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Das Jahr der Revolte in Frankfurt

05.04.2018

4 min Lesezeit

Autor*in:
Julia Schmitz
Zu sehen ist der Oberkörper von Julia Schmitz. Sie lÀchelt in die Kamera, trÀgt eine braune Brille und einen blauen Cardigan.
Protest gegen die alten Strukturen an der UniversitĂ€t, die Notstandsgesetze und den Vietnamkrieg: Das Jahr 1968 hat sich als Zeit des Umbruchs in die Geschichte eingeschrieben. Welche Rolle Frankfurt dabei spielte, erklĂ€rt das Buch „Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968“ von Claus-JĂŒrgen Göpfert und Bernd Messinger.

1968, das Jahr, in dem die VerhĂ€ltnisse umgepflĂŒgt werden sollen: Die Generation der Kriegskinder ist erwachsen geworden und wehrt sich gegen die verkrusteten VerhĂ€ltnisse der Wirtschaftswunderzeit und die Überbleibsel der nationalsozialistischen Herrschaft: Finden sich nicht noch immer ehemalige ranghohe Nazis in Politik und Wirtschaft, ja sogar als Lehrende an Schulen und UniversitĂ€ten wieder? Sollen sie weiterhin das Sagen haben? In Berlin laufen die Diskussionen heiß, aber auch in Frankfurt am Main finden hitzige Debatten statt. An der UniversitĂ€t ermutigen Professoren wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer ihre Studenten zum selbststĂ€ndigen Hinterfragen der herrschenden Machtstrukturen.

In sogenannten „teach ins“, also groß angelegten Diskussionsrunden auf dem UniversitĂ€tscampus zu einem aktuellen Thema, suchen die Studenten den Diskurs mit der universitĂ€ren Obrigkeit zwecks einer Partizipation an der Erarbeitung des Lehrmaterials: „Unter den Talaren – Muff von tausend Jahren“, das soll Vergangenheit sein, man will sich nicht mehr vorschreiben lassen, was man zu lernen hat. Der Spruch war 1967 zum ersten Mal auf einem Transparent an der UniversitĂ€t Hamburg aufgetaucht und spĂ€ter StĂ€dte ĂŒbergreifend, auch in Frankfurt, als Parole fĂŒr die Studentenbewegung eingesetzt worden.

Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren

Doch nicht nur die UniversitĂ€t steht im Mittelpunkt der Proteste. Auch der Vietnamkrieg und die geplanten Notstandsgesetze der Bundesregierung sowie die UnterdrĂŒckung des Arbeiters durch die herrschende Klasse bilden die zentralen Pfeiler des Protests. Letzteres wirkt rĂŒckblickend fast absurd, stammte doch ein Großteil der Protestler aus eben der gesellschaftlichen Schicht, die sie zu bekĂ€mpfen versuchten. Schillernde Figuren wie Daniel Cohn-Bendit und der spĂ€ter an den Folgen eines Attentats verstorbene Rudi Dutschke treiben den Protest voran und geben maßgebliche Impulse.

Zwei Studenten an der UniversitĂ€t Hamburg mit dem Banner „Unter den Talaren – Muff von 1000 Jahren“, 1967, Foto: Arbeitsstelle fĂŒr UniversitĂ€tsgeschichte, Image via: Foto: uni-hamburg.de

Dass diese Protestkultur nicht nur in der Frontstadt West-Berlin, sondern auch in Frankfurt am Main kulminierte, veranschaulichen die Frankfurt am Main seit Jahren eng verbundenen Autoren und Journalisten Claus-JĂŒrgen Göpfert und Bernd Messinger in ihrem Buch. In vielen kurzen Kapiteln beleuchten sie die VorgĂ€nge am Main rund um das Jahr 1968 sowie die Auswirkungen auf den einige Jahre spĂ€ter heiß laufenden HĂ€userkampf. 

Frankfurt als Ort der Protestkultur

Exkurse fĂŒhren den Leser in den weit ĂŒber Frankfurt hinausreichenden Protest gegen den Vietnamkrieg und den Prager FrĂŒhling, sowie die anbrechende Frauenbewegung in einer ansonsten – auch in den Reihen der linken Demonstranten – mĂ€nnlich dominierten Welt. In ausfĂŒhrlicheren PortrĂ€ts werden außerdem die fĂŒr die Studentenbewegung zentralen Figuren Hans-JĂŒrgen Krahl und Daniel Cohn-Bendit vorgestellt. Letzterer lebt noch immer in Frankfurt.

Symbolische Umbenennung der Goethe-UniversitÀt im Mai 1968 durch den SDS; Foto: UniversitÀtsarchiv Frankfurt, Image via: uni-frankfurt.de

Dass die beiden Autoren Zeitgenossen sind und die damalige Bewegung womöglich aktiv unterstĂŒtzt haben, bricht sich, trotz aller Sachlichkeit der Darstellung, immer wieder Bahn. So erscheint es ihnen offenbar notwendig, mehrmals darauf hinzuweisen, dass nicht in West-Berlin, sondern in Frankfurt die eigentlichen Entscheidungen der 68er getroffen wurden. Passagenweise wirkt das, als mĂŒssten sie sich fĂŒr die letztendlich in den 1960ern doch noch vorherrschende ProvinzialitĂ€t der Stadt rechtfertigen und die Ereignisse aufbauschen.

Eine nostalgische VerklÀrung?

Hinzu kommt eine stellenweise nostalgische VerklĂ€rung der Zeit, etwa, wenn der heutigen Jugend die FĂ€higkeit zu „echtem“ Protest abgesprochen wird, weil sie sich nur noch mit den sozialen Medien beschĂ€ftigt. Sieht man einmal darĂŒber hinweg, bietet „Das Jahr der Revolte. Frankfurt 1968“ einen gut lesbaren und informativen Einstieg in die Materie rund um die Studentenbewegung, ohne die unsere Gesellschaft heute sicherlich eine andere wĂ€re.

Daniel Cohn-Bendit 1968 vor der Paulskirche, Demo gegen die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels an Leopold Senghor. Foto: Institut fĂŒr Stadtgeschichte, Image via: fr.de