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Filmhighlights der Berlinale 2019

22.02.2019

10 min Lesezeit

Von Kinderzombies, Pilzsammlern und TheaterdÀmonen. Unsere Lieblingsfilme der diesjÀhrigen Berlinale.

Wenig ist in zersplitterten Zeiten so schwierig wie die Abgrenzung. Das ließ sich auch auf der diesjĂ€hrigen Berlinale wieder feststellen: Warum beispielsweise die einen Filme als ausgewiesenes Kunstwerk in der outgesourcten Ausstellung „Antikino“ des „Forum Expanded“, andere ĂŒberaus freie, experimentelle Werke hingegen im angedeuteten Gegenraum „Kino“ gezeigt wurden, erschloss sich allenfalls exemplarisch.

Wie hĂ€lt es also die Berlinale mit dem Kunstfilm gegenĂŒber der Filmkunst? Der Auftakt der „Antikino: The Siren’s Echochamber“ war durchaus vielversprechend. Über die dĂŒstere Rampe ging es bergab in den Ausstellungsschlund im neuen Kulturquartier silent green, wĂ€hrend zu Kopf eine neue Videoarbeit von Monira Al-Qadiri flimmerte und schimmerte (es geht um Perlen und Öl, ergo um Vergangenheit und Gegenwart der Golfstaaten). Politisch ging es weiter: Über die Verhunzung keiner anderen Flagge freut sich das weltweite Kunst- und Kulturpublikum wohl so wie ĂŒber die der US-amerikanischen. James Benning filmte die Stars and Stripes wĂ€hrend eines aufkommenden Hurrikans, zu Beginn noch völlig intakt bei blauem Himmel, am Ende des immerhin zweistĂŒndigen Videos hoffnungslos zerfetzt in brĂ€unlich eingefĂ€rbter Apokalypse.

Einige sehenswerte Arbeiten wie die von Clarissa Thieme folgten, im Ganzen schien die Ausstellung kĂŒnstlerisch aber eher unbestimmt, vielleicht belanglos. Wo wurden einige der interessantesten Kunstfilme, vom Epilepsie-gefĂ€hrlichen Experimentalstreifen bis zum nervtötenden „DADDA – Poodle House Saloon“ von Paul McCarthy, schließlich gezeigt? Im Kino. Wer sich selbst auf der Expanded-Ausstellung umsehen möchte, kann das in diesem Jahr erstmalig noch ĂŒber die Filmfestspiele hinaus, bis zum 09.03.2019, tun. Allen anderen empfehlen wir hier einige neue Lieblingsfilme aus dem Programm.

„Ne croyez surtout pas que je hurle” von Frank Beauvais

Ein Film im und ĂŒber den Ausnahmezustand: der politische wie auch gesellschaftliche, der seit den islamistischen TerroranschlĂ€gen ĂŒber Frankreich liegt, und der persönliche des Filmemachers. Eine Liebesbeziehung hatte Frank Beauvais vor einigen Jahren in einen abgelegenen Ort im Elsass gefĂŒhrt. Jeglicher Perspektive im Leben beraubt, zieht er sich hier nach dem Scheitern der Beziehung ins Eremitendasein zurĂŒck: keine Arbeit, kein Auto, keine Aufgabe. Einzig seine unstillbare Filmbesessenheit rechtfertigt noch das morgendliche Aufstehen aus dem Bett - bis zu fĂŒnf Filme werden jeden Tag angeschaut. Nicht mehr Fenster zur Welt, sondern nur noch Spiegel der eigenen Miserere reprĂ€sentieren die unzĂ€hligen Filme, wie es an einer Stelle heißt. 

In „Ne croyez surtout pas que je hurle” collagiert Beauvais eine Art filmisches Tagebuch: Über eine endlos anmutende Abfolge von Filmausschnitten berichtet er aus dem Off von Depression, Einsamkeit und Isoliertheit, der schwierigen Beziehung zum Vater, der filmischen Leidenschaft und Sammelwut, dem persönlichen und gesellschaftlichen Ausnahmezustand und, natĂŒrlich, Politik und Revolution. Die Quellen der einzelnen Sequenzen, von Jon Favreaus „Elf“ bis zu Josef Sternbergs „An American Tragedy“, sind aufgrund ihrer kurzen LĂ€nge nicht wiederzuerkennen. Beauvais formt aus ihnen vielmehr eine eigene Geschichte, ein eigenes Leben, einen letzten Rettungsversuch.

