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Die Wahrheit um vier Uhr nachts

16.08.2018

5 min Lesezeit

Perel
Sie legt im Berghain auf, veröffentlichte ihr DebĂŒtalbum beim New Yorker Kultlabel DFA und am 22. August ist sie beim SCHIRN Sommerfest zu Gast. Ein GesprĂ€ch mit der Musikerin Perel ĂŒber Berliner Taxifahrer, ihre Lieblingsmelodie und Schlagershows.

Annegret Fiedler hat eine dieser wunderbaren Lebensgeschichten, in denen es ein MĂ€dchen aus der Provinz auf die BĂŒhnen der Welt schafft. Aufgewachsen im Erzgebirge, da stand die Mauer noch, sang sie im Kirchenchor und verliebte sich als Teenie in die Backstreet Boys. WĂ€hrend des Studiums spielte sie in Bands, Indie-Rock, auch Punk, und machte sich dann in Berlin als House-DJ einen Namen. Im FrĂŒhjahr 2018 veröffentlichte sie als Perel beim New Yorker Kultlabel DFA ihr DebĂŒtalbum „Hermetica“, eine Platte irgendwo zwischen Techno und Pop. Vor ihrem Auftritt beim Schirn Sommerfest am 22. August erzĂ€hlt sie, welche Melodien funktionieren, warum sie auf Deutsch singt und was ihr Song des Sommers ist.

Ich habe ĂŒberlegt, wie man deine Musik beschreiben kann. Sie klingt ein bisschen, als stĂŒnde man auf der dunklen TanzflĂ€che eines Clubs, etwas Treibendes, Elektronisches lĂ€uft, und von irgendwoher wehen Melodien und Gesangsfetzen herĂŒber.

Naja, das klingt, als sei es nichts Halbes und nichts Ganzes. FĂŒr mich macht meine Musik schon Sinn. Ich kann sie manchmal auch nur schwer einordnen, aber das ist ja das Schöne an Kunst.

Sie ist ein Dazwischen. Wie erklÀrst du Leuten, die noch nie deine Musik gehört haben, was du machst?

Der Klassiker sind Taxifahrer. Man kommt ins GesprĂ€ch, und irgendwann fragen sie: „Was machst du denn so fĂŒr Musik?“ Puh. Ich sag‘ dann immer: eine Mischung aus Techno, Depeche Mode und The Cure. Und bisschen Giorgio Moroder ist auch noch drin. Dann fragen sie immer, wo ich das mache. Im Berghain. Ah. Da wissen sie einigermaßen Bescheid, Berliner Taxifahrer halt.

Ich sag‘ dann immer: eine Mischung aus Techno, Depeche Mode und The Cure. Und bisschen Giorgio Moroder ist auch noch drin.

Perel

PEREL

Alles

Du arbeitest als DJ, Produzentin und SĂ€ngerin und hast alle möglichen Musikgenres ausprobiert. Vom Kirchenchor im Erzgebirge ĂŒber Auftritte mit einer Indie-Rock-Band und als House-DJ bis zu deinem DebĂŒtalbum im FrĂŒhjahr mit jenen schwer beschreibbaren Songs zwischen Techno und Pop. Gibt es auch ein Genre, das du furchtbar findest?

Eigentlich nicht, das ist total witzig. Letztens bin ich sogar vorm ZDF-Fernsehgarten hÀngengeblieben. Parallel lief dazu in der ARD was mit Stefan Mross. Das ist so eine faszinierend andere Welt. Was bringt die Menschen dazu, das zu hören? Wie ticken die? Klar ist es Horror, aber ich finde es zugleich so faszinierend. Lehrreich.

Foto: Nora Heinisch

Du hast mal gesagt, die Melodie ist alles. Was macht eine gute Melodie aus?

Ich unterscheide nicht zwischen guten und schlechten Melodien. FĂŒr mich ist eine Melodie brauchbar, wenn sie mich berĂŒhrt. Wenn ich fĂŒhle, dass ich in diesem Moment mit dieser Melodie etwas von mir preisgebe. Ich mache Musik in erster Linie fĂŒr mich selbst. Nur wenn sie authentisch ist und mich berĂŒhrt, ist eine Melodie brauchbar, in AnfĂŒhrungsstrichen „gut“.

Was ist deine liebste Melodie, auf die du gekommen bist?

Ich glaube, meine persönlichste Melodie ist die zu „Alles“, einer der Singles von meinem Album. Ich weiß gar nicht genau, warum. Klar, a-Moll, ein Klassiker, berĂŒhrt jeden. Aber das ist es nicht nur. Es geht darum, dass ich etwas sage, was ich lange nicht verstanden habe, aber fĂŒr mich so aussagekrĂ€ftig ist wie wenig sonst. Mir ging’s nicht so gut in der Zeit, im SpĂ€tsommer war das, August oder September 2016. Da saß ich im Schlafzimmer und habe „Alles“ komponiert. Nach ganz langer Zeit war das mal wieder ein Song, bei dem ich das BedĂŒrfnis hatte, Vocals draufzupacken, auf Deutsch.

Ich unterscheide nicht zwischen guten und schlechten Melodien. FĂŒr mich ist eine Melodie brauchbar, wenn sie mich berĂŒhrt.

Perel

Die Vocals sind ein schöner Kontrast. Du sprichst sie eher, als dass du sie singst, und sie haben eine HÀrte, die der Leichtigkeit der Produktion entgegensteht. Hast du dich deshalb entschieden, auf Deutsch zu singen, weil es hÀrter ist als Englisch?

Jein. Zuerst mal habe ich gemerkt, dass ich keine tiefgrĂŒndige Poesie auf Englisch schreiben kann. Ich krieg‘ das nicht hin. Fließend Englisch kann ich, aber auf Songs klingt das wie der letzte Schlager. Ich bin großer Fan von deutscher Dichterei. Das muss man sich mal wieder trauen, hab ich mir gedacht. Lang war ich dann wirklich unsicher: Ist das cool oder ist das Scheiße? Aber ich bin nach meinem GefĂŒhl gegangen. Denn es stimmt, die Produktion ist ein bisschen smoother, ich bin halt ein Softie. Aber ich habe auch meine Kanten. Englisch ist da zu weich fĂŒr mich. Der Kontrast zwischen der Smoothness der Produktion und der HĂ€rte des Deutschen reprĂ€sentiert mich besser.

Deine Stimme ist hart, sie hat aber auch etwas SphĂ€risches, Unwirkliches. Als wĂŒrde sie durch Rauchschwaden zu einem dringen. Wie kriegst du das hin?

Weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Ich lasse mich halt auf die Stimmung ein und nehme meine Stimme als Instrument, als mein persönlichstes Instrument. Sie bettet sich dann ganz automatisch in die Musik ein. Wahrscheinlich gleicht sich die Stimme unbewusst der Stimmung an. Vielleicht habe ich auch nur GlĂŒck gehabt, dass es sich cool anhört. 

Verrat‘ mal noch dein Lied des Sommers. 

Das klingt jetzt total schlimm. Aber es ist tatsĂ€chlich „Alles“. Weil ich das so oft spiele und noch immer nicht genervt davon bin. Und ich hab noch einen: von Charlotte Gainsbourg „Sylvia Says“ im Mind-Enterprises-Remix, so eine wunderbare Sommernummer.