Die höchste aller KĂŒnste besteht bekanntlich darin, ein Werk zu erschaffen, das mĂŒhelos leicht daherkommt, hinter dem aber tatsĂ€chlich gröĂte Sorgfalt und somit ein gerĂŒtteltes MaĂ an Arbeitsleistung stecken â wie auch immer man diese im Einzelnen (als tatsĂ€chliche körperliche Arbeit, Ideenfindung, als Summe jahrzehntelanger Erfahrungen und somit wiederum Routine und Arbeit) definieren mag. Und wenn dieses Prinzip fĂŒr einen guten Popsong gilt, dann mit Sicherheit auch fĂŒr die Bildende Kunst und hier zum Beispiel fĂŒr Gabriel Kuri: Sein SelbstportrĂ€t gehört auf den ersten Blick nicht zu den lautesten Arbeiten in der aktuellen ICH-Ausstellung, doch genau deshalb lohnt sich hier der zweite, dritte, vierte.
Eine Meeresschnecke, eingerollt in eine goldene Isolierfolie, die wiederum umrahmt von einer filigranen Schnur, unter der eine Aluminiumdose klemmt: Kuris âself-portrait (with hollow egg) as early peak chartâ scheint Konkretum und Abstraktion in Vollendung, ohne dass die einzelnen Attribute sich hierdurch auflösen wĂŒrden. In seiner Reduktion auf wenige, offenbar rohe Ausgangsmaterialien ist das Werk fernab einer inhaltlichen Bestimmung genau das, was es vorgibt zu sein. Vier Dinge, ein Titel: Konkreter geht es nicht. Im selben Atemzug aber bleibt das Selbstbildnis natĂŒrlich absolut vage: Was soll der Titel schon bedeuten? Rekurriert das âhohle Eiâ auf eine Form des GebĂ€rens, oder fĂŒhrt die Assoziation ins Leere? Und um welche Art von Kunstwerk handelt es sich hier nun ĂŒberhaupt?
Ein synĂ€sthetisches GespĂŒr fĂŒrs Material
Schon in der Form nĂ€mlich muss eine nĂ€here Bestimmung fehlschlagen: Als KĂŒnstler beschĂ€ftigt sich Kuri zwar auch mit Fotografie und Collagen, aber vornehmlich mit der Kunst in ihrer dreidimensionalen Form. Das skulpturale SelbstportrĂ€t allerdings wird nicht im Raum platziert, sondern an die Wand gehĂ€ngt, etwa auf Augenhöhe des Betrachters, und Ă€hnelt damit schon viel eher einer Assemblage. Und auch sonst lĂ€sst sich nichts bestimmen, wie sich scheinbar alles bestimmen lĂ€sst: Sind das ein paar zusammengesuchte Materialien in einer Version von What You See Is What You Get? Oder soll sich hier, der leicht kryptische Titel deutet es möglicher Weise an, tatsĂ€chlich nicht weniger als die groĂe Weltformel entfalten?
Dieses Straucheln in der Schwebe bei gleichzeitiger Reduktion aufs Nötigste (was in diesem Fall immer noch fantastisch und gar ein wenig glamourös, weil absolut filigran zusammengestellt ausschaut), lĂ€sst sich vielleicht als Quintessenz von Gabriel Kuris Arbeiten ausmachen. Zum schwebenden Charakter passt auch, dass die Schnur die ganze Zusammenstellung nur so gerade eben zusammenzuhalten scheint. Die drohende Zerstörung des Werks, sein mögliches Auseinanderbrechen sind ihm quasi als negatives Vorzeichen eingewebt; die Faszination dafĂŒr, dass eben dies nicht geschieht, umso gröĂer. Ansonsten â kein Gramm zu viel, kein Material zu wenig, und wenn das Ganze allzu harmonisch wirkt, dann kommt gegebenenfalls die Asymmetrie: Das sind pure PrĂ€zision und ein GespĂŒr fĂŒr MaterialitĂ€t, als ob der KĂŒnstler Goldfolie und Faden, Marmorplatte und Milchglasscheibe in einer irgendwie synĂ€sthetischen Weise selbst erfahren könne. Aber wer weiĂ.
