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Die modernen Meister sind ins Netz gegangen

06.05.2016

5 min Lesezeit

Die modernen Meister sind ins Netz gegangen - ein Artikel im SCHIRN Magazin der Kunsthalle Frankfurt.

Ein Kunstgeschichtekurs, das kann heute auch ein digitales Puzzle sein. Zwanzig Sekunden lang soll man sich Édouard Manets Bild „Die Krocketpartie“ von 1873 einprĂ€gen, danach wird es in gleich große Rechtecke zerlegt. Nun gilt es, die Malerei aus dem GedĂ€chtnis wieder zusammenzusetzen. Man ist ĂŒberrascht, wie kompliziert die Aufgabe zu lösen ist. Erst jetzt wird einem bewusst, wie viel pure FlĂ€che das Werk ausmacht – und wie unterschiedlich die GrĂŒntöne ausfallen. Man schiebt also Puzzleteile hin und her, versucht sich aus, arbeitet lĂ€nger als gedacht an der Lösung. Es ist eine Schule des Sehens, die man hier durchlĂ€uft.

Mit dem Kurs geht es uns um die Erwei­te­rung des Bildungs­auf­trags eines Muse­ums in den digi­ta­len Raum.

Dr. Chantal Eschenfelder, StÀdel Museum

Mitte MĂ€rz ist das digitale Vermittlungsprojekt „Kunstgeschichte Online – der StĂ€del Kurs zur Moderne“ gestartet. Mehr als 9000 User haben sich seitdem fĂŒr den Kurs angemeldet, ĂŒber 200 haben ihn bereits erfolgreich abgeschlossen. Etwa 40 Stunden braucht man, wenn man den kompletten Kurs absolvieren möchte. Das Angebot ist kostenlos, die Anmeldung unkompliziert. Entwickelt hat das StĂ€del Museum den Online-Kurs in Zusammenarbeit mit der Leuphana UniversitĂ€t in LĂŒneburg, beteiligt waren dort das Institut fĂŒr Philosophie und Kunstwissenschaft und das Centre for Digital Cultures. Chantal Eschenfelder, die am StĂ€del Museum, aber auch in der Schirn und im Liebieghaus die Bereiche Bildung und Vermittlung leitet, die LĂŒneburger Kunstgeschichte-Professorin Beate Söntgen und der Berliner Dramaturg Herbert Schwarze waren fĂŒr die Konzeption zustĂ€ndig. „Mit dem Kurs geht es uns um die Erweiterung des Bildungsauftrags eines Museums in den digitalen Raum“, fasst Eschenfelder das Ziel des Projekts zusammen.

Aufgabe aus dem Onlinekurs, Foto: StÀdel Museum

Deswegen standen am Anfang des Projekts auch vor allem Fragen. Was wollen wir mit dem Projekt? Wie können wir das erreichen? Welche Themen dĂŒrfen auf keinen Fall fehlen? Und: ErzĂ€hlen wir die Geschichte der modernen Kunst chronologisch oder mit Hilfe von Bausteinen? DarĂŒber haben sich Eschenfelder und ihre Mitstreiter intensiv auseinandergesetzt. Den Wunsch, dass das Museum mehr Grundinformation ĂŒber die Kunst der Moderne und die Gegenwartskunst anbietet, gab es schon lĂ€nger. Viele Besucher hatten im Rahmen von Vermittlungsangeboten angemerkt, dass sie ein vertiefender Kurs sehr interessieren wĂŒrde, einzelne Seminare zu den Grundlagen der Moderne wurden auch bereits vor Ort initiiert. Mit dem Online-Kurs sollen aber auch Menschen erreicht werden, die gar nicht zu den ĂŒblichen Besuchern des StĂ€dels gehören.

