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Der Reichtum der Peripherie

basis e.V. zeigt eine umfassende Ausstellung des 1978 in Algerien geborenen, in Paris lebenden KĂŒnstlers Mohamed Bourouissa.

Sein erstes grĂ¶ĂŸeres Projekt setzte der KĂŒnstler Mohamed Bourouissa in den berĂŒchtigten Banlieues um, den von Hochhaussiedlungen geprĂ€gten Außenbezirken von Paris. Die großformatigen Fotografien der Serie „PĂ©riphĂ©rique“ entstanden zwischen 2005 und 2009.

Im Eingangsbereich eines Wohnhochhauses sieht man kleine Gruppen wartender, schon fast lauernder Jugendlicher. Sie scheinen sich gegenseitig zu beobachten. Diese Spannung ist auch in anderen Fotografien der Serie spĂŒrbar. Eine von vielen MĂ€nnern bevölkerte abendliche Szenerie ist nicht ganz klar einzuordnen, es könnte sich um Unruhen handeln. Auf einem Garagendach hantiert jemand mit einer französischen Fahne. 

Raum zur Selbstinszenierung 

Eine flĂŒchtige Assoziation zum GemĂ€lde „Die Freiheit fĂŒhrt das Volk“ von EugĂšne Delacroix könnte hier aufkommen. Bourouissa komponiert seine Fotografien bewusst und ermöglicht dabei auch kunsthistorische BezĂŒge. Zugleich lĂ€sst er den portrĂ€tierten Jugendlichen Raum zur Selbstinszenierung.

Mohamed Bourouissa, Carré rouge, 2007-2008 aus der Serie "Périphérique", © Mohamed Bourouissa, Courtesy the artist and kamel mennour, Paris

In einem Interview sagt er, es gehe ihm darum, die Darstellung der Bewohner der Banlieues auf eine Ă€sthetische Ebene zu bringen, weg vom sonst vorherrschenden journalistischen Ansatz der Nachrichtenreporter. Die Pariser Außenbezirke möchte der KĂŒnstler nicht mehr als Peripherie bezeichnen. Das Zentrum sei nicht nur das von Postkartenmotiven bekannte Paris. 

Gesellschaftliche Gruppen als Typen 

An den Rand der Gesellschaft gedrĂ€ngt werden Arbeitslose, derer Zahl in Frankreich kaum abnimmt. Massenentlassungen in Marseille um 2010 bewegten Mohamed Bourouissa zu „L’Utopie d’August Sander“. Der Titel geht auf den Fotografen August Sander zurĂŒck, der besonders in den 1920er- und 1930er-Jahren Vertreter verschiedener gesellschaftlicher Gruppen als Typen portrĂ€tierte.

Mohamed Bourouissa, La république, 2007-2008, aus der Serie "Périphérique", © Mohamed Bourouissa, Courtesy the artist and kamel mennour, Paris

Bourouissa bat Menschen, die im Arbeitsamt einen Antrag auf Arbeitslosenhilfe stellten, einen 3D-Scan von sich anfertigen zu lassen. Die anschließend mit einem 3D-Drucker hergestellten, kleinen Figuren wurden auf StraßenmĂ€rkten gĂŒnstig verkauft. Man kann die Figuren als anonymisierte DenkmĂ€ler sehen. 

Ein erfolgreicher französischer Rapper 

Das Streben nach materiellem Reichtum und Ruhm thematisiert das etwa sechsminĂŒtige Video „All-In“ von 2013. Es zeigt, wie in der Pariser MünzprĂ€geanstalt „Monnaie de Paris“, wo normalerweise Euromünzen geprĂ€gt werden, eine MĂŒnze mit dem Konterfei des erfolgreichen französischen Rappers Booba entsteht.

Mohamed Bourouissa, All-in, 2012, Still, aus der Serie "Périphérique", © Mohamed Bourouissa, Courtesy the artist and kamel mennour, Paris, Image via kamel mennour

Der mit aufwendigen Kamerafahrten und Nahaufnahmen illustrierte PrĂ€geprozess wird durch Boobas Song „Foetus“ von 2009 untermalt. Am Schluss sieht man, wie MĂŒnzen auf einen Tisch in einem luxuriös eingerichteten Zimmer niederprasseln. Die auf dem Tisch abgestellten SektglĂ€ser zerspringen allesamt. Ist Zerstörung der Preis fĂŒr den Traum vom Geldregen? 

Pferde als Transportmittel 

Im Jahr 2014 lebte und arbeitete Mohamed Bourouissa mehrere Monate lang in Philadelphia. FĂŒr sein Projekt „Horse Day“ tauchte der KĂŒnstler in eine Community junger afroamerikanischer Reiter ein, den „Fletcher Street Urban Riding Club“. Über Jahrzehnte waren Pferde als Transportmittel und Freizeitvehikel ein selbstverstĂ€ndlicher Teil des Stadtbildes.

Mohamed Bourouissa, Horse day (Videostill), 2014, © Mohamed Bourouissa, Courtesy the artist and kamel mennour, Paris

Bourouissa drehte einen Film, der den Hindernisparcours-Event mit vorherigem Schaulaufen „getunter“ Pferde in allen Phasen begleitet. Bourouissa rief lokale KĂŒnstler dazu auf, KostĂŒme fĂŒr die Pferde zu entwerfen. Auch er gestaltete eine Verkleidung, die in der basis zu sehen ist. „Ich wollte ein fliegendes Pferd machen“, erzĂ€hlt Bourouissa. 

Ein vielseitiger KĂŒnstler 

Der Film wird in einem nachgebauten, typisch amerikanischen Wohnzimmer auf einem Fernseher gezeigt. Er erzĂ€hlt von einer erstaunlichen Symbiose zwischen Pferden und GroßstĂ€dtern. Zugleich möchte Bourouissa auch das konventionelle Bild vom weißen Cowboy hinterfragen. Aufbauend auf dem Projekt „Horse Day“ hat der KĂŒnstler die skulpturale Installation „Hood“ erarbeitet. Bourouissa hat lackierte Karosserieteile französischer Automobile mit Fotografien der Reiter aus Philadelphia bedruckt und mit Reiterinventar ergĂ€nzt. In Philadelphia habe er zahlreiche auf Hochglanz polierte Karossen gesehen, in denen sich die Menschen und die Umgebung spiegelten. Diese Beobachtung sei ein Auslöser fĂŒr die Installation gewesen, berichtet Mohamed Bourouissa, der sich in Frankfurt als aufmerksamer Beobachter und vielseitiger KĂŒnstler prĂ€sentiert.

Installation view: Mohamed Bourouissa - Hustling, basis 2016, Foto: Katrin Binner, © Mohamed Bourouissa, Courtesy the artist and kamel mennour, Paris