Wenn Nora Al-Badri und Nikolai Nelles ĂŒber ihre Arbeit sprechen, benutzen sie hĂ€ufig das Wort âNarrativâ. Das liegt daran, dass es ihnen um Geschichten geht und um das Wissen, das diese Geschichten vermitteln. Und vor allem um jene Geschichten, die Kunst- und Kulturinstitutionen sich selbst und anderen erzĂ€hlen. Bei ihrer Arbeit âNot A Single Boneâ geht es um ein Dinosauriersekelett, das heute im Naturkundemuseum in Berlin zu sehen ist.
Die Geschichte nimmt ihren Lauf im Jahr 1909. Zwei Jahre zuvor endete der Maji-Maji-Aufstand in Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania. Nachdem der Aufstand von den Besatzern blutig niedergeschlagen wurde, begannen in der deutschen Kolonie Ausgrabungen. Eigentlich suchten die Kolonialherren nach Rohstoffen fĂŒr die Waffenproduktion, gefunden haben sie dabei aber etwas anderes. So geht zumindest die offizielle ErzĂ€hlung.
Am FuĂ des Tendaguru
âInstitutionen erzĂ€hlen diese Geschichten hĂ€ufig so, dass die Entdecker der Exponate romantisiert werdenâ, sagt Nora Al-Badri. Aber: âDie Knochen waren fĂŒr jeden sichtbar und die Bevölkerung am Tendaguru-HĂŒgel wusste genau, wo sie liegen.â Denn in Wirklichkeit waren es die Eingeborenen, die die Deutschen auf diese auĂergewöhnlich groĂen Knochen am FuĂ des Tendaguru aufmerksam machten. Die indigene Bevölkerung wurde daraufhin als LastentrĂ€ger eingesetzt um die Fossilien zur KĂŒste zu bringen und sie von dort nach Deutschland verschiffen zu können.
Aus der Recherchearbeit von Al-Badri und Nelles ist eine Ausstellung geworden. Mit Filmaufnahmen der mittlerweile ĂŒberwucherten und kaum noch zu erkennenden Fundstelle in Tansania. Mit ausfĂŒhrlichen Interviews zu Dinosauriern und den kulturellen Vorstellungen, die sie umgeben. Mit Knochen, die auf prĂ€zisen Daten aus dem Naturkundemuseum basieren. Allerdings: die wollte das Museum auf Anfrage nicht herausrĂŒcken. Al-Badri: âDie Daten der Knochen haben wir trotzdem â wir sagen gerne: gefunden.â
Eine Erfindung der Moderne
Die Existenz fossiler Riesenknochen war eigentlich schon immer bekannt â ob im antiken Griechenland oder bei den indigenen Amerikanern. Dass deren Wissen oft viel umfangreicher ist als das der Naturwissenschaftler, wurde erst spĂ€t im 20. Jahrhundert anerkannt. Nur war es eben den First Nation Americans wichtiger, die Fossilien im Boden zu lassen. Der Schriftsteller und Philosoph Denny Gayton erklĂ€rt in einem Video der Ausstellung, fĂŒr die nomadischen IndianerstĂ€mme sei es eine obszöne und potenziell gefĂ€hrliche Vorstellung, Dinge aus der Erde zu holen.
Der Kunsthistoriker W.J.T. Mitchell schrieb vor nunmehr fast 20 Jahren, der Dinosaurier sei das Totemtier der Moderne und zugleich ihre Erfindung. âDinosaurs are usâ, sagt Mitchell. Die Riesenechse der Moderne und der Dino der Popkultur sind eine Projektion, weil wir uns kaum vorstellen können, dass unsere eigene Spezies selbst einmal ausstirbt. Al-Badri: âDabei war immer KreativitĂ€t und Spekulation involviert. Bis heute wurde noch nie ein ganzes Saurierskelett gefunden. Bei jenem Brachiosaurus aus Tansania sind auch nur etwa 70 Prozent gefunden worden, der Rest ist Vermutung.â Der Berliner Brachiosaurus musste schon ein paar Mal den neuesten Erkenntnissen der Wissenschaft gemÀà umgebaut werden.
Wir wissen es nicht
Ein weiterer Teil der Ausstellung heiĂt âHow an AI Imagines a Dinosaurâ. Ein selbstlernender Algorithmus hat zwei Knochen auf Basis von Proteinstrukturen entworfen, um zu zeigen, dass viele verschiedene Versionen von Dinosauriern denkbar sind. Ăberhaupt: Woher wissen wir, wie Dinosaurier ausgesehen habe? Wissen wir eben nicht. Denn ein groĂer Teil der Urzeitechsen ist Erfindung, ein mehr oder weniger gezieltes Raten der Naturwissenschaftler.
Die naturwissenschaftliche BeschĂ€ftigung mit den Urzeitwesen entsteht zeitgleich mit dem Imperialismus im 19. Jahrhundert. Zufall? Hierarchien des Wissens zu etablieren scheint den Kolonialherren und auch den frĂŒhen PalĂ€ontologen ein Anliegen zu sein. Dass die Naturwissenschaft sich an Fakten orientiert, ist ein weiteres Narrativ: âIn unserer Gesellschaft steht die Naturwissenschaft ganz selbstverstĂ€ndlich in ihrer Signifikanz hierarchisch ĂŒber dem Wissen der indigenen Bevölkerungâ, sagt Nikolai Nelles.
Niemals nach Europa
Selbst in Lindi, der Kreisstadt am Tendaguru, weiĂ heute kaum jemand von der AusgrabungsstĂ€tte. âUns ist wichtig, die lokale Gemeinde in Tansania, deren GroĂeltern noch fĂŒr die Deutschen arbeiten mussten, zu identifizieren und mit ihnen zu sprechen. Sie haben uns beauftragt, in Deutschland etwas zu unternehmen, damit etwas zurĂŒckkommt â und im Grunde ein Museum zu bauen.â Damit ist natĂŒrlich nicht gemeint: ein geschlossener Bau mit einer jahrhundertealten Tradition der Wissensproduktion.
âEs soll stattdessen ein virtueller Ort werden, der auch reisen kannâ, sagt Nelles. Es gehe aber auch um eine Rezentrierung und darum, die Wissensproduktion nicht den anderen zu ĂŒberlassen. Der geographische Ort in Afrika ist trotzdem wichtig, denn der ist das einzige, was letztlich nicht und niemals mit nach Europa genommen werden kann.Â
Bei ihrem Projekt geht es den beiden KĂŒnstlern nicht um die RĂŒckgabe geraubter GĂŒter. Sie wollen stattdessen die Praktiken der Extraktion zeigen. Ein MissverstĂ€ndnis: Als sie beim Naturkundemuseum die Daten fĂŒr die Reproduktion der Knochen angefragt haben, war die Reaktion schnell: Nicht ein einziger Knochen werde nach Afrika zurĂŒckgegeben â "not a single bone".