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Die Suche nach den Gemeinsamkeiten

22.11.2012

5 min Lesezeit

Der KĂŒnstler Peter Piller – seine Serie „Frau Baum“ ist momentan in der SCHIRN-Ausstellung „Privat“ zu sehen – zeigt zeitgleich eine umfassende Schau in der Hauptstadt.

„Vielleicht gibt es Meisterwerke, die unter GĂ€hnen zustande gekommen sind.“ Vielleicht existieren ebenso Kunstwerke, die aus Gebrauchsgraphiken, Amateur- und Dokumentationsfotografien oder Zitaten entstanden sind? Zumindest letztere Frage beantwortet Peter Piller in seiner aktuellen und ersten Soloausstellung in der Berliner Dependance der Galerie Capitain Petzel mit einem konsequenten „Ja“, wenn er sein seit 1998 angereichertes Archiv in neue Kontexte ĂŒberfĂŒhrt. In dem bereits in der DDR als Ausstellungsraum konzipierten Glas-Beton-Pavillon prĂ€sentiert der KĂŒnstler unter dem Titel „TatsĂ€chliche Vermutungen“ etwa den zu Anfang zitierten Satz von Proust – aus seinem Kontext separiert und in einem Rahmen platziert, kurzum: als Kunstwerk.

Bilder aus dem Internet

Frage und Antwort stehen hier gleichermaßen im Fokus. UrsprĂŒnglich andernorts in kunstfremden ZusammenhĂ€ngen publiziert, extrahiert Peter Piller, der seit 2006 als Professor an der Hochschule fĂŒr Grafik und Buchkunst in Leipzig lehrt, seine Motive jenseits ihrer einstigen Kontexte, sodass sie sich den Re-Interpretationen und der Re-PrĂ€sentationen öffnen. TitelblĂ€tter von Zeitungen und Magazinen bieten dabei eine ebenso inspirative Quelle wie ein Luftbild-Archiv, fotografische Schadensfall-Dokumentationen einer Schweizer Versicherungsgruppe oder Bilder aus dem Internet.

Aus dem Magazin „Armeerundschau“ der Volksarmee NVA der ehemaligen DDR stammt die umfangreiche Serie „UmschlĂ€ge“ (2011-12) im Erdgeschoss der Galerie Capitain Petzel, die in den Dialog mit der Umgebung und ihrer historischen Vergangenheit tritt. Denn in direkter Nachbarschaft der Karl-Marx-Alle, ĂŒber die bis 1989 die Regierung der ehemaligen DDR militĂ€rische Großparaden ziehen ließ, erinnern Pillers Arbeiten mit ihren bearbeiteten AuszĂŒgen unweigerlich an die einstige, militĂ€risch dominierte ReprĂ€sentationsfunktion der angrenzenden Prachtmeile. Vor- und RĂŒckseite wurden dafĂŒr aus den Ausgaben der 60er- bis 80er-Jahre entnommen, um – befreit von Schrift und Zahlen – wie ein kontrastreiches Diptychon im Eingangsbereich an den WĂ€nden zu hĂ€ngen.

Natur- und Menschengewalt

Beide Seiten in der unverkennbaren Ästhetik ihrer jeweiligen Zeit, zeigt deren linke HĂ€lfte stets weibliche PortrĂ€ts. Auf dem vorderen Cover wiederum stehen den DDR-Interpretationen der Pin-Up-Girls, unter ihnen oftmals bekannte Schauspielerinnen und Musikerinnen, militĂ€rische Motive entgegen. Seien es Soldaten im Kampf, Waffenansichten oder andere Begleiter des Krieges, sie alle entlarven gemeinsam mit ihrem GegenĂŒber die verkörperten Rollenmuster. Statt ihrer Betrachtung, wie ursprĂŒnglich der Fall, die vollstĂ€ndige LektĂŒre des Magazins zwischenzustellen, stehen die geschlechtsspezifischen Vorstellungen der DDR nun in aller Direktheit nebeneinander. Bei der Entlarvung visueller Codes jedoch nur einsetzend, greift Peter Piller ebenso optisch in die Cover ein: Titel, Überschriften und Ziffern werden vollkommen von ihren UrsprĂŒngen befreit, um auf den einfarbigen FlĂ€che visuell fĂŒr sich zu wirken.

