Sein erstes gröĂeres Projekt setzte der KĂŒnstler Mohamed Bourouissa in den berĂŒchtigten Banlieues um, den von Hochhaussiedlungen geprĂ€gten AuĂenbezirken von Paris. Die groĂformatigen Fotografien der Serie âPĂ©riphĂ©riqueâ entstanden zwischen 2005 und 2009.
Im Eingangsbereich eines Wohnhochhauses sieht man kleine Gruppen wartender, schon fast lauernder Jugendlicher. Sie scheinen sich gegenseitig zu beobachten. Diese Spannung ist auch in anderen Fotografien der Serie spĂŒrbar. Eine von vielen MĂ€nnern bevölkerte abendliche Szenerie ist nicht ganz klar einzuordnen, es könnte sich um Unruhen handeln. Auf einem Garagendach hantiert jemand mit einer französischen Fahne.Â
Raum zur SelbstinszenierungÂ
Eine flĂŒchtige Assoziation zum GemĂ€lde âDie Freiheit fĂŒhrt das Volkâ von EugĂšne Delacroix könnte hier aufkommen. Bourouissa komponiert seine Fotografien bewusst und ermöglicht dabei auch kunsthistorische BezĂŒge. Zugleich lĂ€sst er den portrĂ€tierten Jugendlichen Raum zur Selbstinszenierung.
In einem Interview sagt er, es gehe ihm darum, die Darstellung der Bewohner der Banlieues auf eine Ă€sthetische Ebene zu bringen, weg vom sonst vorherrschenden journalistischen Ansatz der Nachrichtenreporter. Die Pariser AuĂenbezirke möchte der KĂŒnstler nicht mehr als Peripherie bezeichnen. Das Zentrum sei nicht nur das von Postkartenmotiven bekannte Paris.Â
Gesellschaftliche Gruppen als TypenÂ
An den Rand der Gesellschaft gedrĂ€ngt werden Arbeitslose, derer Zahl in Frankreich kaum abnimmt. Massenentlassungen in Marseille um 2010 bewegten Mohamed Bourouissa zu âLâUtopie dâAugust Sanderâ. Der Titel geht auf den Fotografen August Sander zurĂŒck, der besonders in den 1920er- und 1930er-Jahren Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen als Typen portrĂ€tierte.
Bourouissa bat Menschen, die im Arbeitsamt einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe stellten, einen 3D-Scan von sich anfertigen zu lassen. Die anschlieĂend mit einem 3D-Drucker hergestellten, kleinen Figuren wurden auf StraĂenmĂ€rkten gĂŒnstig verkauft. Man kann die Figuren als anonymisierte DenkmĂ€ler sehen.Â
Ein erfolgreicher französischer RapperÂ
Das Streben nach materiellem Reichtum und Ruhm thematisiert das etwa sechsminĂŒtige Video âAll-Inâ von 2013. Es zeigt, wie in der Pariser MuÌnzprĂ€geanstalt âMonnaie de Parisâ, wo normalerweise EuromuÌnzen geprĂ€gt werden, eine MĂŒnze mit dem Konterfei des erfolgreichen französischen Rappers Booba entsteht.
Mohamed Bourouissa, All-in, 2012, Still, aus der Serie "Périphérique", © Mohamed Bourouissa, Courtesy the artist and kamel mennour, Paris, Image via kamel mennour
Der mit aufwendigen Kamerafahrten und Nahaufnahmen illustrierte PrĂ€geprozess wird durch Boobas Song âFoetusâ von 2009 untermalt. Am Schluss sieht man, wie MĂŒnzen auf einen Tisch in einem luxuriös eingerichteten Zimmer niederprasseln. Die auf dem Tisch abgestellten SektglĂ€ser zerspringen allesamt. Ist Zerstörung der Preis fĂŒr den Traum vom Geldregen?Â
Pferde als TransportmittelÂ
Im Jahr 2014 lebte und arbeitete Mohamed Bourouissa mehrere Monate lang in Philadelphia. FĂŒr sein Projekt âHorse Dayâ tauchte der KĂŒnstler in eine Community junger afroamerikanischer Reiter ein, den âFletcher Street Urban Riding Clubâ. Ăber Jahrzehnte waren Pferde als Transportmittel und Freizeitvehikel ein selbstverstĂ€ndlicher Teil des Stadtbildes.
Bourouissa drehte einen Film, der den Hindernisparcours-Event mit vorherigem Schaulaufen âgetunterâ Pferde in allen Phasen begleitet. Bourouissa rief lokale KĂŒnstler dazu auf, KostĂŒme fĂŒr die Pferde zu entwerfen. Auch er gestaltete eine Verkleidung, die in der basis zu sehen ist. âIch wollte ein fliegendes Pferd machenâ, erzĂ€hlt Bourouissa.Â
Ein vielseitiger KĂŒnstlerÂ
Der Film wird in einem nachgebauten, typisch amerikanischen Wohnzimmer auf einem Fernseher gezeigt. Er erzĂ€hlt von einer erstaunlichen Symbiose zwischen Pferden und GroĂstĂ€dtern. Zugleich möchte Bourouissa auch das konventionelle Bild vom weiĂen Cowboy hinterfragen. Aufbauend auf dem Projekt âHorse Dayâ hat der KĂŒnstler die skulpturale Installation âHoodâ erarbeitet. Bourouissa hat lackierte Karosserieteile französischer Automobile mit Fotografien der Reiter aus Philadelphia bedruckt und mit Reiterinventar ergĂ€nzt. In Philadelphia habe er zahlreiche auf Hochglanz polierte Karossen gesehen, in denen sich die Menschen und die Umgebung spiegelten. Diese Beobachtung sei ein Auslöser fĂŒr die Installation gewesen, berichtet Mohamed Bourouissa, der sich in Frankfurt als aufmerksamer Beobachter und vielseitiger KĂŒnstler prĂ€sentiert.