Frank Beauvais, Ne croyez surtout pas que je hurle, 2019, Image via www.berlinale.de

„The Plagiarists“ von Peter Parlow

Peter Parlows zweiter Spielfilm „The Plagiarists“ lĂ€sst sich vielleicht am besten als reflexiv-kryptische Satire beschreiben. Auf dem Nachhauseweg nach Philadelphia haben Anna und Tyler, die gerade ihre Freundin Alison besucht haben, eine Autopanne. Der Anwohner Clip wird Zeuge der misslichen Lage und bietet hilfsbereit UnterstĂŒtzung an: das Paar könne sich bei ihm aufwĂ€rmen, notfalls auch ĂŒbernachten. Auch mit der Autoreparatur könne er sicher kostengĂŒnstig weiterhelfen. WĂ€hrend sich Tyler dankbar auf die Hilfe einlĂ€sst, ist Anna zunĂ€chst skeptisch: Ist der Afroamerikaner vertrauenswĂŒrdig? Und wer ist der blonde Junge, der offenbar bei ihm wohnt? Was sich zunĂ€chst wie ein typisches Indie-Drama anlĂ€uft, entpuppt sich bald als cleverer Meta-Film ĂŒber AuthentizitĂ€t, Film, Literatur und IdentitĂ€t. Gedreht auf Ă€lteren Sony-Betacam-Kameras, die in „The Plagiarists“ selbst eine wichtige Rolle einnehmen, reflektiert Parlow kunsttheoretische Fragen sowie Indie-Lo-Fi-Film-Ästhetik, derer er sich selbst beinahe schamlos, aber eben nicht unkritisch, bedient.

Peter Parlow, The Plagiarists, 2019, Photo description: Eamon Monaghan © Automatic Moving Co
„Nos dĂ©faites“ von Jean-Gabriel PĂ©riot

Wie verhĂ€lt sich das Kino zu aktuellen politischen Gemengelagen und gesellschaftlichen UmstĂ€nden – und was hat es darĂŒber zu sagen? Jean-Gabriel PĂ©riot konfrontiert in „Nos dĂ©faites“ 16- bis 17-jĂ€hrige SchĂŒler einer Filmklasse (der gleichen Schule, die Claire Simon in ihrem beeindruckenden Film „PremiĂšres solitudes“ aufgesucht hatte) mit verschiedenen Filmen der 1960er Jahre und lĂ€sst die Jugendlichen Szenen aus Jean-Luc Godards „La Chinoise“, Alain Tanners „La Salamandre“ sowie Dokumentarfilmen unabhĂ€ngiger Filmemacher nachspielen. Gegengeschnitten werden die Ausschnitte mit Interviews, die PĂ©riot mit den SchĂŒlern fĂŒhrt: Was stellen die inszenierten Szenen dar? Was bedeuten Begrifflichkeiten wie Gewerkschaft, Streik, Arbeiterkampf oder Revolution? Sind gewaltvolle UmstĂŒrze gerechtfertigt?

Die jungen Protagonisten antworten aufrichtig, manchmal naiv, aber stets charmant und interessiert. Das Thematisierte gewinnt in einem Prolog an Relevanz, als die Jugendlichen ein halbes Jahr spĂ€ter in Folge des in Frankreich viel beachteten Mantes-la-Jolie-Vorfalls selbst politisiert werden. Das Vokabular, mit dem man einst in den politischen Filmen konfrontiert wurde, fĂŒllt das eigene Leben nun selbst mit Bedeutung. Das im Titel angesprochene Scheitern meint so vielleicht am ehesten ein Bewusstsein um den Widerspruch zwischen politischer Theorie und Praxis, Anspruch und Alltag oder auch Agitation und Poesie.