Treffen in der Serie „UmschlĂ€ge“ noch SexualitĂ€t und Tod – die beiden zentralen Themen menschlichen Handelns, die im Zentrum der Ausstellung stehen –unmittelbar aufeinander, konzentriert sich die angrenzende Werkreihe „Noch immer Sturm“ von 2012 auf Orte, die letzteren assoziieren. Historische Postkarten und in BĂŒchern gefundene Abbildungen bilden hier den Ausgangspunkt fĂŒr die großflĂ€chige Wandinstallation, deren vergrĂ¶ĂŸerte Schwarz-Weiß-Fotografien verlassene Schlachtfelder zeigen – teils durch den Ersten Weltkrieg mit Blut getrĂ€nkte Landschaften, teils von der Natur aufgewĂŒhlte GewĂ€sser. Natur- und Menschengewalt sind kaum mehr zu unterscheiden; ihre Zerstörungskraft hinterlĂ€sst Ă€hnlich tiefe Spuren in der Erde und auf dem Wasser.

Neu entstandene Ordnungssysteme

30 Motive aus der titelgebenden Serie „TatsĂ€chliche Vermutungen“, die im Untergeschoss zu sehen sind, widmen sich ebenfalls menschenleeren SchauplĂ€tzen, in diesem Fall jedoch denen einer deutschen Kriminalserie aus den 70er-Jahren. Verweist der Begriff der „tatsĂ€chlichen Vermutungen“ auf dessen „umgangssprachliche [
] Bedeutung [
] im Sinne eines ‚als richtig annehmen‘“ (Professor Dr. Hans Joachim Musielak, Juristische ArbeitsblĂ€tter 8-9/2010, 561), unterstĂŒtzt zunĂ€chst auch der neutral-dokumentarische Stil den Eindruck von GlaubwĂŒrdigkeit. Ihre Filmgebundenheit jedoch verrĂ€t die Inszenierung der Szenen – ein Widerstreit von Sehen und Wissen, von gezielter Darstellung und Glauben, der hier offen dargelegt wird.

Wie aus Pillers Suche nach dem absichtslos Ă€sthetischen und besonderen Bild thematisch zusammenhĂ€ngende Sammelgruppen entstehen, visualisiert auch die Reihe „Frau Baum“ im oberen Bereich der Galerie. Bekommt der Besucher im Erdgeschoss noch vergleichsweise klassische PortrĂ€tbilder prĂ€sentiert, ist hier aus der Amateurfotografie von virtuellen Dating-Plattformen unfreiwillig ein etabliertes Motiv entstanden: das der suchenden Frau, die sich des Partners anstatt neben einem Baum inszeniert. Durch einen Filter unkenntlich gemacht, betonen die Bilder die Ähnlichkeit der Kompositionen. IndividualitĂ€t unterwirft sich hier wie in den Zeichnungskonvoluten den neu entstandenen Ordnungssystemen.

Die Suche nach den Gemeinsamkeiten

Einzigartigkeit, mit der sich die Frauen auf den Plattformen von anderen abzugrenzen suchen, wird hier relativ. Peter Pillers Archiv dokumentiert dieses PhĂ€nomen in der Serie „Frau Baum“, aus der 12 Arbeiten derzeit auch in der aktuellen Ausstellung der SCHIRN Kunsthalle, „PRIVAT. Das Ende der IntimitĂ€t“, zu sehen sind. Im Kontext der anderen in der Gruppenschau ausgestellten Werke tritt hier ein komplexes Wechselspiel verstĂ€rkt in den Vordergrund, wie auch Piller selbst im Interview mit Martina Weinhart bekrĂ€ftigt: „Ein privates Bild ist wohl eines, das nicht fĂŒr die Öffentlichkeit bestimmt ist. In diesem Fall sind es ja veröffentlichte Bilder; trotzdem habe ich sie anonymisiert, um die Privatheit zu bewahren“ – ein Schritt zurĂŒck zu einem Bewusstsein, das im Internet unlĂ€ngst in Vergessenheit zu geraten schien.

Ungeachtet ihrer jeweiligen Thematik: Was Peter Pillers Arbeiten verbindet, ist die Suche nach den Gemeinsamkeiten in der scheinbaren WillkĂŒr der Medien. Und er findet sie; die „tatsĂ€chliche Vermutung“ erweist sich als berechtigt: Es gibt sie, die Meister- und Kunstwerke, die nicht mehr nur im Zufall des kĂŒnstlerischen Malens oder Zeichnens, sondern unter GĂ€hnen, mittels stundenlangem DurchblĂ€ttern von Magazinen und ihrer anschließenden Auswertung entstanden sind.