Es ist ein kalter Morgen, als ich mich mit Isaak Dentler im Foyer der Schirn Kunsthalle treffe. Die MĂŒtze tief ins Gesicht gezogen, tritt er mir mit einem offenen LĂ€cheln entgegen. Keine Spur von MĂŒdigkeit ist ihm anzumerken, dabei stand er noch am vorherigen Abend in gleich mehreren Rollen in dem vierstĂŒndigen StĂŒck Richard III. im Schauspiel Frankfurt auf der BĂŒhne. Als ich die AuffĂŒhrung im Schauspielhaus sah, war ich gleichermaĂen fasziniert und entsetzt: Wie kann ein widerwĂ€rtiger und bösartiger Mensch wie Richard III. alle tĂ€uschen, verfĂŒhren und manipulieren, um sich schlussendlich auf den Thron zu lancieren? âEs ist möglich, wie es auch in den 1920er- und 30er-Jahren möglich warâ, meint Dentler.
In der Inszenierung im Frankfurter Schauspiel darf ein Teil der Zuschauer ganz nah ans Geschehen ran, sitzt mit auf der BĂŒhne und wird so zum Mitwisser. Alle schauen dem miesen Treiben zu und schweigen, geben dem skrupellosen MissetĂ€ter sogar die Hand. Shakespeares âRichard III.â trĂ€gt einen ĂŒberzeitlichen Kern in sich, der dazu legitimiert, diesen mit den Geschehnissen der Weimarer Republik ebenso wie aktuellen politischen Entwicklungen in Bezug zu setzen. âWenn ich mich auf ein StĂŒck vorbereite, dann beginne ich zu recherchieren, was in der Zeit seiner Entstehung alles passierte.â sagt Dentler, der seit 2009 festes Ensemblemitglied vom Schauspiel Frankfurt ist und zudem als Polizei-Assistenten Jonas im Frankfurt Tatort Bekanntheit erlangte.
Selbstbewusst trotz groĂen Leids
In seinem ersten Jahr auf der Frankfurter BĂŒhne spielte er in Ădön von HorvĂĄths StĂŒck âGeschichten aus dem Wienerwaldâ, das Ende der 1920er-Jahre geschrieben wurde und in der Zeit katastrophaler Arbeitslosigkeit und der Weltwirtschaftskrise ein SchlĂŒsselwerk des modernen Dramas darstellt. Darin verkörperte er den Hallodri Alfred. Mit ihm betrĂŒgt die junge Marianne ihren Verlobten, den Metzger Oskar, der sie daraufhin fallen lĂ€sst. Die Folgen fĂŒr Marianne sind: eine âKarriereâ als StriptĂ€nzerin, Tod ihres Babys und Heimkehr als Gebrochene.
Wir stehen vor dem Bild âLissyâ von Elfriede Lohse-WĂ€chtler aus dem Jahre 1931, das die Thematik der sich prostituierenden Frau aufgreift. Das knallrote und viel zu enge Kleid betont die weiblichen Rundungen ihres Körpers. Jedoch sorgen die krallenartigen HĂ€nde, das maskenhaft geschminkte Gesicht und die gerĂŒmpfte Nase fĂŒr Irritation. Im Hintergrund lauern schon die Freier mit ihren fratzenartigen Gesichtern wie HyĂ€nen. Lohse-WĂ€chtler zeigt die Dirne nicht aus voyeuristischer Perspektive â mit nackter Haut oder werbenden Gesten.
Frauenbild in der Weimarer Republik
Trotz der Not der Frauen, die sich prostituieren mussten, um ihre Kinder zu ernĂ€hren, da viele der MĂ€nner im ersten Weltkrieg umkamen oder Invaliden wurden, zeigt Lohse-WĂ€chtler in ihrem Bild eine selbstbewusste Frau. âDiese Bilder hier lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Sie fordern herausâ sagt Dentler. âAber es ist nicht nur der Inhalt, der mich aufwĂŒhlt. Es ist auch die Art des Malens.â Wie auch bei Lohse-WĂ€chtler oszillieren viele der in der Ausstellung gezeigten Werke zwischen Expressionismus und der gegenstĂ€ndlich-realistischen Malerei der Neuen Sachlichkeit.
Die Frauen in der Weimarer Republik forderten eine neue Rolle und zeigten sich in der Ăffentlichkeit mit neuem Selbstbewusstsein. Die erstarkte Frauenbewegung setzte 1919 die EinfĂŒhrung des Wahlrechts fĂŒr die weibliche Bevölkerung durch. 1925 waren immerhin 35 Prozent der Frauen berufstĂ€tig. Das spiegelt sich auch in der Ausstellung wieder: Von den insgesamt 62 gezeigten KĂŒnstlern sind 30 Prozent Frauen. Jedoch war es im Zuge der Weltwirtschaftskrise und der folgenden MachtĂŒbernahme durch die Nazis, die ein althergebrachtes Frauenbild propagierten, mit der "neuen Frau" bald wieder vorbei.
