„Dabei sein und nicht schweigen“
30.06.2026
4 min Lesezeit
In einem System der Unterdrückung und Zersetzung wurde die Kunst für Gabriele Stötzer zur Überlebensstrategie. Der Gropius Bau widmet der Künstlerin, Aktivistin und Feministin bis zum 6.12.2026 eine große Einzelausstellung.
Zwischen Haft und Widerstand
Geboren 1953 bei Gotha in Thüringen tippt sie als junge Frau auf ihrer Schreibmaschine die Petition gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns und unterschreibt als erste. In der Nacht, bevor sie die Liste nach Ostberlin bringen will, wird sie verhaftet. 12 Monate sitzt sie im Frauengefängnis Hoheneck und erinnert sich daran, dass sie als Kind Künstlerin werden wollte. Die Haft, die extreme Nähe zu anderen Frauen und die erzwungene Nacktheit haben Folgen für ihre Wahrnehmung von Frauen und ihrem eigenen Körper. Kunst wird für sie zur Überlebensstrategie. Im Dezember 1989 gehört sie zu den vier Frauen, die die Stasi-Bezirksverwaltung in Erfurt besetzt haben, um Aktenvernichtung durch die Staatssicherheit zu stoppen.
Seither spricht Stötzer öffentlich über ihre Erfahrungen mit dem System, hat 2013 das Bundesverdienstkreuz erhalten. Für die Ausstellung „Dabei sein und nicht schweigen“ stellen die Kurator*innen Julia Grosse und Christopher Wierling nun im Gropius Bau ihr künstlerisches Schaffen in den Fokus. Zwölf Super-8-Videos spannen zu Beginn Stötzers Kosmos auf: Da stehen frühe dokumentarische schwarz-weiß Aufnahmen von Erfurt neben Farbbildern von 1989 – die Kamera dreht sich, alles ist in Bewegung, ein formaler Spiegel der Zeit. An einem Abend filmte sie bei Wein und Musik zwei Bekannte. Sie tanzen und berühren sich. Auch sie waren Inoffizielle Mitarbeiter der Stasi.
Punk, Mythos und Körper
Die Dauerpräsenz des Staates wird in den knappen Erläuterungstexten immer wieder gut vermittelt. Viele ihrer Aktivitäten und sozialen Treffpunkte wurden durch die Staatssicherheit aufgelöst und verboten – Bücher wurden zu „eigenen kleinen Galerien“. Ein ganzer Raum widmet sich Stötzers Flachware: Zwischen 1982 und 1988 entstanden Buchobjekte, Leporellos und Mappen mit eigenen Texten, Zeichnungen, Collagen und übermalten Fotos.
Tänzelnde Menschen mit Punkfrisuren, mythologische Mischwesen und Körperfragmente – über vier Jahrzehnte hat Stötzer ein eigenes Alphabet an Zeichen etabliert. Bereits in ihren frühen Zeichnungen ist ihr Interesse an der seriellen Anordnung von Posen und Gesten zu sehen, das sich in den fotografischen und filmischen Arbeiten fortsetzt. Diese Kunst ist zugänglich, manchmal nahezu simpel in der Wahl ihrer Mittel, etwa wenn Draht den Mund zuhält oder die Wimperntusche von Bild zu Bild verschmiert. Diese Arbeiten hatten kein Verwertungsziel. Sie waren unmittelbarer Selbstausdruck, ein Mittel, sich selbst und seine Umgebung zu begreifen, sich zu spüren, in einem System, das auf Zersetzung der eigenen Existenz aus war: „Irgendwann musste ich mit mir selbst Kunst machen.“
36 Jahre nach der Wiedervereinigung ist es die erste Einzelausstellung einer ostdeutschen Künstlerin im Gropius Bau. Im Oktober wird Gabriele Stötzer in Goslar der Kaiserring verliehen. Auch hier ist sie die erste ostdeutsche im Reigen mit Hans Haacke, Rebecca Horn und Co. Die Chancen, dass Kunst, die in der DDR entstanden ist, langfristig in den Kanon deutscher Kunst aufgenommen wird, steigen.