Wie lĂ€sst sich das filmische Bild in den Raum ĂŒbertragen? Welche Rolle spielt der Zuschauer? Was kann, was soll Film sein? Ab den 1990er-Jahren integriert Doug Aitken in seinen kinematografischen Installationen vielzĂ€hlige, oft ĂŒbergroĂe Screens oder Projektionen, die sich den Ausstellungsraum zu eigen machen und den Zuschauer umschlieĂen oder sich als Parcours darbieten, der durchlaufen werden muss. FĂŒr den Film selbst hat dies zur Folge, dass er nie losgelöst, sondern immer als eine fragmentarische Vielheit wahrgenommen wird. Die Betrachter werden einem Zusammenspiel von Bild, Ton und rĂ€umlichen Strukturen ausgesetzt, werden Teil einer Figuration, die notwendigerweise gebrochen und asynchron bleibt. So fordert Aitken die Grenzen der Erfahrung von Zeit, Raum und auch Bild immer wieder heraus und die Zuschauer dazu auf, den Film mental zu komplettieren. Ein Bestreben, das er mit jener KĂŒnstlergeneration teilt, die sich der Erweiterung des Films in den 1960er-Jahren zuwandte. Der Medientheoretiker Gene Youngblood begrĂŒndet mit seiner theoretischen Erörterung den Diskurs um das âExpanded Cinemaâ.
Filmemacher wie Tony Conrad, Stan Brakhage, Anthony McCall, Stan Vanderbeek, Andy Warhol oder auch die deutschen KĂŒnstler Birgit Hein und Peter Weibel widmen sich ab den 1960er-Jahren eingehend dem Film. Ihr gemeinsames Ziel: das Medium buchstĂ€blich aus seiner tradierten rĂ€umlichen Anordnung zu befreien und ihn auf neue Weise erfahrbar zu machen. Bereits die filmische Avantgarde des frĂŒhen 20. Jahrhunderts experimentierte mit den formalen Strukturen des Films. Doch wurde Film ab den 60er-Jahren, durch Mehrfachprojektionen, skulpturale Installationen, Live-Performances, Sound-Experimente und eine intendierte Einbeziehung der Zuschauer nicht nur strukturell und Ă€sthetisch neu gedacht. Vielmehr ging es um einen neuen Modus der Kunsterfahrung und der filmischen Sprache, den Gene Youngblood als âsynĂ€sthetischâ bezeichnet, also als sinnlich-Ă€sthetische Erfahrung, die, im besten Fall, bewusstseinserweiternd wirkt. Das synĂ€sthetische Kino ist, so Youngblood, relational, es konstituiert sich durch die Zusammenwirkung vielerlei Faktoren und Beziehungen. Die formalen und inhaltlichen Informationen des Bildes wie auch die FĂ€higkeit der Zuschauer, diese wahrzunehmen, zusammenzusetzen und zu interpretieren sind essentielle Bestandteile eines jeden Films. Den Betrachtern kommt so eine aktive Rolle zu â sie werden nicht nur aufgefordert, sich in filmischen Installationen zu bewegen, sondern vervollstĂ€ndigen den Film gar erst durch ihre Wahrnehmung.
Der Film im Expanded Cinema will weder erzĂ€hlen noch darstellen, auch verzichtet er auf herkömmliche narrative Strategien und Muster. Form und Inhalt verschmelzen, es entstehen flieĂende Bildwelten. Die neue Art des Sehens, der synĂ€sthetische Modus, lĂ€sst dann eine besondere Form des Bewusstseins hervortreten, die Youngblood in Anlehnung an Sigmund Freud als âozeanisches Bewusstseinâ bezeichnet: im Betrachten jener Bildwelten verlieren sich Blick und Geist gleichermaĂen, um sich dann fĂŒr neue Sinneserfahrungen zu öffnen. Was hier ein wenig nach New Age MentalitĂ€t klingt, ist tatsĂ€chlich eine sehr konsequente Analyse der technischen und kĂŒnstlerischen Entwicklungen jener Zeit. Denn Youngblood argumentiert, dass mit der steigenden PopularitĂ€t des Fernsehens das Kino von seiner âPflichtâ befreit wurde, das menschliche Leben widerzuspiegeln. Vielmehr kann und muss das Kino nun seine eigenen Grenzen ĂŒberschreiten, sich neuen Gebieten annehmen. Die synĂ€sthetische Sprache des Kinos sei nur adĂ€quat fĂŒr das postindustrielle Informationszeitalter, in welchem sinnliche Erfahrung nicht mehr uniform und linear, sondern an elektronische, sich in alle Richtungen ausbreitende Informationen gekoppelt ist.
...wo das Selbstsein vollstÀndig mit einer halluzinatorischen Landschaft verschmilzt
Doug Aitkens âBlack Mirrorâ von 2011 wurde bereits in einem Schlachthaus und auf einem Schiff prĂ€sentiert, als multimediales Event, das Installation, Performance und BĂŒhnenstĂŒck zugleich ist. Auf Bildschirmen flimmert hektisch zusammengeschnittenes Filmmaterial, das die immer gleiche Protagonistin an Orten auf der ganzen Welt zeigt. Zeitgleich bewegt sich dieselbe Frau, die Schauspielerin ChloĂ« Sevigny, in einer rĂ€umlichen Installation, mal liegt sie im Bett eines kargen Hotelzimmers, mal steht sie auf einer TribĂŒne, umgeben von StangentĂ€nzerinnen, TĂ€nzern oder Musikern. Eine Geschichte wird angedeutet, jedoch nicht zu Ende erzĂ€hlt. Stattdessen: Fragmente, RĂŒckkopplungen, Ăberschneidungen und Verlagerungen. Um sich in diesem kaleidoskopischen GefĂŒge zu orientieren, muss der Zuschauer die auditiven wie visuellen Informationen sammeln und zusammensetzen. Und, wie Martin Herbert feststellt, die eigene Bedeutung aufs Spiel setzen, um an einen Ort zu gelangen âwo das Selbstsein vollstĂ€ndig mit einer halluzinatorischen Landschaft verschmilztâ.
Wenn es im Expanded Cinema der 1960er-Jahre darum ging, die formalen Grenzen des Films zu erweitern, so verfolgt Doug Aitken dieses Ziel konsequent weiter, und zwar mit den technischen Mitteln und den Themen der Gegenwart. Im Fall von âBlack Mirrorâ heiĂt das: sich auf schönste Weise zu zerstreuen und zu verlieren, nur um sich an einem anderen Ort wieder zu finden.Â