Jean-Gabriel PĂ©riot, Nos dĂ©faites, FRA 2019 © Envie de TempĂȘte Productions
„Demons“ von Daniel Hui

Da bemĂŒht sich die Berlinale schon so intensiv um mehr Frauen auf dem Filmfestival, und dann treten sie in den meisten Rollen immer noch bloß als Opfer auf. So zumindest eine Kritik in der „taz“. Nun, zumindest in „Demons“ lĂ€sst der gebĂŒrtige singapurische Regisseur Daniel Hui seine Hauptdarstellerin (Yang Yanxuan Vicki) als ebenbĂŒrtig teuflisch Handelnde auf einen manipulativen Theaterregisseur (Glen Goei) los. Aus der anfangs noch recht klassisch erzĂ€hlten Geschichte im Duktus eines Independent-Films ĂŒber die AbhĂ€ngigkeiten im Kunst- und Kulturbetrieb wird bald ein wildes Gemenge aus Lo-Fi-Satire, Experimentalfilm und Horrorkino, das einige der sympathischsten, albernsten und vielleicht gerade deshalb doch furchterregendsten Geister aller Zeiten auf die Leinwand bringt.

Daniel Hui, Demons, SGP 2018, Photo description: Yang Yanxuan Vicki, Glen Goei © 13 Little Pictures

DEMONS

Trailer zu Daniel Huis Film

„Olanda“ von Bernd Schoch

Auf dem TV-Bildschirm, erklĂ€rte Regisseur Bernd Schoch, wĂŒrde sein Film nicht funktionieren. TatsĂ€chlich braucht es schon die große Leinwand, das Kino als Ort, an dem auch hier wieder Filmkunst möglich wird. Und die muss, wie „Olanda“ neben zahlreichen weiteren Dokumentationen auf dieser Berlinale belegte, nicht unbedingt fiktional sein. Schochs streng dokumentarische, aber in kunstvoll-ruhiger Kameraarbeit eingefangene ErzĂ€hlung ĂŒber Pilzsammler in den rumĂ€nischen Karpaten entfaltet sich sehr gemĂ€chlich im Kinodunkel – gut zweieinhalb Stunden nimmt sich dieser Film Zeit, sein Sujet, also die Pilze, und seine menschlichen Protagonisten, deren Sammlerinnen und Sammler, zu begleiten.

„Show, don’t tell“ scheint oberste PrĂ€misse: WĂ€hrend nichts erklĂ€rt und kein RĂŒckblick gewĂ€hrt wird, kraxelt auch der Zuschauer orientierungslos durchs sattgrĂŒne Dickicht und verweilt zwischendurch auf regnerischen ZeltplĂ€tzen im rumĂ€nischen Niemandsland, wo die stets unkommentiert eingefangenen Pilzsammler bald zu liebgewonnenen Lotsen in der vollen Gegenwart werden.

Bernd Schoch, Olanda, 2019, Image via www.olanda-film.de

Bernd Schoch, Olanda, 2019, Image via www.olanda-film.de

„Ich war zu Hause, aber“ von Angela Schanelec

Dass bei der Berlinale mitunter auch im Wettbewerb hin und wieder großes Kino gezeigt wird, beweist die diesjĂ€hrige Ausgabe durch den Beitrag Angela Schanelecs „Ich war zu Hause, aber“. Das Kino – Fenster in oder auch Rahmen fĂŒr eine andere Welt – versteht es im besten Falle, auch ĂŒber seine eigene Form zu reflektieren. In „Ich war zu Hause, aber“ kongruieren Form und Inhalt in einem solchen Maß, wie man es eher selten erlebt. Wir sehen die alleinerziehende Astrid ihren Sohn aus der Schule abholen, nachdem dieser eine Woche spurlos verschwunden war. ErklĂ€rt wird sein Verschwinden zu keiner Zeit. Der Film begleitet im Folgenden weiter Astrid: beim Gebrauchtfahrradkauf, beim GesprĂ€ch mit Lehrern, zusammen mit ihrem Filmkurs-Tutor oder ihren Kindern.

Dialoge und Inszenierung wirken reduktionistisch und formstreng, verweisen in ihrer Kunsthaftigkeit aber vielmehr auf das grundsĂ€tzliche Problem von AuthentizitĂ€t und ihrer Darstellbarkeit. Filme stellen eine je eigene RealitĂ€t intersubjektiv erfahrbar dar, nicht aber die Wirklichkeit per se – mag die Filmsprache großer Produktionen ihrerseits auch immer mehr Einzug in die Alltagswelt erhalten. Dass Kino mehr sein kann als ein den filmischen Sehgewohnheiten entsprechendes Nachspielen von kleinen oder großen Geschichten, mal mehr oder mal weniger ĂŒberraschend, davon zeugt Angela Schanelecs „Ich war zu Hause, aber“ in jeder Sekunde. Ein hoffnungsfrohes Zeichen fĂŒr die Filmkunst im ansonsten bestenfalls mittelmĂ€ĂŸigen Wettbewerb.

