Als Frank Perez im Januar 2020 von Lasse Lau kontaktiert wurde, war er erstaunt, vom dĂ€nischen Filmemacher ĂŒber einen Schwulen-Aufstand im Jahr 1955 ausgefragt zu werden. Perez, leitender Direktor des LGBT+ Archives Project of Louisiana und Autor mehrerer BĂŒcher ĂŒber New Orleansâ queere Geschichte, hatte bis dato noch nie von einem solchen Aufstand gehört. Sicher, die mittlerweile geschlossene Dixieâs Bar of Music im French Quarter der Stadt, die im Zentrum von Lasse Laus Recherchen stand, war bereits seit den 1940er-Jahren ein geschĂŒtzter Raum fĂŒr queere Personen. Ein Treffpunkt, wo ârich and poor, gay and straight felt comfortableâ, wie es in einem Nachruf auf die damalige Besitzerin und Betreiberin Yvonne Marther Fasnacht aka Miss Dixie heiĂt. Aber ein Aufstand gegen die Polizei, 14 Jahre vor den Stonewall-Unruhen in New York City, die weltweit als Wendepunkt im Kampf um Gleichberechtigung und Anerkennung der LGBT-Bewegung angesehen werden? Frank Perez fragte im eigenen Bekanntenkreis herum, doch auch hier hatte niemand jemals von dem besagten Abend in Dixieâs Bar gehört.   Â
AuĂenansicht der Dixie's Bar of Music, 1949, Courtesy of Walter Cook Keenan New Orleans Photographs Collection, Southeastern Architectural Archive, Special Collections Division, Tulane University Libraries, Foto: Walter Cook Keenan, Image via acloserwalknola.com
Ein StĂŒck Oral History
Die Videoarbeit âHang On, Hang Tightâ (2022), eine Zusammenarbeit zwischen dem Fotografen und MultimediakĂŒnstler Flo Maak und Lasse Lau, thematisiert den vergessenen Aufstand, der sich wĂ€hrend des Mardi Gras-Festes im Februar 1955 ereignete. Lasse Lau war im Rahmen seiner Recherchen auf ein StĂŒck Oral History, ein 1999 aufgezeichnetes Interview mit Paul Coates, Navy Veteran, Choreograph und TĂ€nzer, aufmerksam geworden, in dem dieser die Ereignisse jener Nacht rekapituliert. Demnach versuchte die Polizei gewaltsam in die Bar einzudringen und nutzte hierbei auch TrĂ€nengas, was jedoch schlieĂlich vom homosexuellen Barpublikum erfolgreich verhindert wurde. Â
Ausschnitte aus dem Interview tauchen sodann in âHang On, Hang Tightâ auf. Coates beschreibt auf Nachfrage schmunzelnd Dixieâs Bar â unter der schĂŒtzenden Hand von Miss Dixie â als beliebten schwulen Hotspot: âIf they didnât go in gay man, a lot of them left gayâ. In dokumentarischer Form lassen Maak und Lau zahlreiche weitere Zeitzeug*innen und Historiker*innen, unter ihnen auch Franz Perez, zu Wort kommen, die einen bewegenden Einblick in die vergangene wie aktuelle Queer-Szene der Stadt bieten. So sei die schwule Bar-Szene in New Orleans trotz politischer Repressionen national einmalig gewesen, wie der LGBTQ+ Historiker Roberts Batson schildert: âThey werenât owned by the mafia, they were owned by people who were gay or people who genuinely cared about their gay costumers.â Nicht also, so Batson, wie beispielsweise im Stonewall Inn in New York, wo die Mafia ihre schwule Kundschaft lediglich tolerierte und ihr fĂŒr verwĂ€ssertes Bier horrende Preise abknöpfte.  Â
The Stonewall Inn, Foto:Â Matthew McDermott, Image via nypost.com
Feier der Resilienz & Vielfalt queeren Lebens
Flo Maak und Lasse Lau kontrastieren jene Aufnahmen mit Tanzsequenzen, die gemeinsam mit dem Choreographen Diogo de Lima entwickelt wurden und performativ die Zeitzeugenaussagen in Bilder ĂŒbersetzen: Zwei ineinander verschlungene MĂ€nner, innig und langsam den Körper des anderen erfassend, bald schon beim ausgelassenen Tanzen mit einer Frau, bevor die Nacht hereinbricht und die Szenerie bedrohlicher wird. âHang On, Hang Tightâ vermag so auch der Tatsache, dass sich die verbriefte Geschichte schwulen Lebens fast ausschlieĂlich auf abgedruckte Polizeireports in Zeitungen beschrĂ€nkt, wie Roberts Batson festhĂ€lt, etwas entgegenzuhalten. Die Arbeit des KĂŒnstlerduos ist nicht nur eine Hommage an Miss Dixie und eine VergegenwĂ€rtigung des wohl ersten Schwulen-Aufstands in den USA, sondern auch eine Feier der Resilienz wie auch VielfĂ€ltigkeit queeren Lebens.
Lasse Laus âPine Nutsâ
Als weiterer Film wird Lasse Laus âPine Nutsâ von 2008 gezeigt. âOnce there was a forest. Then the forest became a city and the remains became a park. The city started a war and with time its park became imaginaryâ, fĂŒhren Bildtafeln in das Werk ein, das den Park Horsh Beirut in der libanesischen Hauptstadt als Ausgangspunkt einer ErzĂ€hlung ĂŒber persönliche Schicksale von Menschen aus der Diaspora nimmt. Der riesige Stadtpark, Ăberbleibsel eines einstigen Pinienwaldes, wurde seit seinem Bestehen immer wieder fĂŒr die Kriegswirtschaft ausgebeutet und in verschiedenen kriegerischen Auseinandersetzungen schwer in Mitleidenschaft gezogen.
In âPine Nutsâ sehen wir statische Aufnahmen der GrĂŒnanlage aus einer Zeit, als diese nach dem Ende des Libanesischen BĂŒrgerkriegs 1990 zwar wieder aufgebaut, aber der Ăffentlichkeit nicht zugĂ€nglich gemacht wurde. (Erst 2015, 25 Jahre nach Kriegsende, wurde der Park wieder fĂŒr die Allgemeinheit geöffnet.) Auf der Tonspur schildern derweil fĂŒnf Protagonist*innen persönliche Geschichten, die lose mit dem Park verbunden sind oder ihn als Ausgangspunkt fĂŒr ErzĂ€hlungen aus der Diaspora nehmen. Horsh Beirut, Epizentrum dessen, was die Hauptstadt fĂŒr viele Bewohner*innen einst ausmachte, wird in den Berichten zu einem fernen Sehnsuchtsort, Symbolbild fĂŒr eine Vergangenheit, die noch prĂ€sent ist, deren Zugang einem aber fortan verwehrt bleibt.