Viele Laien wissen mit Werken der Moderne oder der Gegenwartskunst oft wenig anzufangen. Sie rĂ€tseln darĂŒber, welche Inhalte in den Werken stecken könnten, warum ein KĂŒnstler eine bestimmte Technik gewĂ€hlt hat, oder fragen sich, in welchem gesellschaftlichen Zusammenhang die Arbeiten stehen. Dazu will der Online-Kurs Antworten und DenkanstĂ¶ĂŸe liefern. Dass es um „visuelle MĂŒndigkeit“ geht, sagt Chantal Eschenfelder. Schnell war klar, dass die Entwicklung der Moderne in dem Kurs nicht einfach chronologisch erzĂ€hlt werden soll. Stattdessen gibt es fĂŒnf thematische Module, von „Sehen lernen“ und „Verborgenes entdecken“ ĂŒber „Positionen ergrĂŒnden“ und „Verbindungen zeigen“ bis zu „Sammeln und prĂ€sentieren“. Der Kurs setzt um 1750 ein, mit den Wurzeln der Moderne, die in der Zeit der AufklĂ€rung liegen. Viele Laien verbinden den Start der Epoche aber noch immer wahlweise mit dem Impressionismus oder dem Expressionismus.

Aufgabe aus dem Onlinekurs, Foto: StÀdel Museum

Gerade beim Abschlussmodul „Sammeln und prĂ€sentieren“, der das Museum und seine Rolle in der Kunstwelt unter die Lupe nimmt, habe man lange ĂŒberlegt, ob er wirklich Teil des Kurses sein soll, erzĂ€hlt Chantal Eschenfelder. Dass das Modul zu komplex und umfangreich werden könnte, habe man befĂŒrchtet – auf der anderen Seite ist es ein SchlĂŒsselthema, wenn es darum geht, die Entwicklung der Moderne und des heutigen Kunstmarkts zu verstehen. Die User jedenfalls zeigen sich von dem Angebot begeistert und geben positives Feedback, berichtet die Kunstvermittlerin. „Dass wir schon nach so kurzer Zeit so viele Absolventen haben, ist erstaunlich“, sagt Eschenfelder.

Digitorial im Onlinekurs, Foto: StÀdel Museum

Wichtig bei der Konzeption war auch, dass der Kurs unterhaltsam wird, dass ein Spannungsbogen entsteht, der es den Usern einfacher macht, am Ball zu bleiben. So fiel auch die Entscheidung, dass kein Museumsarbeiter oder Wissenschaftler durch das Programm fĂŒhrt, sondern ein Schauspieler, der es versteht, mit seinem Auftreten und seiner Stimme die Menschen zu fesseln. Mit Sebastian Blomberg, der etwa in den Kinofilmen „Baader Meinhof Komplex“ und „Der Staat gegen Fritz Bauer“ sowie am MĂŒnchner Residenztheater spielte, war dieser Darsteller bald gefunden. „Ironisch, provokativ und auch witzig fĂŒhrt er durch den Kurs, trotzdem vermittelt er das Wissen sehr glaubwĂŒrdig“, beschreibt Eschenfelder seinen Auftritt. Eine Woche lang wurde vor Ort im StĂ€del gedreht. Von einem besonderen KĂŒnstler stammt auch das Sounddesign: Der Berliner Musiker Boys Noize, der schon Remixe fĂŒr Snoop Dog, Depeche Mode, Daft Punk und die Pet Shop Boys anfertigte und gemeinsam mit dem Dubstep-Superstar Skrillex das Duo „Dog Blood“ bildet, hat es entwickelt.

Hinter den Kulissen mit Sebastian Blomberg, Foto: StÀdel Museum

Der Online-Kurs soll Spaß machen, soll kein stupides BĂŒffeln sein. Das war dem Team, das ihn entwickelt hat, wichtig. Chantal Eschenfelder freut sich darĂŒber, dass sich bereits Schulen gemeldet haben, die das Angebot im Unterricht nutzen wollen. Auch die Volkshochschule in Weimar plant einen eigenen Kurs, der auf dem StĂ€del-Projekt fußen soll. „Das ist genau das, was wir erreichen wollten“, sagt sie.