Angela Schanelec, Ich war zu Hause, aber (Filmstill), 2019, Image via www.radioeins.de

Angela Schanelec, Ich war zuhause, aber, DEU/SRB 2019, Bildbeschreibung: Maren Eggert, Dane Komljen © Nachmittagfilm
„We Are Little Zombies“ von Makoto Nagahisa

So rasant hat selten ein Coming-of-Age begonnen: Statt Indie-Schwermut knallt Makoto Nagahisas DebĂŒt-Langfilm „We Are Little Zombies“ in Höchstgeschwindigkeit eine Videospiel-Referenz nach der anderen auf die Leinwand. Absurde Schnitte, die ihre Protagonisten kaum einzufangen vermögen, kunstvollste videospielĂ€hnliche Perspektiven realer Landschaften und ein Konsolenspiel trifft-Japan-Punkrock-Soundtrack liefern die exzentrische Form fĂŒr eine kaum minder groteske Geschichte vierer Jugendlicher, die sich auf der Beerdigung ihrer Eltern vor dem Krematorium kennenlernen und schließlich als vermeintlich gefĂŒhlskalte Zombies fĂŒr die große BĂŒhne gecastet werden. Am Ende sind die Kids natĂŒrlich „quite alright“, die Welt, in der sie leben, nicht unbedingt.

Makoto Nagahisa, We Are Little Zombies, JPN 2019, Bildbeschreibung: Sena Nakashima, Keita Ninomiya, Mondo Okumura, Satoshi Mizuno © 2019 “WE ARE LITTLE ZOMBIES” FILM PARTNERS
„So long, my son“ von Wang Xiaoshuai

„Im Kino gewesen, geweint.“ Diese Kafka-Notiz ließe sich bestens auf Wang Xiaoshuais Dreistunden-Epos anwenden, das im Grunde ein klassisches Drama erzĂ€hlt, aber eines, das von der kunstvollen Montage verschiedenster Jahrzehnte ĂŒber Regie und Drehbuch bis zum Schauspiel in jeder Hinsicht großes Kino bietet. Nach der voll verdienten Auszeichnung seiner beiden Hauptdarsteller Yong Mei und Wang Jingchun mit dem Silbernen BĂ€ren stehen die Chancen auf einen deutschen Kinostart zumindest etwas besser.

Mei und Jingchun sind es dann auch, die das Drama um zwei befreundete Familien, das sich ĂŒber drei Jahrzehnte erstreckt, tragen. Vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und politischer UmwĂ€lzungen wie der Kulturrevolution, der rigorosen Ein-Kind-Politik bis hin zur neueren, hyperkapitalistischen Ausrichtung, entwirft Wang Xiaoshuai eine zutiefst humane Geschichte ĂŒber Schuld, Scham, Schmerz und Gnade und vermeidet dabei jene Hollywood-SentimentalitĂ€t, die das ErzĂ€hlte in Kitsch umschlagen ließe. Umso bitterer zu sehen, dass gleich zwei chinesische Spielfilme kurz vor ihrer geplanten Berlinale-AuffĂŒhrung mutmaßlich von der Zensur gestoppt wurden.

Wang Xiaoshuai, Di jiu tian chang | So Long, My Son, CHN 2019 © Li Tienan / Dongchun Films

was auch nicht fehlen darf

FĂŒr manche Vorstellungen sind auch die Pressekontingente zu schnell erschöpft. Diese Filme lohnen aber höchstwahrscheinlich einen Kinobesuch: Die Verfilmung von Elfriede Jelineks Zombies-in-Österreich-Film „Die Kinder der Toten“ durch das New Yorker KĂŒnstlerpaar Kelly Copper und Pavol Liska und das dreistĂŒndige „Heimat ist ein Raum aus Zeit“, in dem Thomas Heise die eigene Familiengeschichte als Bilderessay erzĂ€hlt.

Kelly Copper, Pavol Liska, Die Kinder der Toten, AUT 2019 © Ulrich Seidl Filmproduktion