Ich, das sind viele
Dabei nutzt Kuri zwar gern, aber nicht ausschlieĂlich Alltagsmaterialien: Auch der oben genannte Marmor beispielsweise findet den Weg in seine Skulpturen und Installationen â er wird aber ebenso subtil eingesetzt wie alles ĂŒbrige und hat somit gar nichts mehr von der brachialen QualitĂ€t steinerner Skulpturen. Geboren wurde Gabriel Kuri 1970 in Mexiko-Stadt, wo er spĂ€ter auch die National School of Arts besucht. Am Londoner Goldsmith College vertieft er seine Studien, inzwischen lebt der Bildhauer im kalifornischen Los Angeles. Das SelbstportrĂ€t nimmt einen von mehreren wiederkehrenden Schwerpunkten in seiner Arbeit ein, neben dem in der SCHIRN prĂ€sentierten Werk fertigte Gabriel Kuri eine ganze Reihe Ă€hnlicher Werke an, vom âself-portrait with a symmetrical ripple effectâŠâ bis zum âself-portrait with a basic symmetrical distribution loopâ. Dieselbe Ausgangsbasis (unter anderem Isolierfolie und Muschel), unterschiedliche Anordnungen: Ich, so legt die Werkserie nahe, das sind viele Variationen und Versionen. Die Summe lĂ€sst sich dabei immer wieder auf die Ă€hnlichen einzelnen Teile zurĂŒckrechnen.
Gabriel Kuri, Self portrait as symmetrical ripple effect in distribution loop, 2014, Image via luizabrenner.com
Wenn man sich an der OberflĂ€che abgearbeitet hat und ĂŒber die Titel mögliche Inhalte anvisiert, dann eröffnet Gabriel Kuris Werk etliche weitere Optionen zur Vertiefung: Allein zum Thema Exponentialfunktionen hat er eine ganze Serie mit zahlreichen Arbeiten angefertigt, die sich wiederum durch einen spezifischen Fundus an Ă€hnlichen Materialien in verschiedensten Kombinationen auszeichnet. Bilaterales Wachstum als eine Aufreihung von Glaszylinder mit Muschel, Waschbeton und Schaumstoff, und dann ein Titel, der in der einen oder anderen Form auf exponentielles Wachstum rekurriert: Versinnbildlicht dies den okkulten Charakter eines Wirtschaftssystems, das man verstehen, aber niemals begreifen kann?
Jetzt wir die Sache erst richtig interessant
Vermutlich ist das ganz Konkrete aber auch hier nur eine Art Köder, eine besondere Handfertigkeit des Gabriel Kuri. Der gar nicht erst vorgibt, dass Inhalte tatsĂ€chlich in der Kunst irgendwie vollstĂ€ndig aufgehen könnten, sondern sich ganz auf diese Position, die kĂŒnstlerische also, konzentriert. Wo manch anderes Werk im Wust markiger Worte und dahin gerotzter Nonchalance mitunter eher wirkt, als gelte es die totale Ahnungslosigkeit möglichst pompös zu ĂŒberspielen, wollen Kuris fein komponierte und gegenĂŒber anderen wenig aufsehenerregenden Skulpturen, Collagen und SelbstportrĂ€ts dem Anschein nach nicht mehr sein, als sie sind. Doch gerade deshalb könnte eine BeschĂ€ftigung ĂŒber das Begutachten dieser perfekten und doch so bescheiden daherkommenden ChimĂ€ren hinaus die Sache erst richtig interessant werden lassen.
Gabriel Kuri, Platform I (flattened filters), 2012, Image via sadiecoles.com