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Frankfurter Beton-Dramaturgie

21.03.2017

5 min Lesezeit

Das Architekturmuseum zeigt den Architekten Otto Apel, der die kosmopolitische Frankfurter Silhouette maßgeblich geprĂ€gt hat. Seine GebĂ€ude stellen uns heute vor die Frage: Was ist guter Stil?

Es fĂ€llt einigermaßen schwer, sich die Stadtlandschaft ohne diesen Architekten vorzustellen: Otto Apel, 1906 in Vattenrode geboren und 60 Jahre spĂ€ter in Frankfurt gestorben, hat die Nachkriegsstadt in ihrer architektonischen Topografie geprĂ€gt wie kein zweiter.

Die Liste der Bauprojekte, die Apel selbst oder spĂ€ter auch das Team von ABB realisierte, umfasst ĂŒber 40 Positionen: Sie reicht von seinem eigenen Wohn- und BĂŒrohaus, in dem heute der Börsenverein des Deutschen Buchhandels residiert, ĂŒber das einstige Haus der Elektrotechnik bis zu den StĂ€dtischen BĂŒhnen mit ihrem weithin sichtbaren Foyer, und sie endet noch lange nicht bei den ikonischen HochhĂ€usern, die Frankfurts Silhouette lange Zeit zur einzig wirklich urbanen in der Bundesrepublik machten.

Architektur gegen Angst

Deutsche Bundesbank, das Hotel Intercontinental, Dresdner Bank – und fĂŒr die Commerzbank ĂŒbernahm man, wie fĂŒr etliche andere Projekte auch, die detailreiche Innenausstattung. Andere Projekte wie das Nord-West-Zentrum waren zu ihrer Entstehungszeit regelrechte Sensationen: „Das eingepflanzte Herz schlĂ€gt!“ titelte die Fachzeitschrift „Beton Prisma“ 1970 ĂŒber das 1968 fertiggestellte Einkaufslabyrinth, das von den Bewohnern des Viertels offenbar gut angenommen wurde.

ABB, Schauspiel Frankfurt am Main \ 1963 Foto: Ulfert Beckert

Oft erst auf den zweiten Blick offenbaren die Betonbauten ihre Eleganz, wie Kuratorin Sunna Gailhofer erklĂ€rt: Alle sind sie gut proportioniert, alle zeichnen sich durch eine konsequente LinienfĂŒhrung und architektonische Lösungen aus, die neben der AußenhĂŒlle in vielen FĂ€llen auch das Interieur mitdenken. GroßflĂ€chige Fensterfassaden sind typisch fĂŒr etliche GebĂ€ude. Die Leerstelle wurde bei ABB mitgeplant, auch der Zwischenraum in Form von Innenhof oder Terrasse gestaltet. Im Klinikum Höchst etablierte man schon in den frĂŒhen 1960er-Jahren eine architektonische Lösung gegen Krankenhausangst – die fĂŒhrte den Besucher nicht direkt ins GebĂ€udezentrum, sondern zunĂ€chst in ein lichtdurchtflutetes Atrium mit Blick aufs Wasserbecken.

Von Amerika lernen

Nach seiner Lehre in einem ArchitekturbĂŒro studierte Otto Apel in Kassel und Berlin, spĂ€ter arbeitete er unter NS-Architekt Albert Speer und plante unter anderem an der Reichskanzlei mit. Speer war ein Studienfreund, Apel nie Mitglied der NSDAP – trotzdem: Wie er die allein architektonische 180-Grad-Wende vollzog, bleibt eine biografische Leerstelle. Fest steht, dass Apel seit den 1950er-Jahren an der Neugestaltung Frankfurts mitwirkte, bis er 1961 zusammen mit Hansgeorg Beckert und Gilbert Becker die Frankfurter ABB grĂŒndete, das zwischenzeitlich bis zu 200 Mitarbeiter beschĂ€ftigte. Als das ABB ArchitektenbĂŒro nach ĂŒber 40 Jahren „sang- und klanglos“ geschlossen wurde, wie Direktor Peter Cachola Schmal formuliert, geriet dessen Nachlass irgendwann in die HĂ€nde des Deutschen Architekturmuseums.