âDer Inhalt bestimmt die Formâ
Die Darstellung der Frau mit kantigen ZĂŒgen, Bubikopf und meist eine Zigarette rauchend, musste schlieĂlich einem wieder aufkommenden Konservativismus weichen. Das MĂ€dchen in Werner Peiners Bild âResyâ hat alles Aufbegehren bei Seite geschoben. Vor einem japanischen Farbholzschnitt sitzend, verweist sie auf das aufstrebende und fĂŒr Neues offene BĂŒrgertum am Ende des 19. Jahrhunderts. Dentler blickt lange auf die verschiedenen FrauenportrĂ€ts und stellt fest: âJa, sie wirkt ganz zurĂŒckhaltend und brav.â
Die von Ingrid Pfeiffer kuratierte Ausstellung behandelt in neun thematischen Kapiteln verschiedene Probleme jener Zeit â von VergnĂŒgungsetablissements ĂŒber die Rolle der Frau bis hin zur Politik, dem Abtreibungsparagraphen §218 sowie HomosexualitĂ€t. âDie Ausstellung ist eine richtige Inszenierung. Das ist bei uns im Theater im besten Fall auch so â der Inhalt bestimmt die Formâ erklĂ€rt Dentler. âWir haben im Theater keinen Kurator sondern einen Spielleiterâ fĂ€hrt Dentler fort, der nicht nur als Schauspieler und Sprecher arbeitet, sondern auch in einigen StĂŒcken selbst als Theaterregisseur wirkte, wie zum Beispiel aktuell in dem StĂŒck âEin Bericht fĂŒr eine Akademieâ am Frankfurter Schauspiel. âAls Theatermensch fallen mir hier sofort die vielen ĂŒberzeichneten Charaktere auf, die zum Teil grotesk und verstörend wirken.â Auch das Theater in der Weimarer Republik wollte das Publikum in erster Linie verstören. Vor allem Berlin war in dieser Zeit mit fast 50 BĂŒhnen eine Weltmetropole des Theaters.
Entspannung vom Grotesken
 âBei âRichard III." haben wir uns gefragt: Wie böse und grotesk ĂŒberzeichnet muss man so eine Figur zeigen - oder eben gerade nicht,â berichtet Dentler. In der Frankfurter Inszenierung wird das durch Richards missgebildeten Körper, sprich: Buckel, dargestellt und durch seine Sprache, die spitz und scharf wie ein Messer ist. Doch wie zeigt sich das Böse in der Kunst der Weimarer Republik? Otto Dix etwa portrĂ€tierte seine Zeitgenossen sehr genau und demaskierte ihre hĂ€sslichen Seiten. Das Böse wird bei Dix personifiziert, in dem er zum Beispiel dem Mann in seiner Zeichnung âZuhĂ€lter und Prostituierteâ ganz klar die ZĂŒge von Adolf Hitler verleiht. In dem bereits 1923 entstanden Werk verbildlicht Dix die dĂŒsteren Vorahnungen zum Fortgang der deutschen Geschichte und der Zukunft der fragilen Demokratie.
Wir bleiben bei unserem Rundgang vor Carl Grossbergs âWeisse Tanksâ stehen. Nicht ein Mensch ist auf dem Bild zu sehen - nur statisch-kĂŒhle Industrieanlagen. âMich entspannt das sehr, nach all den Werken mit Menschen mit ĂŒbertriebener und grotesker Mimikâ stellt Dentler fest. âDurch ein Gesicht und dessen Ausdruck wird man sofort direkt angesprochen und gefordert.â In Georg Scholzâ âBahnwĂ€rterhĂ€uschenâ hingegen ist ein Mensch â der BahnwĂ€rter â zwar da, aber eigentlich nicht gegenwĂ€rtig. Den Kopf in die Hand gestĂŒtzt blickt er geistesabwesend auf die Bahnschranke.
Die Zeit spĂŒren
Das erinnert Dentler an das von ihm inszenierte Ein-Personen-StĂŒck âKohlhaasâ. âIm âKohlhassâ kommt das Wort Schlagbaum sehr oft vor,â erklĂ€rt Dentler, âaber viele junge Leute heute wissen gar nicht mehr, was ein Schlagbaum ist und was er bedeutet.â In der 1810 erschienen Novelle von Heinrich von Kleist kĂ€mpft Kohlhaas bis aufs Blut fĂŒr sein Recht und ist bereit, dafĂŒr ganze StĂ€dte niederzubrennen und Menschen zu morden. In den Kohlhaas-Text hat Dentler den eigenen Satz âBlut wird im Namen der Religion doch schon immer vergossenâ als Fremdtext eingefĂŒgt und zeigt damit, dass das Thema aktueller ist denn je: Blutige Selbstjustiz statt Rechtsstaatlichkeit. Wer ist Opfer, wer TĂ€ter?
Damit sind wir wieder bei der Weimarer Republik, dem ersten praktischen Versuch, Deutschland eine demokratische Staatsform zu geben. Doch unter der Last der Folgen des Weltkrieges hatte sie es von Anfang an schwer. Mit dem Nationalsozialismus wuchs eine Massenbewegung, die vielen BĂŒrgern ein Ende des politischen Chaosâ versprach und sie damit gleichermaĂen zu Opfern und letztlich MittĂ€tern machte. Am Ende unseres zweistĂŒndigen, intensiven und sehr bereichernden Rundgangs verabschiedet sich Isaak Dentler mit den Worten: âEs ist sehr wichtig, dass wir TheaterstĂŒcke und Ausstellungen inszenieren und kuratieren, die uns geschichtliche Ereignisse nĂ€her bringen und uns diese Zeit spĂŒren und nachempfinden lassen.â
Artikel, Filme, Podcasts - das SCHIRN MAGAZIN direkt als WhatsApp-Nachricht empfangen, abonnieren unter www.schirn-magazin.de/whatsapp