Perspektiven abzubilden.

Nach Hieronymus Bosch, „Garten der LĂŒste (Mitteltafel)“, 1535–1550

Unter den fast 20 KĂŒnstlerinnen und KĂŒnstlern, die sich dem Thema widmen, ist auch die Choreografin und TĂ€nzerin Isabel Lewis, bekannt fĂŒr ihre Gatherings, in denen sie diverse Kunstdisziplinen und SinneseindrĂŒcke miteinander verschmelzen lĂ€sst. Am kommenden Eröffnungswochenende (Two Days of Earthly Delights) prĂ€sentiert Lewis eine eigens konzipierte Choreografie, „Sensorial Strolls“, die Boschs Triptychon performativ ergĂ€nzt und den nicht ausgestellten InnenflĂŒgeln seines Werks eine sogenannte „geisterhafte PrĂ€senz“ verleiht. Musikalisch begleitet von einer Gruppe namens LABOUR werden Besucher von Lewis durch die RĂ€ume gefĂŒhrt, um ihre Sinne zu schĂ€rfen und die darauffolgende Rezeption der Bosch’schen Mitteltafel vorzubereiten.

Boschs Triptychon ließe sich aus heutiger Sicht auch als Warnung vor einer gefĂ€hrdeten Umwelt oder gar einer Klimakatastrophe lesen. Dass das Gartenmotiv in der Kunst aber nicht nur als moralische Mahnung dient, sondern durchaus auch futuristische MöglichkeitsrĂ€ume zwischen Natur und Kultur aufzeigen kann, verdeutlichen Hicham Berradas Arbeiten eindrĂŒcklich: Es sind meist kĂŒnstlich erzeugte Formenwelten, wie animalische RĂŒckstĂ€nde einer noch bevorstehenden Katastrophe, korallenartige Gebilde in wucherndem Ocker und phallischem Silikon, wie einer Zwischenzone von Leben und Jenseits entsprungen.

Heather Phillipson, Mesocosmic Indoor Overture (Detail), 2019 © Heather Phillipson, Image via www.berlinerfestspiele.de

Hicham Berrada, Mesk-ellil, 2015 © Hicham Berrada, Foto: Archive kamel mennour, Courtesy: der KĂŒnstler & kamel mennour, Paris / London

„Mesk-Ellil“, Berradas Arbeit, die der Gropius Bau zeigt, war erstmals 2015 auf der Lyon Biennale zu sehen. Sie besteht aus sieben, in schummriges Dunkelblau getauchten GewĂ€chshĂ€usern, in denen der nachtblĂŒhende Jasmin aufkeimen soll: ein sĂŒdliches GewĂ€chs, das durch die Bestrahlung eines kĂŒnstlichen Mondschimmers stimuliert wird. Der Tag-Nacht-Rhythmus der Pflanze wird somit verkehrt und ihr sĂŒĂŸlicher Duft, der manchen schlaflose NĂ€chte bereitet, bei anderen gar Fieber auslösen soll, sinnlich erfahrbar. „Wenn ich als Kind bei meinem Großvater in Marokko war, mussten wir wegen dieser Pflanze nachts oft die Fenster schließen“, erinnert sich Berrada. 

Seine technoiden Terrarien sind wie ein Vorblick auf eine Welt, in der die Potenziale des Menschen symbiotisch mit jenen der Umwelt verwachsen. „Die Anwesenheit im Garten“, schreibt der Gartenarchitekt Gilles ClĂ©ment in seiner Abhandlung „GĂ€rten, Landschaft und das Genie der Natur“, „setzt einen nackten Geist und einen sich aussetzenden Körper voraus. Dann ist es möglich, das TrĂ€umen zu wagen.“ 

Wenn ich als Kind bei meinem Großvater in Marokko war, mussten wir wegen dieser Pflanze nachts oft die Fenster schließen.

Hicham Berrada
Rashid Johnson, Antoine's Organ (Detail), 2016 © Foto: Martin Parsekian Rashid Johnson, Courtesy: der KĂŒnstler und Hauser & Wirth

Rashid Johnson mag in der Konzeption von „Antoine‘s Organ“ eine Ă€hnliche Vorstellung im Sinn gehabt haben: der Garten als kontemplativer Sehnsuchtsort, als Wunschbild der Welt. Seine Arbeit wird sehr prĂ€sent im Lichthof des Gropius Baus installiert und zeigt eine collagenartige Skulptur, als organisches Zusammenspiel: ein schwarzes StahlgerĂŒst, in dessen ZwischenrĂ€umen Topfpflanzen, LED-Leuchten und diverse andere Objekte wie kleine Monitore und MusikverstĂ€rker aufgebaut stehen.

Bald­wins Perfor­mance unter­streicht die lebens­spen­dende Kraft der Musik

Johnson, der sich in seiner Kunst intensiv mit schwarzer IdentitĂ€t auseinandersetzt, hat auch diverse BĂŒcher darin angeordnet: etwa „The End of Blackness“ von Debra J. Dickerson, das eine Welt nach dem Mythos weißer Vorherrschaft antizipiert, oder „Between the World and Me“, der berĂŒhmt gewordene Brief des US-amerikanischen Journalisten Ta-Nehisi Coates an seinen Sohn. Den Kern im Inneren der Skulptur bildet ein hinter BlĂ€ttern verborgenes Klavier. Durch das Laub hindurch lĂ€sst der Pianist Antoine Baldwin Melodien nach außen dringen. Baldwins Performance, ebenfalls am Eröffnungswochenende zu hören, unterstreicht die lebensspendende Kraft der Musik. 

Pipilotti Rist, Homo sapiens sapiens, 2005 © Pipilotti Rist, Courtesy: die KĂŒnstlerin, Hauser & Wirth und Luhring Augustine
Jumana Manna, Wild Relatives (Still), 2018 © Director of Photography: Marte Vold

Es gibt sicherlich mehr als nur ein Highlight in dieser Ausstellung. Zum Beispiel Taro Shinodas an Zen-GĂ€rten in Kyoto angelehnte Marmorskulpturen, Jumana Mannas 64-minĂŒtige Videoarbeit „Wild Relatives“ oder Korakrit Arunanondchais fluoreszierender Videoschrein „2012-2555”. „Ich explodierte“, heißt es am Ende von Cixous’ Text – eine Empfindung, die in vielen der Arbeiten im „Garten der Irdischen Freuden“ nachhallt. „FrĂŒher hĂ€tte ich mich gefĂŒrchtet. Jetzt aber wusste ich, dass der Garten ich war. Ich war der Garten. Ich war in ihm. Ich bestand aus einzigartigen Diamanten, hatte keinen Namen. ‚Erde, Erde‘, schrie ich.“

Korakrit Arunanondchai. 2012-2555, 2012, Installation view at MoMA PS1, 2014, Photo: Matthew Septimus. © 2014 MoMA PS1, Image via www.moma.org