Sie laufen, sie laufen, sie marschieren. Ohne Pause. Es sind riesige Rollen, die sich dort auf der dunklen BĂŒhne beharrlich drehen, die höchstens einmal fĂŒr einen kurzen Moment still stehen. Die Schauspieler bewegen sich auf diesen Rollen, ohne Stillstand. Die E-Gitarre setzt ein, die Musik wird immer lauter, immer dringlicher. Die Darsteller sprechen â nein, besser: skandieren â im Chor. âTotgeschlagen, totgeschlagen, totgeschlagen, totgeschlagen.â
âDanton Todsâ spielt nach der Euphorie, in der Zeit, in der aus der Französischen Revolution eine Schreckensherrschaft geworden ist. Das Volk darbt, es fehlt am Einfachsten und Wichtigsten, die Menschen hungern. Die RevolutionĂ€re glauben, dass sie die Bevölkerung nur bei Laune halten können, wenn sie die Spirale der Gewalt weiter drehen. Dass das Volk ein Minotaurus ist, sĂŒchtig nach Leichen, heiĂt es im StĂŒck. Die Guillotinen stehen nicht mehr still. âIhr wollt Brot und sie werfen euch Köpfe hinâ, sagt Danton.
Furcht vor dem Furor
Robespierre ist der Mann, der das Morden vorantreibt. Danton ist der, der zaudert, der zweifelt. Gemeinsam mit ein paar Getreuen plĂ€diert er fĂŒr Nachsicht, fĂŒr ein Ende des Tötens, fĂŒr Menschlichkeit. Georg BĂŒchner, der das StĂŒck in wenigen Wochen des Jahres 1835 niederschrieb, verpasste der Hauptfigur seinen eigenen Vornamen. Es steckt viel von seinem eigenen Denken in diesem Georg Danton. In seiner Flugschrift âDer Hessische Landboteâ hatte der Arztsohn BĂŒchner 1834 selbst zu UmbrĂŒchen aufgerufen, doch auch er hatte Furcht vor dem gewalttĂ€tigen Furor der Revolution.
Die sich drehenden Rollen sind ein starkes Bild. Sie stehen fĂŒr den oft unheilvollen Lauf der Geschichte, der sich nicht bremsen lĂ€sst. Sie stehen dafĂŒr, wie der Aufbruch zum Mahlwerk wird. Und wĂ€hrend man auf sie blickt, hat man eines immer im Kopf: Wer jetzt aus der Reihe tanzt, der kommt unter die RĂ€der. Es ist beachtlich, wie den Darstellern das wackelige Spiel auf den Rollen glĂŒckt, man malt sich aus, wie erschöpft sie nach dieser Tortur sein mĂŒssen. Nico Holonics spielt einen diabolischen Robespierre, eine Gruselfigur. Torben Kessler gibt den Danton erst hadernd, dann mutig. Vier Musiker sind mit auf der BĂŒhne, sie spielen Cello, Gitarre und Bass. Drei SĂ€nger bewegen sich mit auf den Rollen. Die Musik von Ari Benjamin Meyers pendelt zwischen Minimalismus und wuchtigem Postrock. Sie ist in dieser beeindruckenden Inszenierung ein wichtiges, bestimmendes Element.
Robert Wilson hat Rasche geprÀgt
FĂŒr BĂŒhne und Regie ist Ulrich Rasche zustĂ€ndig. Er ist bekannt fĂŒr seine streng-formalistischen, chorischen Inszenierungen. Rasche, Jahrgang 1969, hat ein Studium der Kunstgeschichte absolviert, bevor er anfing, im Theater zu arbeiten. Er hat zunĂ€chst mit JĂŒrgen Kruse in Bochum und mit Robert Wilson an der Berliner SchaubĂŒhne gearbeitet. An Wilsons Watermill Center in Long Island war er auch Stipendiat. Der Einfluss des Theatermagiers auf Rasches Werk ist unĂŒbersehbar. Eine â ganz andere â Inszenierung schafft Ulrich Rasche nun auch fĂŒr die Schirn. FĂŒr die Ausstellung âKunst fĂŒr alleâ, die nun eröffnet, hat er die Ausstellungsarchitektur entworfen. Wer seine auĂergewöhnliche BĂŒchner-Inszenierung sehen will, muss sich sputen. Bereits am kommenden Wochenende lĂ€uft die Inszenierung zum letzten Mal.
Etwas mehr als zwei Stunden drehen sich die RĂ€der auf der groĂen BĂŒhne des Frankfurter Schauspiels. In immer neuen Konstellationen agieren die Darsteller, die eingĂ€ngige, monotone Musik spiegelt die Drehungen der Walzen. Die Wut und der Hass bestimmen das Tribunal an Danton und seinen Mitstreitern. âNieder mit Danton, nieder mit dem VerrĂ€ter, es lebe Robespierreâ, ruft der Chor. Die rotierenden Rollen werden hinauf gefahren, nĂ€hern sich der BĂŒhnendecke. Dann fahren sie wieder hinab. Die Darsteller bleiben in der Luft hĂ€ngen, an Seilen. Die leblosen Körper baumeln durch die Luft. Die Revolution frisst ihre Kinder.