ABB, Hotel Intercontinental, Frankfurt am Main \ 1963 Foto: Ulfert Beckert
ABB, Deutsche Bundesbank Frankfurt am Main \ 1972 Foto: Ulfert Beckert

Er bestand in erster Linie aus Schwarz-Weiß-Fotografien, die Ulfert Beckert in den spĂ€ten 50er- bis in die frĂŒhen 70er-Jahre von den jeweiligen GebĂ€uden angefertigt hatte. Aus den ĂŒber 40 Bauprojekten, die Otto Apel und sein Architekten-Team allein in Frankfurt im Laufe der Jahrzehnte realisiert haben, fokussiert sich die Ausstellung ganz auf diesen vergleichsweise kleinen, aber nicht minder beeindruckenden Abschnitt.  Apel und seine Kollegen waren enorm produktiv, ein Vorhaben nach dem anderen konnte realisiert werden – die effiziente Arbeitsweise hatte man sich in Amerika bei den riesigen BĂŒros abgeschaut.

Bewacht von einer Löwenstatue

Zwischen den Archivaufnahmen geben Farbaufnahmen des Berliner Fotografen Eike Laeuen Einblick in den Status quo: Im Nordwestzentrum, das mehrmals zwischenzeitlich saniert und umgestaltet wurde, prangt heute ein bekanntes Supermarkt-Logo am Beton, und im Interconti, einst berĂŒhmtes AushĂ€ngeschild der kosmopolitischen Frankfurter Eleganz, zeigt sich eine eher traurige Variante des omniprĂ€sent zeitgenössischen Großhotel-Einheitsinterieurs.

ABB, Lufthansa-Wartungshalle V, Frankfurt am Main \ 1972 Foto: Ulfert Beckert

Manche Kombination aus Bausubstanz und heutiger Nutzung ergibt eine irgendwie niedliche Koexistenz: Wie das einstige Haus der Elektrotechnik, dessen berĂŒhmtestes architektonisches AushĂ€ngeschild, die gefalteten statt glatten Stahlplatten, nur dem knappen Budget geschuldet waren und das heute das Chinesische Generalkonsulat beherbergt, bewacht von einer traditionellen Löwenstatue. Andere GebĂ€ude wurden zwischenzeitlich unter Denkmalschutz gestellt, haben noch im letzten Jahr einen bedeutenden Architekturpreis gewonnen oder wurden, wie das IBM-Hochhaus, erst vor kurzem abgerissen. So wirft die Ausstellung grundsĂ€tzliche Fragen auf: Was ist guter Stil, was gute Architektur – und wie kann man beide ĂŒber die Zeit retten? Warum und wann soll man ĂŒberhaupt?

Denkmalschutz und Abrissbirne

 „BĂŒhnen, Banken, Flugzeughallen“ passt nicht nur gut in eine Zeit, in der Charme und QualitĂ€ten der zwischenzeitlich so verschmĂ€hten Nachkriegsarchitektur wiederentdeckt werden. Die Schau weist ĂŒber sich hinaus in die Zukunft, jene Noch-nicht-Zeit, der man in den Bauten Otto Apels und der ABB-Architekten mit „einer Art ruhigem Optimismus“ begegnete: Im Herbst wird das DAM die Ergebnisse seines SOS Brutalismus-Projekts in einer Ausstellung prĂ€sentieren, die Beton-Dramaturgie geht also weiter. Und aktuell steht auch die Zukunft der StĂ€dtischen BĂŒhnen zur Debatte, zumindest in ihrer ganz konkreten Form: Um das Bauwerk in seinem ursprĂŒnglichen Zustand zu renovieren, mĂŒsste viel Geld in die Hand genommen werden; ein Neubau kĂ€me die Stadt deutlich gĂŒnstiger. Ob diese Kosten begrĂŒndet respektive gewollt sind oder nicht, wird eine politische Entscheidung sein. Dass Denkmalschutz und Abrissbirne oft nur einen Hauch voneinander entfernt liegen, auch davon erzĂ€hlt diese Ausstellung.

ABB, Dresdner-Bank-Hochhaus, Frankfurt am Main \ 1980 Foto: Robert Göllner