Gabriele Stötzer, Die unbotmäßige Frau, 2022, Courtesy: Gabriele Stötzer
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

„Dabei sein und nicht schweigen“

In einem System der Unterdrückung und Zersetzung wurde die Kunst für Gabriele Stötzer zur Überlebensstrategie. Der Gropius Bau widmet der Künstlerin, Aktivistin und Feministin bis zum 6.12.2026 eine große Einzelausstellung.

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„Hab’ ich euch nicht blendend amüsiert?“ fragt Gabriele Stötzer im letzten Raum ihrer Ausstellung im Gropius Bau. Nackt steht sie vor einem Spiegel, wiederholt die Frage 66 Mal. Mal schnell, mal flüsternd, immer eindringlich. Parallel bedeckt sie ihren Körper mit Farbe: auf weiße Grundierung folgen blutrote Striche, die an ein Skelett oder Gefängnisgitter erinnern. Im Sommer 1989 entsteht der Super-8-Film in einem Erfurter Hinterhof. Stötzer ist allein, spricht zu einem imaginären Publikum. Zu den Stasi-Spitzeln, die sie zersetzen wollen. Sie steht unter Dauer-Beobachtung, wie ihre Stasi-Akte später eindrücklich belegt.

Kunstinstallation mit drei hängenden Figuren aus Textil und einem alten Fernseher in der Mitte.
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
Ausstellungsansicht mit Kunstwerken an einer Wand und Katalogen auf einem Tisch, die den Schwerpunkt auf die Frauengalerie hervorheben.
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
Besucher betrachten Kunstwerke in einer Galerie mit bunten Bannern und Zeichnungen an den Wänden.
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Zwischen Haft und Widerstand

Geboren 1953 bei Gotha in Thüringen tippt sie als junge Frau auf ihrer Schreibmaschine die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und unterschreibt als erste. In der Nacht, bevor sie die Liste nach Ostberlin bringen will, wird sie verhaftet. 12 Monate sitzt sie im Frauengefängnis Hoheneck und erinnert sich daran, dass sie als Kind Künstlerin werden wollte. Die Haft, die extreme Nähe zu anderen Frauen und die erzwungene Nacktheit haben Folgen für ihre Wahrnehmung von Frauen und ihrem eigenen Körper. Kunst wird für sie zur Überlebensstrategie. Im Dezember 1989 gehört sie zu den vier Frauen, die die Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt besetzt haben, um Aktenvernichtung durch die Staatssicherheit zu stoppen.

Seither spricht Stötzer öffentlich über ihre Erfahrungen mit dem System, hat 2013 das Bundesverdienstkreuz erhalten. Für die Ausstellung „Dabei sein und nicht schweigen“ stellen die Kurator*innen Julia Grosse und Christopher Wierling nun im Gropius Bau ihr künstlerisches Schaffen in den Fokus. Zwölf Super-8-Videos spannen zu Beginn Stötzers Kosmos auf: Da stehen frühe dokumentarische schwarz-weiß Aufnahmen von Erfurt neben Farbbildern von 1989 – die Kamera dreht sich, alles ist in Bewegung, ein formaler Spiegel der Zeit. An einem Abend filmte sie bei Wein und Musik zwei Bekannte. Sie tanzen und berühren sich. Auch sie waren Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi.

Besucher einer Ausstellung schauen sich Video-Installationen in einem modernen Raum mit Holzfußboden an.
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk

Punk, Mythos und Körper

Die Dauerpräsenz des Staates wird in den knappen Erläuterungstexten immer wieder gut vermittelt. Viele ihrer Aktivitäten und sozialen Treffpunkte wurden durch die Staatssicherheit aufgelöst und verboten – Bücher wurden zu „eigenen kleinen Galerien“. Ein ganzer Raum widmet sich Stötzers Flachware: Zwischen 1982 und 1988 entstanden Buchobjekte, Leporellos und Mappen mit eigenen Texten, Zeichnungen, Collagen und übermalten Fotos.

Tänzelnde Menschen mit Punkfrisuren, mythologische Mischwesen und Körperfragmente – über vier Jahrzehnte hat Stötzer ein eigenes Alphabet an Zeichen etabliert. Bereits in ihren frühen Zeichnungen ist ihr Interesse an der seriellen Anordnung von Posen und Gesten zu sehen, das sich in den fotografischen und filmischen Arbeiten fortsetzt. Diese Kunst ist zugänglich, manchmal nahezu simpel in der Wahl ihrer Mittel, etwa wenn Draht den Mund zuhält oder die Wimperntusche von Bild zu Bild verschmiert. Diese Arbeiten hatten kein Verwertungsziel. Sie waren unmittelbarer Selbstausdruck, ein Mittel, sich selbst und seine Umgebung zu begreifen, sich zu spüren, in einem System, das auf Zersetzung der eigenen Existenz aus war: „Irgendwann musste ich mit mir selbst Kunst machen.“

36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es die erste Einzelausstellung einer ostdeutschen Künstlerin im Gropius Bau. Im Oktober wird Gabriele Stötzer in Goslar der Kaiserring verliehen. Auch hier ist sie die erste ostdeutsche im Reigen mit Hans Haacke, Rebecca Horn und Co. Die Chancen, dass Kunst, die in der DDR entstanden ist, langfristig in den Kanon deutscher Kunst aufgenommen wird, steigen.

Buntes Wandkunstwerk mit stilisierter menschlicher Figur und Fischschwanz, in lebhaften Farben gestaltet.
Gabriele Stötzer, Undine kommt, 2025, Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
Collage aus Zeichnungen und Aquarellen mit Figuren, abstrakten Motiven und handschriftlichen Notizen.
Gabriele Stötzer: Dabei sein und nicht schweigen, Installationsansicht, Gropius Bau, 2026
© Gropius Bau, Foto: Rosa Merk
Kollage von Lippen in verschiedenen Posen und Perspektiven, monochrom und künstlerisch gestaltet.
Gabriele Stötzer, Lippen mit Draht, 1983, Courtesy: Gabriele Stötzer
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Eine Serie von Porträts, die eine Person in unterschiedlichen Gesten und Mimik darstellen.
Gabriele Stötzer, Gesten – Selbstinszenierung, 1981, Courtesy: Gabriele Stötzer, Foto: Cornelia Schleime
© VG Bild-Kunst, Bonn 2026

Gabriele Stötzer. Dabei sein und nicht schweigen

Gropius Bau, Berlin
19. Juni bis 6. Dezember 2026