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Der neue Realismus und die Affichisten

25.03.2015

4 min Lesezeit

Autor*in:
Marthe Lisson
Grundlegende Skepsis gegenĂŒber der Dingwelt: Die Affichisten werden hĂ€ufig den Nouveaux RĂ©alistes zugeordnet, dabei waren sie schon lange vor der Entstehung dieses Begriffs aktiv. Eine BegriffsklĂ€rung

Wer von Realismus spricht, meint in der Hauptsache eine Kunstform, die sich primĂ€r am Sujet orientiert, nicht am Malstil. Diese Bedeutung des Realismus, wie sie heute ĂŒberwiegt, hat ihren Ursprung im 19. Jahrhundert (wenn es natĂŒrlich auch schon vorher realistisch geprĂ€gte Kunst gab). Anfang des Jahrhunderts entwickelte sich der Realismus als Gegenbewegung zur Romantik und zum Klassizismus, programmatisch fixiert wurde er von Gustave Courbet. Nachdem Courbets Werke auf der Weltausstellung von 1855 abgelehnt wurden, stellte er eine eigene Ausstellung auf die Beine, den "Pavillon du rĂ©alisme".

Im selben Jahr erschien sein "Realistisches Manifest", das den "Grundsatz des Realismus" mit der "Verneinung des Idealen" festlegt. Der Maler solle darstellen, was Teil seiner alltĂ€glichen Lebenswelt ist und somit lebendige Kunst erschaffen. Sie soll sich mit der Gegenwart beschĂ€ftigen und nicht mit der fernen Vergangenheit, sie soll kein verklĂ€rtes Ideal darstellen, sondern die raue und oft beschwerliche RealitĂ€t. Eben all das darstellen, was Klassizismus und Romantik nicht tun. Courbets #rĂ©alisme wurde zur Parole und der Realismus zu einer der großen Hauptströmungen des 19. Jahrhunderts.

In den 1920er-Jahren entwickelte sich schließlich eine realistische Strömung in Deutschland. Otto Dix, KĂ€the Kollwitz, Max Beckmann oder George Grosz stellten die Alltagswirklichkeit nach dem Ersten Weltkrieg dar. Die KĂŒnstler einte nicht ihr Malstil, sondern die Themen ihrer Bilder. Verortet werden sie heute unter dem Begriffen "Neue Sachlichkeit" oder "Magischer Realismus".

Schließlich hatte ab den 1950er-Jahren der Neue Realismus seinen Auftritt, der sich als Gegenbewegung zum Abstrakten Expressionismus und zum Informel formierte. Die KĂŒnstler wĂ€hlten nicht mehr das GemĂ€lde als Ausdrucksform, sondern Aktionskunst, Happening, Fluxus oder Objektkunst. Die KĂŒnstler arbeiteten mit GegenstĂ€nden des alltĂ€glichen Lebens und galten damit nicht nur als europĂ€isches Pendant zur amerikanischen Pop Art, sie nahmen diese in einigen Elementen sogar vorweg.

Die Hauptvertreter des Neuen Realismus schlossen sich 1960 um den Kritiker Pierre Restany zusammen. Dieser hatte das Manifest der Gruppe veröffentlicht und ihr damit den Namen Nouveaux RĂ©alistes gegeben. Der Kern der Gruppe bestand aus den KĂŒnstlern Jean Tinguely, Daniel Spoerri, Martial Raysse, Arman, Christo, CĂ©sar, Yves Klein und Enrico Baj. Die Nouveaux RĂ©alistes hegten eine grundlegende Skepsis gegenĂŒber der Dingwelt, als wĂŒrde dahinter eine antagonistische Kraft stecken. Ihre Werke sind meist sinnfrei und zwecklos und damit auch Marcel Duchamp und dem Dadaismus nicht fern. Tinguely, zum Beispiel, nahm Maschinen auseinander und baute aus Einzelteilen mechanische Apparaturen zusammen, die willkĂŒrliche Bewegungen ausĂŒben. Bekannt geworden sind seine "Machines Ă  dessiner", tragbare Malmaschinen, die mechanisch Zeichnung anfertigen.

Die Nouveaux RĂ©alistes versuchten, das Objekt zu beherrschen, setzten dabei aber gleichzeitig auf dessen autonome Kraft. Ab 1960 entstand CĂ©sars Serie "Compressions dirigĂ©es". Mit Hilfe einer hydraulischen Presse drĂŒckte er Autowracks und Metallteile (spĂ€ter auch Holz, Papier, oder Jute) bis zur Unkenntlichkeit zusammen. Nur bei genauem Hinsehen lĂ€sst sich der Originalgegenstand noch ausmachen, etwa ein TĂŒrgriff oder die Felgen. Das Endprodukt, das Kunstwerk, lassen die Einwirkungen, also die Kraft der Presse, noch erkennen. Wichtig war den KĂŒnstlern, dass sie in den Prozess – vom Alltagsgegenstand zum Kunstwerk – selbst nicht massiv eingreifen.

Zwei der bekanntesten Vertreter des Nouveau RĂ©alisme waren Yves Klein, der bevorzugt in Ultramarinblau (das er sich zu International Klein Blue patentieren ließ) arbeitete, und Christo, der seit den 60er-Jahren zunĂ€chst GegenstĂ€nde wie StĂŒhle und Dosen, dann ganze GebĂ€ude und Landschaften verpackt.

Auch Mimmo Rotella war den Nouveaux RĂ©alistes zugehörig, gleichzeitig auch den Affichisten. Diese werden immer noch gerne als Untergruppe der Nouveaux RĂ©alistes betrachtet, obwohl sie schon in den 1940er-Jahren aktiv waren und vielmehr als VorlĂ€ufer des Neuen Realismus verstanden werden mĂŒssten. Die Affichisten vertrauten ebenfalls auf die autonome Kraft ihrer Objekte und auf deren autonome Aussage. Die Plakatabrisse verĂ€nderten sie kaum und durch die noch sichtbaren Bild- und Textfragmente der Originalplakate entfalten ihre Objekte automatisch eine Aussage.

Die Kunstrichtung des Neuen Realismus fand jedoch nicht nur in Frankreich ihren Ausdruck. In den 1960er-Jahren formierte sich in Deutschland die KĂŒnstlergruppe ZEBRA, die bis heute besteht. Zu ihren Vertretern zĂ€hlen die Maler Dieter Asmus, Peter Nagel, Dietmar Ullrich und Nikolaus Störtenbecker sowie die Bildhauer Karlheinz und Christa Biederbick.