âPasseggiataâ nennt man auf Italienisch einen Spaziergang, eine Promenade, einen Bummel durch die Innenstadt. Die Tradition der âPasseggiataâ am spĂ€ten Nachmittag beschreibt jedoch weit mehr als einen Spaziergang. Sie ist ein soziales PhĂ€nomen, ein Ritual, bei dem die Bewohner einer (klein-)stĂ€dtischen Gemeinschaft zusammenkommen, tratschen, sich austauschen und ihre neusten KleidungsstĂŒcke prĂ€sentieren.
Kurz: Ein Sehen und Gesehen-Werden. Diesem Zusammenwirken aus Promenieren und PrĂ€sentieren widmet die StĂ€del-Studentin Sonia Knop ihre aktuelle Ausstellung in der Schleuse der RĂŒsselsheimer Opelvillen. In ihrer Arbeit âPasseggiataâ  setzt sich Knop sowohl mit Sound und Video als auch mit Installationskunst und Performance auseinander, die sie als einen Spaziergang durch die Schleuse entwirft.
Die GroĂstadt auf der WĂ€scheleine
âDer langgestreckte Raum wird zur StraĂe, zur Allee, zum Corsoâ, erklĂ€rt die KĂŒnstlerin, die den Ort mit einer multimedialen Installation gestaltet hat. Parallel zueinander sind sieben Nylonseile gespannt, an denen â durch hölzerne WĂ€scheklammern gehalten â bunt bedruckte Stoffe herabhĂ€ngen. Die Stoffe hĂ€ngen dicht an dicht, als wĂ€ren sie zum platzsparenden WĂ€schetrocknen von einer GroĂfamilie installiert worden.Tritt man nĂ€her, fĂ€llt auf, dass es sich um unterschiedliche BettwĂ€sche handelt, bedruckt mit idealisierten bis kitschigen GroĂstadtbildern: Die Skyscraper New Yorks, der Londoner Big Ben, die Istanbuler Bosporus-BrĂŒcke sowie die Casinos Las Vegasâ blinken einem entgegen.
âDie BettwĂ€schen habe ich im Internet gefunden. Am hĂ€ufigsten werden die Stadtbilder von London und New York gedrucktâ, berichtet Knop. Die PrĂ€sentation dieser industriell gefertigten BettĂŒberzĂŒge drĂŒckt eine menschliche Sehnsucht nach groĂstĂ€dtischem Lebenswandel und Fernweh aus. Doch bleiben die Menschen am Ende, unter den Metropolen-BettwĂ€schen zugedeckt, in ihrem trauten Heim zurĂŒck. Der heimeligen BettwĂ€sche steht ein oberhalb der Stoffe angebrachter Flachbildschirm gegenĂŒber, der schriftliche Aufforderungen wie âstop playing the pianoâ, âhide between the sheetsâ, âlistenâ abspielt.
Der langÂgeÂstreckte Raum wird zur StraĂe, zur Allee, zum Corso.
Begleitet werden Stoffe und Schrift von einer Musik, die zwischen klassischem Operngesang, Sprechakten und freier Improvisation schwankt. Knop hat die Instruktionen, die in gleichförmiger Geschwindigkeit ĂŒber den Monitor laufen, von dem OpernsĂ€nger Eric Lenke einsingen lassen.
âFare una passeggiataâ in der SCHLEUSE
Hinter dieser Kulisse fĂŒhrte am Eröffnungstag der 12-jĂ€hrige Jeremy Skatchov die von Sonia Knop erdachte Performance auf. Er trat in spazierenden Schritten in den Raum der Schleuse ein und brachte die BettwĂ€sche in Bewegung: Mal hastete er zwischen den bunten Stoffen hindurch, als reise er von einer Metropole zur nĂ€chsten; mal blickte er hinter sich, als verfolge ihn jemand, dem es zu entfliehen gilt. Dann wieder verweilte er am groĂen Fenster und Ruhe kehrte ein, doch plötzlich sprang er wieder auf, um sein Ohr gegen die Wand zu pressen, als frage er sich: Was sagt sie? Die Performance wird so zum Bindeglied zwischen den Instruktionen, der herabhĂ€ngenden WĂ€sche und der im Hintergrund laufenden Musik.Â
Erst die langsamen und dann wieder eilenden Bewegungen des jungen Performers materialisieren die schriftlichen und gesungenen Aufforderungen. Er fĂŒhrt vor, wie die Installation zu betreten ist. âTheoretisch können die Besucherinnen die Performance selbst durchfĂŒhren, indem sie den Instruktionen auf dem Bildschirm folgenâ, erklĂ€rt Knop. Dadurch wird die Installation ihrer rein optischen Funktion entledigt: Die BetttĂŒcher sind nicht nur zum Ansehen, sondern auch zum Durchschreiten, Verstecken und Spielen da.
Sehen und Gesehen-Werden
Zum Abschluss ihrer Ausstellung âPasseggiataâ wird Sonia Knop die in etwa fĂŒnfminĂŒtige Performance wiederholen. Am 21. Oktober wird erneut ein Performer durch den langgestreckten Raum der Schleuse wandeln, ihn bespielen und in Bewegung setzen und so die Besucher auffordern, zu Beobachtern zu werden. Denn erst die Beobachtung macht die âPasseggiataâ zu dem, was sie ist: Ein Sehen und Gesehen-Werden.
© Sonia Knop, Image via www.opelvillen.de