Ein karges, dunkel vertĂ€feltes Wohnzimmer. Die Ausrichtung des samtgrĂŒnen Sofas weist auf das Zentrum des Interesses im spĂ€rlich beleuchteten Raum: ein strahlendes Fernsehbild, gegossen in einen klotzigen Betongrabstein. Auf der Mattscheibe eingraviert liest man âthis weeks toll", eine Statistik der amerikanischen Kriegsopfer, denen des Feindes gegenĂŒbergestellt. Im Inneren des Fernsehers illustriert ein abgetrennter Puppenkopf die schaurigen Nachrichten.
Der wöchentliche âbody count"
âThe Eleventh Hour Final" lautet der Name dieses Werkes, das in der Ausstellung âKienholz. Die Zeichen der Zeit" in der SCHIRN zu betrachten und zu begehen ist. 1986 holte Ed Kienholz mit dieser Arbeit die Schrecken des Vietnamkrieges ins heimische Wohnzimmer. Man kann sich der Nachricht nicht entziehen, ein Programmwechsel ist unmöglich. Der Titel rekurriert auf die gleichnamigen SpĂ€tnachrichten des NBC NewsCenter, der erst zur Nachtsendezeit explizite Bilder der Kriegsgewalt und Statistiken der Opfer ausstrahlte. Mit seinen stetig steigenden Zahlen der im Vietnamkrieg getöteten Amerikaner und Vietnamesen trug der wöchentliche âbody count" trotz spĂ€ter Sendezeit letztlich zur KriegsmĂŒdigkeit des amerikanischen Volkes bei.
Ein Sinnbild fĂŒr schamlose Manipulation
Immer wieder beschĂ€ftigen sich Ed und Nancy Reddin Kienholz mit dem PhĂ€nomen Fernsehen und den Massenmedien. WĂ€hrend der Arbeit im Atelier und im Wohnhaus flimmert ununterbrochen der Bildschirm -- sie wissen also genau, mit was sie es zu tun haben. Da ist es kein Wunder, dass sie wĂ€hrend ihrer zahlreichen Aufenthalte ab 1973 in Berlin bei den StreifzĂŒgen ĂŒber die FlohmĂ€rkte auf ein GerĂ€t aufmerksam werden, dass in Deutschland bereits vor der Verbreitung des Fernsehers sein groĂe mediale Macht bewiesen hat. MĂŒsste man ein Sinnbild fĂŒr die schamlose Manipulation eines Volkes mittels Mediengewalt finden, so wĂ€re der deutsche VolksempfĂ€nger sicher ein Paradebeispiel.
Das Volk hat zu empfangen
Von Propagandaminister Josef Goebbels in Auftrag gegeben wurde der VolksempfĂ€nger bereits 1933 in Gemeinschaftsproduktion mit der deutschen Rundfunkindustrie vertrieben -- deutlich gĂŒnstiger als bisherige RadiogerĂ€te. Der erschwingliche Preis diente einzig der massenwirksamen Verbreitung der Propaganda mittels des jungen Mediums Radio. Die erste Serie war mit der Bezeichnung VE 301 versehen, als Verweis auf die Machtergreifung am 30.01.1933. Schon der Name verdeutlicht: das Volk hat zu empfangen und nicht zu senden. Rein technisch bestand zwar auch die Möglichkeit Feind- und Widerstandssendungen zu empfangen, am 7. September 1939 stellte allerdings ein Gesetz das Hören auslĂ€ndischer Sender unter drakonische Strafen. Bis 1939 fanden 12,5 Millionen solcher RadiogerĂ€te, die im Volksmund den bezeichnenden Namen âGoebbels-Schnauze" trugen, ihren Weg in deutsche Haushalte.
Die Musik Wagners als Klangelement
Nancy und Ed arbeiteten von 1975 bis 1977 mit den GerĂ€ten vom Flohmarkt. Die entstandene Werkreihe âVolksempfĂ€ngers" zeigt -- wie bereits am Titel abzulesen -- eine amerikanische Sicht auf dieses Relikt aus dem Dritten Reich. In bizarren Objekt-Installationen mit Namen wie âDie Wandikone" oder âA new dawn, a new day, a chance to try a different VolksempfĂ€nger" inszenierten sie die GerĂ€te auf Tischen und BĂ€nken. Dass die Radios dabei nicht nur optisch in Erscheinung treten, sondern auch akustisch wahrnehmbar sein sollten, stand fĂŒr die beiden KĂŒnstler auĂer Frage. âZuerst dachten wir daran, Hitler-Reden aus den VolksempfĂ€ngern ertönen zu lassen", erinnert sich Nancy. âDa wir aber beide nicht verstehen konnten, was er sagte, schien das keine gute Idee zu sein. Dann begann Ed die Melodie des âWalkĂŒrenritts" zu summen, und so wurde die Musik Wagners als Klangelement einbezogen."
Die GegenstÀnde sind Zeichen ihrer Zeit
Sowohl VolksempfĂ€nger als auch das FernsehgerĂ€t sind Erscheinungen einer modernen Medienlandschaft, die die politischen Einstellungen der Menschen stark in ihrem Sinne prĂ€gen. Ein passiver und unreflektierter Zuschauer und Zuhörer gelangt bequem ohne persönlichen Aufwand an Informationen ĂŒber das Zeitgeschehen, jedoch diktieren dabei mĂ€chtige Sendeanstalten, welche Informationen von Bedeutung sind. Diesen Effekt wusste man bereits im Dritten Reich und wĂ€hrend des Kalten Kriegs ungeniert zu nutzen, und auch heute funktioniert das Informationssystem auf eben jene Weise.
Die GegenstĂ€nde mit denen die beiden KĂŒnstler Ed Kienholz und Nancy Reddin Kienholz arbeiten, tragen die Geschichten, die mit ihnen erzĂ€hlt werden, bereits in sich. Sie sind Zeichen ihrer Zeit, die durch die kĂŒnstlerische Auseinandersetzung in zeitĂŒberschreitende kritische Zeichen ĂŒbersetzt werden. Ob NewsCenter oder VolksempfĂ€nger, die Essenz der Botschaft hat dauerhafte GĂŒltigkeit: Die Macht der Medien und ihre manipulativen Tendenzen dĂŒrfen auch heute nicht unterschĂ€tzt werden.